Geld ist ein Mysterium, das zu entschlüsseln, besser noch, für sich zu nutzen, Menschen von jeher beschäftigte. Ich weiß nicht, wie viele Bücher darüber geschrieben wurden, wahrscheinlich würden sie ganze Bibliotheken füllen. Warum übt Geld eine derartige Faszination aus? Mit Geld kann man sich materielle Wünsche erfüllen oder man kann andere Menschen dazu bringen, eigenen Begehren dienstbar zu sein. Auf die Frage, wie Geld aussieht, könnte wohl jeder Beispiele nennen. Geld, das sind Geldscheine und Münzen, aber auch Guthaben auf Bankkonten. Guthaben bei Versicherungen oder Forderungen an Firmen und Privatpersonen könnte man ebenfalls dazuzählen, jedenfalls wenn sie leicht mobilisierbar sind. Sind Kredite auch Geld? Irgendwie ja, denn mit aus Krediten stammenden Geld, kann man Waren und Dienstleistungen erwerben. In den letzten Jahren kamen elektronisch generierte Zeichen hinzu, deren Wert sich, einer Ware gleich, aus Angebot und Nachfrage bestimmt. Ihr Gebrauchswert resultiert zu einem Teil aus dem Umstand, dass sie sich staatlicher Reglementierung und Überwachung weitgehend entziehen. Andere Formen elektronischen Geldes sind im Gegensatz eher dazu ausgelegt, die staatlichen Zugriffsmöglichkeiten zu erweitern. Was haben alle diese Beispiele oder Formen von Geld gemeinsam? Die wichtigste Gemeinsamkeit besteht darin, dass man mit ihnen Waren und Dienstleistungen erwerben kann. Das ist ihre Bestimmung. Doch, was ist das verbindende Element all dieser Formen von Geld, ihr Wesen sozusagen? Für diese Frage müssen wir einen Blick in die Geschichte des Geldes werfen.
Zur Geschichte des Geldes sei, neben anderen, auf Karl Marx verwiesen, der sich im „Kapital“ intensiv mit dieser Frage auseinandersetzte. Seine Analyse endete naturgemäß mit seiner Gegenwart, das heißt, in der Epoche des vorindustriellen Kapitalismus. Der Austausch von Waren und Dienstleistungen wurde in den von ihm untersuchten Zeiträumen vorwiegend Produkt gegen Produkt beziehungsweise unter Zuhilfenahme einer Geldware abgewickelt. Zur Geldware wurden Produkte, die jeder Marktteilnehmer für die Begleichung einer Forderung akzeptieren konnte. Im Laufe der Zeit etablirten sich vor allem Edelmetalle, oft in Form von Gold- oder Silbermünzen, als Geldwaren. Sie konzenrierten einen hohen Wert in einem geringen Volumen und waren als Material sehr beständig. Ihr Nachteil war, dass sie nur begrenzt zur Verfügung standen und ihr sicherer Transport einen relativ hohen Aufwand verursachte.
Deshalb bildeten sich nach und nach verschiedene Wege einer einfacheren Abwicklung von Geschäften heraus. Man konnte zum Beispiel Forderungen und Verbindlichkeiten eines Klienten miteinander verrechnen, ohne dass Geldware bewegt werden musste. Es war auch möglich, einen Schuldschein gegen das eigene Vermögen oder gegen Guthaben bei Dritten auszustellen und diesen zur Bezahlung von Waren und Dienstleistungen einzusetzen. Der Nachteil dieser Schuldscheine war, dass sie sich auf einen konkreten Schuldner bezogen, dessen zweifelsfreie Solvenz nur einem begrenzten Kreis von Geschäftsleuten geläufig war. Banken und deren Solvenz waren einem größeren Kreis von Händlern bekannt. Die von ihnen ausgegebenen Schuldscheine respektive Banknoten fanden daher breitere Akzeptanz. Dies galt umso mehr, wenn die Bank eine staatlichen Autorisierung zur Ausgabe von Banknoten erhielt.
