Einige Worte zum Geleit

Hervorgehoben

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Der Nachteil ist, dass die jeweils zuletzt entstandenen Artikel ganz vorn stehen. Da ich aber keine Nachrichten verfasse, sondern Artikel, die aufeinander aufbauen, entspricht diese Abfolge nicht dem eigentlichen Anliegen. Der geneigte Leser ist deshalb gehalten, sich am Inhaltverzeichnis zu orientieren. Das Inhaltsverzeichnis ist im Hauptmenü angelegt. Unter Inhalt sind die einzelnen Artikel in einer logischen Struktur angeordnet und jeweils mit einem Link versehen, was das Navigieren vereinfachen soll. Außerdem findet man im Hauptmenü die Seite Home mit einigen Worten zum Anliegen dieser Arbeit und im Impressum meine Kontaktdaten.

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 zuletzt geändert: 25.01.2014

Zum Verhältnis von Revolution und Evolution

Eine Revolution wird als „grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme“ definiert, wobei dieser Wandel „meist aprubt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt“. 1) Im Gegensatz dazu wird die Evolution als „allmähliche Veränderung“ beschrieben. 2) Aprubter Wandel und allmähliche Veränderung sind zwei unterschiedliche Bewegungsformen von Strukturen, die nicht gleichzeitig vonstattengehen können, die einander ausschließen. Wenn man sich die Entwicklung der Welt anschaut, egal ob man den Kosmos betrachtet oder das Leben auf der Erde, egal ob man materielle oder ideelle Prozesse untersucht, man findet über lange Perioden gesehen immer beides, Phasen einer allmählichen Veränderung genauso wie aprubte Wendungen. Offensichtlich gehören beide Prozessformen zur Bewegung der Strukturen. Sie bedingen einander – aber warum?

Die Bedingtheit muss bereits in den kleinsten Bausteinen der Materie angelegt sein. Betrachten wir also das Atom. Das Atom besteht aus Protonen und Neutronen, die einen relativ stabilen Kern bilden, und aus Elektronen, die diesen Kern umschwirren und das dynamische Moment des Atoms bilden. Statisches und dynamisches Moment fügen sich zu einer Einheit, die stabil existieren kann, die aber auch zu Veränderungen fähig ist. Wenn es gelänge, dieses Atom von allen äußeren Strukturen abzuschirmen und ihre inneren Wechselwirkungen zu unterbinden, dann würde es bis in alle Ewigkeit unverändert existieren. Das wäre nicht nur langweilig, es ist auch unmöglich. Alles und jedes ist nunmal in größere Strukturen und deren Wirkungsgefüge eingebunden. Darüber hinaus existieren immer auch gleichartige oder ähnliche Strukturen, von denen Wirkungen ausgehen, die das Atom beeinflussen. Hinzu kommt, dass auch das Atom aus Bestandteilen besteht, die Wirkungen entfalten, die zur Veränderung des Atoms führen können. Erinnert sei in diesem Zusammmenhang an den radioaktiven Zerfall, der keiner äußeren Wirkungen bedarf.

Die äußeren wie auch die inneren Wirkungen begründen einen Abfluss oder auch einen Zufluss von Energie. Das Atom wird diese Zu- oder Abflüsse bis zu einem gewissen Grad verkraften und sich im Rahmen seiner Struktur anpassen. Die daraus resultierenden Veränderungen sind evolutionär, da sie das System, die Struktur des Atoms nicht grundlegend verändern. An einem bestimmten Punkt jedoch ist das Maß voll, der Entzug oder die Zufuhr von Energie führt zum Kolaps der bestehenden Struktur. Sie muss sich neu erfinden, das heißt, ein neues relatives Gleichgewicht von Struktur und Bewegung herstellen, oder untergehen. Diese strukturelle Veränderung erfolgt aprubt, an einem bestimmten Punkt der evolutionären Entwicklung. Die revolutionäre Veränderung ist hier also Resultat des evolutionären Prozesses. Gleichzeitig entsteht etwas Neues, das auch eine völlige Veränderung der weiteren evolutionären Entwicklung bewirkt. Die Evolution wird zur Ursache der Revolution, die ihrerseits die Spezifik des evolutionären Prozesses verändert. Evolution und Revolution bedingen einander, gleichzeitig gehen sie ineinander über.

Grundlegende strukturelle Wandlungen, das heißt qualitative Veränderungen, resultieren aber nicht nur aus der allmählichen Anhäufung oder dem allmählichen Abzug von Potentialen (Quantitäten), sie können auch das Resultat von sich schlagartig ändernden äußeren Bedingungen sein. Wenn ein Atom einer hochenergetischen Strahlung ausgesetzt wird, kann es sein, dass so ein Teilchen mit dem Atomkern kollidiert und ihn zerstört. Seine Teile müssen sich fortan in neuen Strukturen organisieren oder als freie Energie herumvagabundieren. Das heißt, eine massive äußere Wirkung kann schlagartig zu einer revolutionären Veränderung der Struktur führen, die auch eine völlige Neuordnung des Entwicklungsprozesses nachsichzieht. Dabei ist es an dieser Stelle ohne Belang, ob die äußere Wirkung, hier die hochenergetische Strahlung, Produkt eines evolutionären Prozesses war, oder ebenfalls durch von außen wirkende Kräfte ausgelöst wurde. Ebenfalls außerhalb der Betrachtung bleibt, ob die aus der Kollision entstandene freie Energie anderswo zu einer quantitativen Anhäufung von Potentialen führte oder ob ihre eigenes Potential ausreichte, um dort direkt eine qualitative Veränderung auszulösen.

Wenn man die Geschichte der Erde und des Lebens darauf betrachtet, dann findet man ebenfalls Indizien für Katastrophen, die auf äußere Ursachen zurückzuführen sind und die schlagartig zu großen Veränderungen führten. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist der Untergang der Dinosaurier, die Jahrmillionen das Leben auf der Erde dominierten, dann aber in relativ kurzer Zeit von ihr verschwanden. Es ist hier unerheblich, ob diese Katastrophe aus dem Kosmos auf die Erde kam oder durch Eruptionen des Erdinnern verursacht wurde, aus der Sicht der Saurier waren es in jedem Fall äußere Faktoren, die ihnen den Garaus machten. Sie führten zu einem radikalen Wandel in der Evolutionsgeschichte, die den Untergang der Saurier bewirkte und so den Aufstieg der Säugetiere erst ermöglichte. Ohne diese Katastrophe hätte die Evolution einen anderen Verlauf genommen, wäre der Homo sapiens womöglich nie auf deren Bühne erschienen.

Nehmen wir an, besagte Katastrophe resultierte aus einem Meteoriteneinschlag, dann ist die Tatsache, dass dieser Meteorit aus den Tiefen des Alls genau zu dem Zeitpunkt, da die Säugetiere in den Startlöchern der Evolution standen, auf die Erde schlug, als Zufall zu betrachten. Hinzu kommt, dass dieser Einschlag genau mit einer solchen Energie erfolgte, die die Erde nicht vollends zerstörte, die aber zu derartigen klimatischen Veränderungen führte, denen die Saurier nicht gewachsen waren. als ein zufälliges Ereignis zu betrachten. Jeder Fakt für sich genommen folgt einer inneren Logik, hat Ursachen, die notwendig zu genau diesem Resultat führten, die Vielzahl der Faktoren, die hier zusammenwirkten, war jedoch so groß, dass ihr Zusammentreffen in Ort und Zeit nur als Zufall gesehen werden kann. Das heißt, sowohl die Evolution als auch die Revolution beinhalten kausale Zusammenhänge, die ihren Ablauf bestimmen, genauso wie sie auch durch chaotische Momente bestimmt werden.

Das Zusammenwirken von Faktoren in Ort und Zeit spielt auch in anderer Hinsicht eine Rolle. Beginnen wir mit der Zeit. Die Zeit ist bereits in den Definitionen der beiden Begriffe, in aprubt und allmählich, enthalten. Beide Charakteristika sind allerdings relativ, abhängig von der Zeitspanne, die gerade betrachtet wird. In den Maßstäben der Entwicklung des Lebens, die einen Zeitraum von rund vier Milliarden Jahren durchschritt, kommt das Auftauchen des modernen Menschen einer Revolution gleich. In nur wenigen Tausend Jahren wurden die Homo sapiens zur beherrschenden Spezies des Planeten. Sie beeinflussen den Lebensraum der meisten anderen Lebewesen maßgeblich, mitunter vernichten sie ihn sogar. Das Auftauchen des modernen Menschen stellte demnach in der Geschichte der Evolution eine aprubte Wendung dar, obwohl dessen Entstehung mehrere Tausend Jahre benötigte. Sie vollzog sich darüber hinaus in Etappen, die wiederum von allmählichen Fortschritten wie auch von aprubten Veränderungen gekennzeichnet waren. Außerdem hatte der Siegeszug der Homo sapiens eine Vorgeschichte, in der ebenfalls Phasen einer allmählichen Entwicklung wie auch plötzliche Wendungen zu verzeichnen waren. Diese Wendungen waren häufig keine schrittweisen Veränderungen auf einem linearen Weg, sondern Neuanfänge, die mit dem Untergang anderer Entwicklungslinien verbunden waren. Man kann also sagen, dass jede Phase der Revolution auch evolutionäre Abschnitte beinhaltet und jede Evolution irgendwann Brüche, aprubte Wendungen oder Neuanfänge durchlaufen muss.