Als Erfinder solcherart „Papiergelds“ gilt China, wo es für das 11. Jahrhundert dokumentiert ist. Die dort in Umlauf gebrachten Geldscheine konnten auf den Märkten jederzeit in Geldware, in der Regel Münzen, eingetauscht werden, so dass die Händler nicht mehr genötigt waren, schwere Münzen zu den Märkten zu transportieren. In Europa wurden im 16. Jahrhundert erste offizielle Banknoten ausgegeben. Allen Banknoten war gemeinsam, dass sie einen jederzeit einlösbaren Anspruch auf Geldware dokumentierten. Die Geldware war damit weiterhin an jedem Geschäft beteiligt, auch wenn sie physisch nicht in Erscheinung trat.
Nach dem Tod von Karl Marx vollzogen sich grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, die auch die Rolle des Geldes veränderten. Auslöser der Entwicklungen war die industrielle Revolution, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den fortgeschrittenen Ländern Fahrt aufnahm. In wachsendem Maße wurden Maschinen in den Produktionsprozess einbezogen. Die Industrie, die sich vor allem in den Städten konzentrierte, zog viele Menschen an, die sich dort als Arbeitskräfte verdingten. Zum Ende des Jahrhunderts erreichten die Veränderungen einen Punkt, an dem die industrielle Produktion zur dominierenden Kraft der Volkswirtschaften dieser Länder wurde. Die Landwirtschaft, die bisher die Volkswirtschaften getragen hatte, verlor demgegenüber an Bedeutung. Dieser Prozess war auch von grundlegenden Veränderungen in den Beziehungen der Produzenten, Händler und Konsumenten zueinander begleitet.
Für die sich schnell ausweitende Massenproduktion und den damit einhergehenden massenhaften Austausches von Gütern wurden immer größere Mengen an Papiergeld benötigt. Damit entstand die Gefahr, dass weit mehr Geldscheine in Umlauf kamen, als Goldreserven zu ihrer Deckung vorhanden waren. Solange sich die Märkte stabil entwickelten, schien dies problemlos zu sein. Würden jedoch irgendwelche Ereignisse die Verkäufer verunsichern, könnten sie womöglich den sicheren Hafen suchen und das mit dem Papiergeld versprochene Gold einfordern. In einem solchen Fall wären die Banken, die die Geldscheine ausgegeben hatten, wahrscheinlich nicht in der Lage, ihr Versprechen zur Aushändigung von Gold im Wert der von ihnen ausgegebenen Banknoten einzulösen. Sie wären zahlungsunfähig. Die Zahlungsunfähigkeit einer Bank ist mit großen volkswirtschaftlichen Risiken verbunden, denn sie könnte zu Kettenreaktionen und schließlich zum Kollaps der Märkte mit unübersehbaren politischen Folgen führen. Um dieser Gefahr vorzubeugen, schränkte man die Eintauschbarkeit der Geldscheine gegen Gold schrittweise ein. Im nach dem 2. Weltkrieg etablierten Finanzsystem spielte sie nur noch im internationlen Zahlungsausgleich eine gewissse Rolle. Die letzten Reste dieses von den USA getragenen Goldstandards wurden 1973 liquidiert.
Geldscheine konnten nun in keiner Weise mehr als Repräsentant einer Geldware gelten, sie waren nur noch bedrucktes Papier. Das mit ihnen verbundene Versprechen beschränkte sich auf die staatlich verfügte Verpflichtung aller, Papiergeld für die Bezahlung jeglicher Verbindlichkeiten zu akzeptieren. Volkswirtschaftlich gesehen wurden die Verkäufer damit endgültig zu Kreditgebern, denn sie erhielten für ihre eigenen Produkte keine Produkte anderer Hersteller, auch keine Geldware, sie bekamen lediglich das Versprechen, ihre aus dem Verkauf resultierenden Forderungen, die sie in Form von Papiergeld in Händen hielten, zu einem späteren Zeitpunkt, auf einem beliebigen Markt realisieren zu dürfen. Damit richteten sich die Forderungen der Verkäufer, die vorher gegen konkrete Käufer geltend gemacht wurden, nun gegen eine mehr oder weniger anonyme Gemeinschaft von Verkäufern, einem abstrakten „Markt“. Seine Forderungen, die der Verkäufer in Form von Papiergeld in Händen hielt, konnte er allerdings nur dann sinnvoll einsetzen, wenn auf den Märkten ein seinen Bedürfnissen entsprechendes Angebot an Waren und Dienstleistungen vorhanden war. Für deren Bereitstellung mussten die Anbieter ihrerseits Verpflichtungen eingehen, die mit der Verausgabung von Papiergeld verbunden waren. Das heißt, sie mussten Vorleistungen für Material und Arbeitskräfte erbringen, mithin Verbindlichkeiten eingehen, die sich erst durch den Verkauf der hergestellten Produkte als nutzbringend beweisen würden.