Welche Rolle spielt nun der Ort? Prinzipiell vollzieht sich jedes Ereignis an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Zeit. Jedes Ereignis entfaltet daher seine Wirkungen in einem mehr oder weniger begrenzten Umfeld. Diese lokale Begrenztheit kann unterschiedliche Dimensionen umfassen. Die Entstehung unseres Sonnensystems ist in die Geschichte des Universums eingebettet. Die Entwicklung des Universums vollzog sich nicht überall gleich. Nicht zuletzt deshalb existieren nicht überall Voraussetzungen für die Entstehung von Leben. Der Umstand, dass auf der Erde diese Voraussetzungen vorhanden sind, war von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst, die in Ort und Zeit zusammenwirken mussten. Das Ergebnis muss deshalb als zufällig charakterisiert werden. Auf der Erde vollzog sich die Evolution des Lebens ebenfalls nicht überall gleich. Es entstanden unterschiedliche Lebensräume, die unterschiedliche Lebensformen hervorbrachten. Da sind die großen globalen Sphären Luft, Wasser und Land, in denen die Evolution der Organismen unterschiedliche Wege einschlug. Es gab verschiedene klimatische und andere Umweltbedingungen, die zu Sonderwegen der Evolution führten. Außerdem existieren abgeschlossene Territorien, häufig Inseln wie die Galapagos oder Australien und Neuseeland, die eine Wanderung und einen Austausch der Arten unmöglich machten, so dass dort allmählich einzigartige Lebensformen entstanden.

Die Evolution des Lebens verlief also nicht gleichförmig, weder in der Zeit noch in den einzelnen Sphären und Gebiete des Planeten. Aber wie vollzieht sich die Evolution? Die Evolution ist ein Prozess der Anpassung der Lebewesen an die sich verändernden Umweltbedingungen, mit dem Ziel, diese Bedingungen effektiver zu nutzen und die eigene Population zu stärken. Diese Anpassung geschieht allmählich, aus dem Streben heraus, das Überleben der Art zu sichern. Ihr liegt also ein dem Leben immanenter Antrieb zugrunde. Im Rahmen der geschlechtlichen Fortpflanzung wird die Anpassung dadurch gewährleistet, dass das Erbgut immer wieder neu kombiniert werden kann. Als Resultat entsteht eine Mehrzahl an Nachkommen, die einem Durchschnitt an Größe, an Kraft, Geschicklichkeit, Intelligenz oder anderen Merkmalen entsprechen. Es entstehen aber auch Nachkommen, die zu schwach oder aus anderen Gründen nicht überlebensfähig sind oder die die „Norm“ der Art nicht erreichen und denen deshalb meist kein langes Leben beschert ist. In jedem Fall sind sie von der Fortpflanzung ausgeschlossen. Es entstehen auch Individuen, die die Norm in dem einen oder anderen Merkmal übertreffen und vielleicht besonders gut für die vorgefundenen respektive sich verändernden Lebensbedingungen ausgestattet sind. Diese Nachkommen haben alle Chancen eine dominierende Rolle zu spielen und ihren Samen in größerem Maßstab zu verbreiten. Als Resultat wird die „Norm“ für die Population angepasst.

Natürlich gibt es in diesem allmählichen Prozess auch ein chaotisches Moment, denn bei der Duplizierung der Gene kann es zu Fehlern kommen. Solche, dem Zufall geschuldeten Fehler können sowohl im Rahmen der geschlechtlichen wie nichtgeschlechtlichen Fortpflanzung auftreten. Die Mutationen werden in den meisten Fällen nicht existenzfähig sein, einige werden sich jedoch behaupten. Insbesondere dann, wenn sich äußere Bedingungen verändern und ein Anpassungsdruck entsteht, können Mutationen unter Umständen Eigenschaften hervorbringen, die diesen Anpassungsdruck bedienen. Daraus erwachsen womöglich neue Arten, die einen Bruch in der allmählichen Veränderung verkörpern und der Evolution einen neuen Schub verleihen oder ihr sogar eine andere Richtung geben. Der Anpassungsdruck kann dadurch entstehen, dass sich die klimatischen Verhältnisse ändern oder dass neue Lebensräume mit anderen Existenzbedingungen erschlossen werden sollen. Aber auch neue Nahrungsquellen können sich auftun oder es können bisher unbekannte Nahrungskonkurrenten oder gar gefährliche Räuber auftauchen. Diese äußeren Faktoren verlangen einen qualitativen Sprung in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten, damit die Gattung überleben kann.

Wenn Mutationen auftauchen, die den erforderlichen Sprung der Fähigkeiten verkörpern, dann sind sie zwangsläufig Einzelfälle. Damit sie für die Population wirksam werden, müssen sie irgendwie Verbreitung finden. Hier sind zwei Wege denkbar. Eine Möglichkeit ist, dass sich die neuen Genträger außerordentlich schnell vermehren und auf diese Weise eine genügend große Population hervorbringen, die langfristig überlebensfähig ist. Sie wird die weniger angepassten Vorfahren verdrängen. Dieses Szenario ist wohl vor allem im Rahmen der ungeschlechtlichen Fortpflanzung realistisch. Im Rahmen der geschlechtlichen Fortpflanzung wird es zu Rekombinationen mit den nichtmutierten Genträgern kommen. Auf diese Weise wird der mit der Mutation markierte Bruch allmählich in den Genpool der Art einwandern, da sich immer die am besten angepasste Variante am stärksten vermehren kann. Der durch die Mutation verkörperte Bruch wird als allmählich in die Population hineingetragen. Anders gesagt, die Revolution setzt sich evolutionär durch. Irgendwann häufen sich die im Anpassungsprozess herausgebildeten neuen Eigenschaften derart, dass Lebewesen mit qualitativ veränderten Merkmalen entstehen. Die Evolution hat eine neue Art hervorgebracht, die unabhängig von ihren Vorgängern den Weg fortsetzt. Sie sind mit den Vorgängern nicht mehr rekombinierbar, in dem Sinne, dass aus der Vermischung keine fortpflanzungsfähigen Nachkommen hervorgehen. Schritt für Schritt, also evolutionär, hat sich die Revolution vollzogen.

Als eine Revolution ist auch die Herausbildung des modernen Menschen zu begreifen. Richtiger sollte man vielleicht sagen, der evolutionäre Prozess, in dem der moderne Mensch entstand, war eine Abfolge von Revolutionen. Immer wieder waren Anpassungen an sich verändernde Bedingungen erforderlich, die zur Herausbildung neuer Eigenschaften führten. Arten entstanden und gingen wieder unter. Dazwischen lagen häufig lange Perioden, in denen sich Veränderungen vollzogen, ohne dass eine qualitativ neue Stufe erreicht wurde. Alle auf diese Weise entstandenen Arten der Gattung Mensch waren Bestandteil der Fauna des Planeten Erde. Es waren Tiere, die über besondere Eigenschaften und Fähigkeiten verfügen, wie andere Tiere auch. Irgendwann erfolgte jedoch ein Bruch. Die Menschen häuften Fähigkeiten an, die sie in die Lage versetzten, ihre Umwelt nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Galt bisher, dass sich die Lebewesen den sich verändernden Umweltbedingungen anpassen müssen, um zu überleben, so ist jetzt ein Lebewesen entstanden, dass die Umwelt zielgerichtet verändert. Biologisch gesehen sind diese Lebewesen Tiere, aus Sicht der Evolution schlagen sie jedoch ein neues Buch auf, dessen Seiten mit der Zivilisationsgeschichte der modernen Menschen beschrieben werden.