Die in einem solchen Prozess entstehenden Forderungen und Verbindlichkeiten sollten sich ausgleichen, da eine Forderung nur dadurch entstehen kann, dass beim Gegenpart eine Verbindlichkeit aufscheint. Auf Märkten, die für den einzelnen „anonym“ sind, gilt dies allerdings nicht mehr. Verbindlichkeiten in Form von Vorleistungen für die Produktion können hier nur zu Forderungen in Form von Papiergeld werden, wenn die Produkte auf eine entsprechende Nachfrage treffen. Können sie nicht verkauft werden, werden die mit ihnen latent verbundenen Forderungen nicht Wirklichkeit, sie werden nicht zu Geld. Schlimmer noch, die mit diesen Produkten verbundenen Verbindlichkeiten gegenüber Zulieferern und eigenem Personal können ohne die erwarteten Einkünfte womöglich nicht bedient werden. Kann der Unternehmer sie nicht anderweitig ausgleichen, droht ihm Zahlungsunfähigkeit. In einem solchen Fall würden die Forderungen seiner Lieferanten, Dienstleister und Arbeitskräfte nicht bedient werden können. Sie gingen wortwörtlich ins Leere, in eine leere Kasse. Dies kann wiederum bei den Geprellten zu Zahlungsproblemen führen und unter Umständen in einer Kettenreaktion die Nachfrage auf dem Markt insgesamt beeinträchtigen.
Betrachten wir den umgekehrten Fall. Unser Unternehmer kann seine Ware vollumfänglich absetzen. Er realisert höhere Einnahmen, als Ausgaben für die Produktion erforderlich waren. Mit anderen Worten, es realisiert mehr Forderungen in Form von Papiergeld als er Verbindlichkeiten für die Produktion eingehen musste. Der Überschuss bleibt als Gewinn im Unternehmen oder er wird zu Unternehmerlohn. Unter Umständen lässt der Unternehmer auch seine Arbeitskräfte am Erfolg teilhaben. Sollten alle Nutznießer des Gewinns, die die erwirtschafteten Forderungen in Form von Papiergeld in Händen halten, diese vollumfänglich zum Erwerb von Waren und Dienstleistungen einsetzen, entstünde zusätzliche Nachfrage. Daraus können Wachstumsimpulse resultieren, zumindest dann, wenn die zunehmende Nachfrage auf ein wachsendes Angebot an Waren und Dienstleistungen trifft. Kann letzteres nicht gesichert werden, zum Beispiel weil schwerwiegende wirtschaftliche oder politische Krisen dies verhindern, dann wird sich die Angleichung der Forderungen in Form von einem Mehr an Papiergeld im Vergleich zum begrenzten Angebot an Waren und Dienstleistungen durch steigende Preise, das heißt, auf dem Wege der Inflation vollziehen.
Die Zusammenhänge von Forderungen und Verbindlichkeiten haben wir bisher sehr allgemein betrachtet, sie können jedoch in Ort und Zeit Spezifika aufweisen. Der Faktor Ort sollte heutzutage eigentlich eine untergeordnete Rolle spielen, da fortgeschrittene Logistiksysteme räumliche Diskrepanzen von Angebot und Nachfrage schnell überbrücken können. Einschränkend muss angemerkt werden, dass dies nur unter „normalen“ Umständen gilt. Umweltkatastrophen, aber auch politische und wirtschaftliche Auseinandersetzungen, wie Kriege oder großflächige Arbeitskämpfe, können zu erheblichen Störungen in den Wirtschaftsbeziehungen führen. Die daraus resultierenden Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage setzen die Preise unter Druck. Nicht minder problematisch sind politisch motivierte Unterbrechungen internationaler Lieferketten, die ebenfalls zu Engpässen im Angebot und damit zu steigenden Preisen führen können.