Der zivilisierte Mensch ist also keine neue Tierart, biologisch gehört er weiterhin zur Art der Homo sapiens. Trotzdem repräsentiert er eine qualitativ neue Stufe von Leben. Das heißt, seine Stellung kann nicht in den Dimensionen der Evolution erfasst  werden. Für deren Einordnung muss ein größerer Rahmen gespannt werden. Als erstes entstanden Strukturen, die sich den äußeren und inneren Wirkungen, mit denen sie konfrontiert wurden, bei Strafe des eigenen Untergangs anpassen mussten. Diese Strukturen, die nur passiv auf Wirkungen reagieren können, bezeichnen wir als unbelebte Natur. Aus ihr gingen Strukturen hervor, die in der Lage waren, sich aktiv mit den vorgefundenen Bedingungen auseinanderzusetzen. Leben entstand. Lebewesen nehmen ihre Umwelt auf die eine oder andere Weise wahr und sie reagieren, um den Fortbestand des Lebens zu sichern. Der aktive Kampf ums Überleben wird ergänzt durch die evolutionäre Anpassung der Arten. Sie ist ein passiver Prozess, der durch die Veränderungen in der Umwelt getrieben wird. Der zivilisierte Mensch ist in der Lage, seine Umwelt derart zu formen, dass er selbst  und seine Art überleben kann. Er passt sich nicht der Umwelt an, sondern er gestaltet die Umwelt nach seinen Bedürfnissen. Insofern markiert er eine neue Qualität von Strukturen.

zuletzt geändert: 20.02.2017

1) Wikipedia, Stichwort Revolution

2) Wikipedia, Stichwort Evolution

Neues von der Entfaltung

Das Abenteuer, das da „Leben“ heißt, hat nun bereits einige Meilensteine hinter sich gelassen. Eine große Vielfalt an Einzellern mit teilweise erstaunlichen Fähigkeiten war entstanden. Gemessen an dem, was an Entwicklung noch folgte, scheint das bis dahin erreichte trotzdem gering. Gemessen an der Zeit jedoch, die für diese Entwicklung erforderlich war, erscheint alles, was danach kam, eher als Zugabe. Was kam denn danach? Es folgte die große Zeit der Zellverbünde. Denn, genau genommen, gibt es nur zwei Grundmuster des Lebens – Einzeller und Zellverbünde. Zellverbünde sind dadurch gekennzeichnet, dass sich mehrere Zellen zu einem Ganzen zusammenfinden. Die Art beziehungsweise die Qualität der Verbindung zwischen den Zellen ist in diesen Verbünden höchst unterschiedlich. Man kann sie allerdings den drei Grundmustern zuordnen.

Da ist die Fusion. Fusionen scheinen auf den ersten Blick für Zellverbünde von geringer Bedeutung zu sein. Doch dieser Schein trügt. Denn das wohl bedeutenste Existenz- und Entwicklungsproblem der Zellverbünde, die ausreichende Energieversorgung, wurde durch Fusion gelöst. In der einen Variante (Flora) wurden Cyanobakterien in die Zellen integriert, um auf diese Weise die von diesen Bakterien hervorgebrachte Photosynthese für die eigene Energiegewinnung nutzbar zu machen. In der anderen Variante (Fauna) wurden Bakterien in die Zellen integriert, die die Fähigkeit der Atmung, das heißt, zur Aufnahme von Sauerstoff für die Verbrennung von Kohlenstoffverbindungen zur Freisetzung von Energie entwickelt hatten. Mit anderen Worten, die Fusion von Zellen, speziell die Integration von Energieproduzenten in die Zelle, schuf die Basis, von der aus sich das Leben entfalten konnte.

Dann ist da die Konglomaration. Sie kann man wohl als die Urform der Zellverbünde bezeichnen. Die Einzeller existierten eben nicht jeder für sich allein, sie bildeten vielmehr Gruppen, das heißt mehr oder weniger lose Gemeinschaften. Diese Kolonien bestanden nicht nur aus gleichartigen Einzellern, sie duldeten durchaus auch andere Mikroorganismen in ihrer Mitte. Voraussetzung war, dass sie dem Verbund nicht schadeten, ja dass sie ihm vielleicht sogar nützlich waren. Nach und nach entwickelte sich in diesen Kolonien eine Arbeitsteilung, die mit einer Spezialisierung der beteiligten Zellen auf bestimmte Aufgaben einherging.

Die sich auf diese Weise herausbildende Kooperation, basierend auf eben dieser Spezialisierung der Zellen, ermöglichte letztlich die Entstehung einer neuen Qualität von Leben, die Herausbildung komplexer Lebewesen. Während einfache Zellverbünde noch dadurch gekennzeichnet sind, dass jeder Organismus für sich allein existenzfähig bleibt, stellen die komplexen Lebewesen ein einheitliches Ganzes dar, in dem die beteiligten Zellen nicht mehr allein überleben können. Pflanzen und Tiere verkörpern diese neue Qualität von Leben.

Mit den entstehenden Zellverbünden bildete sich gleichzeitig ein neuer Widerspruch aus. Die Verbindung mehrerer Zellen schafft einerseits ein neues Ganzes, andererseits bleibt jeder Bestandteil irgendwie als Einheit erhalten. Bestandteil und Ganzes wirken aufeinander ein, stehen in einer Wechselbeziehung. Bei der Fusion geben die beteiligten Zellen ihr früheres Dasein am weitesten auf. Das neue Ganze steht im Vordergrund, die Urformen sind kaum mehr erkennbar. Die Konglomeration wiederum gestattet den weitestgehenden Erhalt der Besonderheiten jedes Teilnehmers am Verbund. Trotzdem verlangt auch sie eine gegenseitige Anpassung. Spezialisierungs- und Kooperationstendenzen sind die Folge. Insofern ist zwischen Konglomeration und Kooperation keine starre Grenze zu ziehen. Sie sind vielmehr als Entwicklungsprozess zu begreifen, an dessem Ende ein ganzheitliches Etwas steht.

Schauen wir uns in diesem Kontext die Pflanzen an. Das herausragende Merkmal der Pflanzen besteht darin, dass sie in der Lage sind, mit Hilfe des Sonnenlichts Stoffe zu synthetisieren, aus denen sie ihren Energiebedarf, das heißt den Energiebedarf aller am Verbund Pflanze beteiligten Zellen, jederzeit decken können. Beinahe alle Zellen sind in der einen oder anderen Weise an der Lösung dieser Aufgabe beteiligt. Mit der Zeit wurde nicht nur die Zahl der am Lebewesen Pflanze beteiligten Zellen größer, sondern auch deren Vielfalt. Sie resultiert aus der Arbeitsteilung im Verbund Pflanze. Aber auch die spezialisierten Zellen sind in der Regel keine Einzelkämpfer. Sie bilden ihrerseits Verbünde, die bestimmte Aufgaben für den Gesamtorganismus wahrnehmen. Man könnte sie als Organe bezeichnen. Solche Organe sind zum Beispiel die Blätter, Blüten, Wurzeln oder Triebe. Sie bestehen ebenfalls aus verschiedenartigen Zellen respektive Zellverbünden. Im Blatt muss eben nicht nur Chlorophyll für die Photosynthese vorhanden sein. Für die Lebensprozesse des Blattes sind eine Vielzahl weiterer Stoffe erforderlich. Es muss darüber hinaus Wasserleitungen geben sowie Ventile für den Gasaustausch. Der gebildete Zucker sowie dessen Vorstufen und Folgeprodukte sind zu speichern oder weiterzuleiten. Außerdem braucht das Blatt eine Schutzschicht, eine Befestigung am Pflanzenkörper und vieles mehr.

Auf die gesamte Pflanze übertragen heißt das, sie besteht aus einer Vielfalt spezialisierter Zellverbünde. Jeder dieser Zellverbünde hat besondere Aufgaben zur Erhaltung des Ganzen zu erfüllen. Damit dieses komplexe Zusammenwirken funktioniert, müssen die beteiligten Zellen und Organe irgendwie miteinander kommunizieren. Nehmen wir als Beispiel die Zellen, die die Wasserleitungen des Baumes bilden. Sie brauchen ein gewisses Maß an Kommunikation im Sinne des Aufeinandereinwirkens, um als Gesamtheit ihre Aufgabe, den Transport ausreichender Mengen Wassers vom Boden bis in die Blätter, zu sichern. Kommt zum Beispiel nicht genügend Wasser in den Blättern der Baumkrone an, muss den Wurzeln irgendwie mitgeteilt werden, dass sie tiefer vorstoßen sollen, um neue Ressourcen zu erschließen.

Kommunikation findet mittels Wirkungen statt. Von jeder Struktur und den ihr immanenten Bewegungen gehen Wirkungen aus, die über die eigene Struktur hinausreichen. Treffen diese Wirkungen auf andere Strukturen, dann rufen sie dort einen Anpassungsprozess hervor, der mit einer Veränderung von dessen eigener Wirkung auf Dritte verbunden ist. Die sich daraus entwickelnde Reaktionskette ist einerseits ein Prozess materieller Veränderungen, mit dem andererseits jedoch auch Informationen, zum Beispiel über Wandlungen in äußeren Bedingungen, transportiert werden. Mit anderen Worten, Kommunikation ist der Austausch von Informationen durch die gegenseitige Beeinflussung mit Hilfe von materiellen Wirkungen, die veränderte Folgewirkungen hervorrufen.