Der Faktor Zeit sollte erst recht vernachlässigbar sein, da das moderne Bankensystem Zahlungsvorgänge in Echtzeit ermöglicht. Wie so oft, sind auch hier die auftretenden Probleme weniger der Technik als den Individuen geschuldet, die die Transaktionen vornehmen müssen. Man kann halt weder Menschen noch Unternehmen zwingen, die erwirtschafteten Forderungen, die in Form von Papiergeld ihr eigen sind, sofort und vollumfänglich auf den Märkten geltend zu machen. Sie könnten das Geld für spätere Investitionen oder Anschaffungen, vielleicht auch als Vorsorge für schlechte Zeiten, aufsparen. Das hätte zur Folge, dass sich diese Forderungen nicht in Nachfrage wandeln. Anders gesagt, die mit ihnen verbundene potenzielle Nachfrage wird den Märkten auf unbestimmte Zeit entzogen. Einerseits wird dadurch der inflationäre Druck, der aus dem Anstieg der Gewinne resultiert, gemildert, andererseits bleibt das mit den Gewinnen entstandene Wachstumspotenzial ungenutzt.
Derartige Probleme entstanden allerdings nicht erst mit dem Aufkommen der Massenproduktion. Bereits in den Zeiten, da die Geldware der Dreh- und Angelpunkt aller Geschäfte war, wurden Gold- und Silbermünzen als Schatz gebunkert beziehungsweise bei Banken hinterlegt und damit dem Wirtschaftskreislauf entzogen. Indem die Banken Kredite vergaben, sorgten sie für die Rückführung eines Teils der thesaurierten Geldware in die Wirtschaft. Basis ihrer Kredite waren die Einlagen der Kunden sowie ihr Eigenkapital. Heute, da die Geldware im Zahlungsverkehr keine Rolle mehr spielt, werden mit Krediten keine Werte ausgegeben, sondern das Versprechen, dass das als Kredit ausgegebene Papiergeld jederzeit zum Erwerb der benötigten Güter eingesetzt werden kann. Kredite repräsentieren also Forderungen gegen den „Markt“. Diese Forderungen, wie auch der „Markt“, sind solange abstrakt, bis sie sich in konkreten Käufen respektive Verkäufen materialisieren. Man könnte also sagen, dass mit den Papiergeldkrediten ein Teil der auf Konten brachliegenden Forderungen in den Markt zurückgegeben wird. Dort erhöhen sie die Nachfrage und sie befördern, sofern sie in Investitionen fließen, auch das zukünftige Angebot.
Ein wichtiger Teil der Einnahmen der Banken resultiert aus der Differenz zwischen den Zinsen, die sie den Anlegern zahlen und den Zinsen, die sie für die Kredite verlangen. Da Banken gewinnoriente Unternehmen sind, kann es geschehen, dass sie den Blick für vertretbare Kreditrisiken aus den Augen verlieren und in der Folge Kredite für gewagte Unternehmungen beziehungsweise an nicht ausreichend solvente Schuldner vergeben. Können diese Schuldner die Kredite nicht bedienen, kann das im schlimmsten Fall die Bank selbst ins Straucheln bringen. Banken werden in einem solchen Fall von einem die Wirtschaft stabilisierenden zu einem Faktor mit erheblichen Katastrophenpotenzial. Eine Bankenkrise kann ganze Volkswirtschaften in den Abgrund reißen. Nach leidvollen Erfahrungen gingen einige Länder dazu über, der Risikobereitschaft der Banken Schranken zu setzen, ihr Tun zu reglementieren.
Die Industrialisierung bescherte den fortgeschrittenen Ländern einen großen wirtschaftlichen Vorsprung gegenüber dem Rest der Welt. Die daraus erwachsende Macht nutzten sie zu ihrem Vorteil. Sie degradierten andere Länder zu schlecht bezahlten Lieferanten von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Arbeitskräften. Die sich dadurch verstärkenden Ungleichgewichte vergrößerten den Vorteil der entwickelten Länder und ihrer Unternehmen. Einige von ihnen akkumulierten gewaltige Kapitalien, mit denen sie eine Vormachtstellung auf den Märkten errangen. Sie waren in der Lage, mitunter in Absprache mit anderen Unternehmen, ganze Volkswirtschaften zu dominieren und Monopolgewinne zu erzielen. Ihr Egoismus führte nicht selten zu schwerwiegenden volkswirtschaftlichen Disproportionen. Regierungen sahen sich deshalb veranlasst, Gesetze zu erlassen, die die Möglichkeit der Monopolbildung einschränken sollten.