Die Wasserleitungen in einem Blatt gehören aber nicht nur zum Versorgungssystem des Baumes, sie sind auch auch Bestandteil des Organs „Blatt“, für dessen Funktionieren sie an der Kommunikation zwischen den Bestandteilen des Blattes teilnehmen müssen. So bestimmt zum Beispiel die Intensität der Photosynthese, die wiederum von der Intensität der Sonneneinstrahlung abhängt, den Wasserverbrauch. Derartige Abstimmungen sind nicht nur im Alltag des Lebens erforderlich, sondern auch, wenn es im Herbst gilt, das Chlorophyll abzubauen und die Lebenstätigkeit einzustellen. Dann müssen auch die Wurzeln informiert werden, dass nun weniger Wasser benötigt wird. Man könnte fortfahren und würde für alle Organe, Zellverbünde und Zellen des Baumes wechselseitige Einflussnahmen ausmachen. Charakteristisch ist, dass die Koordination der Lebenstätigkeit nicht von einer Zentrale aus gesteuert wird. Es sind die einzelnen Zellen, die miteinander kommunizieren und so die komplexen Abläufe im Gesamtorganismus gewährleisten.

Das komplexe Wesen Baum geht darüber hinaus Kooperationen mit externen Lieferanten wie Mikroorganismen und Pilzen ein, um sich mit Stickstoff, Phosphor und anderem Lebenswichtigem zu versorgen. Für die Regelung dieses Zusammenwirkens ist ebenfalls eine Abstimmung erforderlich. Das Individuum Baum gehört außerdem zu einem Wald. Es ist in diesem Wald mit vielen Bäumen der gleichen Art vereint. Sie beeinflussen sich gegenseitig. Zum Wald gehören auch eine Vielzahl anderer Pflanzen, mit denen unser Baum in einer wie auch immer gearteten Wechselbeziehung steht. Selbst mit den Tieren des Waldes entstehen Interaktionen. All diese Beziehungen bringen Kommunikation im Sinne des aufeinander Einwirkens hervor. Charakteristisch bleibt jedoch, dass an dieser Kommunikation einzelne Zellen der Pflanze beteiligt sind und nicht das Lebewesen in seiner Gesamtheit.

Für eine Kommunikation kommen zwei Wege in Frage. Erstens, Kommunikation mit Hilfe von speziellen Strukturen, das heißt von Molekülen oder Molekülverbindungen, die katalytisches Potential besitzen. Zweitens, Kommunikation mit Hilfe von Energieimpulsen, das heißt von Bewegungen, die sich fortpflanzen und auf diese Weise Informationen transportieren. Pflanzen nutzen vorwiegend die erste Variante. Die entsprechenden katalytischen Strukturen werden als biochemische Botenstoffe bezeichnet. Mit Hilfe dieser Botenstoffe findet die Steuerung des gesamten Lebensprozesses der Pflanze statt. Diese Botenstoffe haben sich offensichtlich als sehr zuverlässig erwiesen. Ihr Nachteil besteht darin, dass die auf ihnen fußende Kommunikation nicht besonders schnell und auch wenig flexibel ist. Das ist für die Pflanzen nicht weiter problematisch, für Tiere aber, die sich bewegen müssen, um überleben zu können, sind Schnelligkeit und Flexibilität der Informationsverarbeitung existenziell.

Schneller als Botenstoffe lässt sich Energie transportieren. Die Weitergabe der Informationen mit Hilfe von Energie in Form von elektrischen Impulsen wurde daher zum Meilenstein in der Entwicklung des Lebens. Sie wurde zum Wesensmerkmal der Tiere. Der Transport von Informationen mittels elektrischer Impulse führte jedoch nicht zum Verschwinden der Botenstoffe. Sie sind auch bei Tieren die zuverlässige Basis der körperinternen Koordination. Für den schnellen Transport der Informationen über längere Distanzen wurde mit den Nervenzellen jedoch eine neue Lösung gefunden. Nervenzellen können sich miteinander verknüpfen, so dass neuronale Netze entstehen, die den ganzen Korpus durchziehen. Mit Hilfe dieser neuronalen Netze können die Informationen schnell und planmäßig verteilt werden. Auf diese Weise ist es möglich, auf Signale der Sinnerorgane sehr schnell mit vorherbestimmten Verhaltensmustern zu reagieren. Die direkte Verknüpfung von registrierten Reizen mit vorherbestimmten Reaktionen hat sich in der Entwicklungsgeschichte als sehr erfolgreich erwiesen. Angefangen von den Quallen, über viele Meeresbewohner bis hin zu Krebsen und Insekten hat sie unzähligen Arten das Überleben bis in unsere Tage hinein gesichert.