Die wachsenden Überschüsse in den Volkswirtschaften der entwickelten Länder schufen Möglichkeiten, die Lage der Arbeiterschaft nach und nach zu verbessern und deren Bildungsniveau zu heben. Dies war durchaus im Interesse der Unternehmen, da die moderne Industrie gut ausgebildete Fachkräfte benötigte. Der zunehmende Wohlstand in den Industrieländern drückte sich unter anderem in wachsenden Guthaben bei Geldinstituten aus. Mögen anfangs vor allem große Unternehmen die Nutznießer gewesen sein, so konnten bald auch kleinere Produzenten und Dienstleister sowie qualifizierte Arbeiter und Angestellte Rücklagen aufbauen. Die durch die Guthaben bei Geldinstituten brachliegenden Forderungen mussten jedoch zurück in den Wirtschaftskreislauf gebracht werden, damit die Nachfrage stabil bleiben und die Wirtschaft wachsen würde. Mit anderen Worten, eine Ausweitung der Kreditvergabe wurde zur Voraussetzung für die Verstetigung der wirtschaftlichen Entwicklung. Dem stand entgegen, dass es nicht genügend Investitionsvorhaben solventer Schuldner gab, um ein adäquat wachsendes Kreditvolumen zu rechtfertigen. Daraus erwuchs ein Zielkonflikt, den man als Gegensatz beschreiben kann. Auf der einen Seite stand das Erfordernis, das Kreditvolumen auszuweiten, damit es mit den wachsenden Guthaben bei Geldinstituten Schritt halten konnte, auf der anderen Seite mussten die mit der Ausweitung der Kreditvergabe einhergehenden Risiken begrenzt bleiben. Zur Lösung dieses Widerspruchs wurde ein Schuldner benötigt, den man als unbegrenzt solvent betrachten konnte.
Der Staat mit seinem Privileg, die Bürger und Unternehmen mittels Steuern und Abgaben zur Kasse bitten zu können, besaß das dafür erforderliche Potenzial. Dem Staat mit seinen Institutionen waren andererseits neue Aufgaben zugewachsen. Erinnert sei an die Sicherung einer zeitgemäßen Bildung und einer modernen Gesundheitsvorsorge sowie an die Schaffung einer modernen Infrastruktur. Aufgaben zur Sicherung der äußeren Märkte sowie des Zuflusses an natürlichen Ressourcen, gegebenenfalls mit militärischen Mitteln, kamen hinzu. Für all diese Aufgaben reichten die bisherigen Einnahmen des Staates nicht aus. Um die Lücke zu schließen, wurden zusätzliche Steuern erhoben, was bei Bürgern und Unternehmen allerdings selten gut ankam. Eine andere Möglichkeit, den wachsenden Finanzbedarf des Staates zu befriedigen, bestand darin, Kredite aufzunehmen. Auf diese Weise würden auch die in Form von Guthaben bei Geldinstituten brachliegende Forderungen wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden. John Maynard Keynes (1883-1946) gilt als Begründer dieses theoretischen Ansatzes.
Forderungen, die in Form von Papiergeld bei Geldinstituten brachliegen, wieder in den Markt zu bringen und damit die Nachfrage zu stabilisieren, ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Um Wachstum zu generieren, muss auch ein zeitgemäßes Angebot an Waren und Dienstleistungen verfügbar sein. Das heißt, es ist erforderlich, dass ein bestimmter Teil der gesamtgesellschaftlichen Ausgaben als Investitionen in die Wirtschaft fließt. Investitionen sind zuförderst Aufgabe der Unternehmen. Um Unternehmer für entsprechende Vorhaben zu motivieren, sind vorteilhafte wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen erforderlich. Dazu gehören neben sozialer Stabilität auch ein Vorlauf in der Forschung sowie Aufbau und Erhalt einer zeitgemäßen Infrastruktur. Diese Rahmenbedingungen zu sichern, wurde zu einer vorrangigen Aufgabe des Staates. Die Praxis bei der Realisierung von Infrastrukturvorhaben zeigte allerdings, dass der Staat selten ein effizienter Investor ist.
Mit den Aufgaben wuchs auch der Staatsapparat, der immer mehr Mittel verschlang. Aufwendungen für mehr Personal, für eine bessere Ausstattung der Büros und für eine angemessenen Bezahlung der dort Tätigen füllten die Ausgabenseiten seiner Bücher. Der Staat war zudem für die innere und äußere Sicherheit verantwortlich, weshalb Anschaffungen für Polizei und Armee nicht vernachlässigt werden durften. Letztere werden gern als Investitionen bezeichnet, was sie volkswirtschaftlich gesehen nicht sind, da mit Waffen und militärischen Ausrüstungen kein Beitrag zur Herstellung von Produkten oder Dienstleistungen erbracht wird. Gegenüber privater Konsumtion haben diese Güter zudem den Nachteil, dass für ihre Nutzung und Wartung weitere Kosten anfallen, die ebenfalls den Staatshaushalt belasten.
Der entstandene Hunger der Politik nach Konsumtion konnte zur Vernachlässigung von Investitionen in Infrastruktur, Forschung und Bildung führen. Im kritischen Blick auf diese Entwicklung entstanden Theorien, die einen schlanken Staat einforderten. Durch weniger Regeln und Schranken sollte das Angebot gestärkt und der Wirtschaft Dynamik eingehaucht werden. Auf diese Weise würde auch der Preisauftrieb begrenzt. Gleichzeitig sollten die investiven Aufgaben vom Staat zurück an die Wirtschaft gehen, da diese besser mit den Mitteln umgehen würde. Auch diese Theorie konnten nicht alle Versprechen einlösen. Es zeigte sich, dass Investitionen, die erst langfristig Wirkung entfalten, wie umfängliche Infrastruktur- und Wissenschaftsprojekte, nur schlecht oder gar nicht mit der Interessenslage privatwirtschaftlicher Unternehmen vereinbar sind. Letzteres gilt in besonderem Maß für Kapitalgesellschaften, deren Führungspersonal überwiegend am kurzfristigen Erfolg gemessen wird.
Wegen eines ideologisch bedingten Misstrauens gegen private Initiative gingen einige Länder dazu über, Unternehmen zu verstaatlichen und die Wirtschaft zentral zu führen. Dieses Experiment scheiterte. Erfolge in einigen aufstrebenden Volkswirtschaften zeigen jedoch, dass staatliche Zielvorgaben und eine adäquate wirtschaftliche Rahmensetzung helfen können, gravierende Disproportionen zu vermeiden und langfristige gesellschaftliche Aufgabenstellungen mit vereinter Kraft zu bewältigen. Die Frage ist, wie weit diese staatlichen Eingriffe gehen dürfen, damit die wirtschaftliche Dynamik befördert und nicht beeinträchtigt wird. Offensichtlich handelt es sich auch hier um einen Gegensatz, dem Gegensatz von „freier“ Marktwirtschaft und staatlicher Regulierung. Wie bei jedem Gegensatz liegt das Heil nicht im entweder/ oder, sondern in der Balance der Seiten. Diese Balance muss im Einklang mit den tatsächlichen Gegebenheiten immer wieder aufs Neue hergestellt werden.
Zurück zum Verhältnis von brachliegenden Mitteln in Form von Bankguthaben und dem in einer Volkswirtschaft erforderlichen Kreditvolumen. Wir hatten gesehen, dass der Staat als solventer Schuldner auftritt und dadurch hilft, die Balance zwischen den Seiten im gesamtgesellschaftlichen Rahmen zu stabilisieren. In diesem Zusammenhang entstehen zwei Fragen: erstens, woraus resultiert das in einigen Ländern stetig wachsende Geldvermögen, das dem Markt entzogene Nachfrage repräsentiert, und zweitens, kann der Staat tatsächlich als unbegrenzt solvent gelten, um dieses Ungleichgewicht abzuferdern?
Überschüsse bei Unternehmen sind Zeichen wirtschaftlicher Properität. Sie können zum Beispiel aus überdurchschnittlicher Rationalität der Fertigungsprozesse oder aus Produktinnovationen resultieren. Solcherart Alleinstellungsmerkmale sind temporär. Andere Hersteller fallen zurück. Sie sind angespornt, ihrerseits Innovationen hervorzubringen, um ihre Position zu verbessern. Gelingt dies nicht, werden sie vom Markt verschwinden. Durch das Vorpreschen werden einige Unternehmen mehr Fordrungen generieren als sie Verbindlichkeiten eingehen mussten. Dieses Mehr an Papiergeld kann für Investitionen eingesetzt werden, um die hervorgehobene Marktstellung zu halten. Andere Unternehmen, die zurückgefallen sind, werden womöglich Verluste einfahren, was die Liquidierung von Forderungen in Form von Papiergeld bedeutet. In einem „freien“ Markt sollten sich diese Bewegungen tendenziell ausgleichen. Umgekehrt ist Anhäufung von Reichtum bei wenigen Unternehmen Anzeichen dafür, dass dieser Markt anhaltenden Störungen, zum Beispiel durch Monopolbildung, Diskriminierung oder Korruption, ausgesetzt ist.
Das Ansparen von Guthaben bei Geldinstituten durch Privatpersonen ist zuförderst Ausdruck von Vorsorge fürs Alter oder für die Wechselfälle des Lebens. Dieser Teil brachliegender Forderungen sollte über Kredite des Staates in Investitionen für die Daseinsvorsorge fließen. Durch besondere Leistungen als Unternehmer, Erfinder, Künstler oder auf anderen Gebieten können einige Privatpersonen ein überdurchschnittliches Einkommen erzielen. Sie sollten dann auch überdurchschnittlich an der Erhaltung sozialer Stabilität beteiligt werden. In vielen Ländern verzeichnet man darüber hinaus eine starke Konzentration von Vermögen bei einzelnen Privatpersonen respektive Familien, die nicht aus persönlicher Leistung resultieren kann. Sie sind Resultat gestörter Märkte. Die mit den Vermögen einhergehende Macht wird zum Erhalt beziehungsweise aus der Privilegien eingesetzt.
Ein Teil der in wachsenden Geldvermögen brachliegenden Forderungen wird durch Kredite des Staates und seiner Gliederungen wieder in die Märkte gegeben. Wie jeder andere potenzielle Schuldner muss auch der Staat jemanden finden, der ihm das benötigte Geld leiht. Das können Privatpersonen oder Unternehmen, Banken und Versicherungen zum Beispiel, sein. Letztere verwalten wiederum das Vermögen ihrer Kunden. Für die Bereitstellung der Mittel verlangt der Kreditgeber Zinsen, zumindest ist das die Regel. Die Zinsen muss der Staat über seinen Haushalt finanzieren, was seinen zukünftigen finanziellen Spielraum einschränkt. Ist das volkswirtschaftliche Wachstum groß genug, können die um die Zinsen vermehrten Ausgaben durch höhere Einnahmen, die aus Wirtschaftswachstum resultieren, kompensiert werden.
Um Wachstum zu gegerieren, sind günstige wirtschaftliche Rahmenbedingungen und ein effizient agierender Staatsapparat erforderlich. Wir hatten bereits festgestellt, dass Staaten nicht selten einen überbordenden Hunger nach Konsumtion entwickeln, der die Spielräume für die Schaffung dieser Rahmenbedingungen begrenzt. Wird in der Folge kein ausreichendes Wachstum erreicht, müsste es Aufgabe der Politik sein, die Ausgaben entsprechend zu reduzieren. In der Praxis wird dies, nicht zuletzt wegen der Interessenslage der Akteure, selten erreicht. Alternativ kann man die Bürger vermehrt zu Kasse bitten, was bei den potenziellen Wählern jedoch nicht gut ankommen wird. Übergewichtete konsumtive Ausgaben können auch die Inflation befeuern. Diese kann dem Staatshaushalt zeitweilig etwas Luft verschaffen, da sich mit den Preisen die Einnahmen aus der Umsatzsteuer erhöhen, ohne dass Steuersätze verändert werden müssten. Inflation ist jedoch ein zweischneidiges Schwert, denn sie ist auch Zeichen für wirtschaftliche Instabilität und damit Ursache für steigende Zinsen. Steigende Zinsen führen zu höheren Kreditkosten, die wiederum den Haushalt belasten. Hinzu kommt, dass die gezahlten Zinsen vor allem den ohnehin überdurchschnittlich Vermögenden zugute kommt. Die Diskrepanz von Geldvermögen und möglichem Kreditvolumen wird immer größer, das heißt, immer mehr Nachfrage wird dem Markt entzogen. Ein Teufelskreis tut sich auf, der mit immer mehr Schulden zur Finanzierung konsumtiver Ausgaben nicht durchbrochen werden kann.
zuletzt geändert: 19.04.2026