Dieses System der Informationsverarbeitung hat aber auch Grenzen, denn die direkte Verknüpfung von Reizen und Verhaltensmustern gestattet zwar eine schnelle Reaktion, da ihr keine ganzheitliche Bewertung der Situation zugrunde liegt, kann das Verhalten jedoch nicht flexibel den Gegebenheiten angepasst werden. Die Wirbeltiere fanden mit der Konzentration der Verhaltensmuster im Gehirn eine bessere Lösung. Die Gehirne der Wirbeltiere besitzen zudem die Fähigkeit, abgegrenzte, auf bestimmte Aufgaben spezialisierte Bereiche zu bilden. So verantwortet das Stammhirn die Steuerung der „internen“ Lebensprozesse. Es sorgt dafür, dass der Organismus störungsfrei funktioniert, immer vorausgesetzt Brennstoffe, Wasser und die anderen lebenswichtigen Stoffe stehen ausreichend zur Verfügung. Ist dies nicht der Fall, dann wird das Großhirn informiert, dass die Versorgung, beispielsweise mit Wasser, nunmehr oberste Priorität erlangen muss. Das Großhirn verfügt allerdings über eine Vielzahl von Informationsquellen. Deren Informationen müssen deshalb zueinander in Beziehung gesetzt werden, um sowohl das dringenste als auch das erfolgversprechenste Verhalten zur Erhaltung des Lebens zu bestimmen. Die Umsetzung des priorisierten Verhaltensmusters in koordinierte Bewegungen ist wiederum Aufgabe des Kleinhirns.

Das Großhirn entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer Schaltstelle, in der alle Informationen zusammenlaufen und bewertet werden. Trotzdem wäre auch dieses System noch immer wenig flexibel, was die Anpassung an sich verändernde Bedingungen betrifft, wäre nicht ein weiterer Faktor hinzugekommen. Durch die im Laufe der Entwicklung stark gestiegene Zahl von Neuronen und ihre immer dichtere Verknüpfung wurde es nämlich möglich, einmal registrierte Wirkungen und die daraus abgeleiteten Handlungsmuster wie auch die Bewertung der Folgen des Handelns als Erfahrungen zu bewahren und in einem Gedächtnis zu speichern. Die gespeicherten Erfahrungen können zur Bewertung aktueller Informationen herangezogen werden, was die Deutung komplexerer Sachverhalte ermöglicht. Vor diesem Hintergrund kann der bis dahin dominierende unmittelbare Zusammenhang von Wirkung und Anpassung, respektive von Information und Reaktion, ein Stück weit aufgelöst werden. Die verschiedenen Informationen werden nun erst verarbeitet und zueinander in Beziehung gesetzt, bevor die Prioritäten des Handelns bestimmt werden. Nur die dringenste und erfolgversprehenste Alternative wird zur Tat.

zuletzt geändert: 31.10.2016

Das Abenteuer geht weiter

Bevor wir dem Abenteuer Leben weiter nachspüren, bleiben wir noch einmal beim Atom. Das Atom wird durch die mit den Bewegungen seiner Bestandteile verbundenen Wirkungen konstituiert. Art und Anzahl dieser Bestandteile bestimmen die Spezifik seiner Außenwirkung. Gleichartige, wie auch unterschiedliche Atome können sich zu Molekülen verbinden. Art und Anzahl der Bestandteile eines Moleküls sowie die Weise, in der sie miteinander verbunden sind, bestimmen die Außenwirkungen, mithin die Eigenschaften des Moleküls. Außenwirkung ist dabei in einem doppelten Sinn zu verstehen. Sie umfasst einmal die Fähigkeit zur Anpassung an von außen kommende Wirkungen, aber auch die eigene Wirkung auf Dritte. Da auch unterschiedliche Atome und Moleküle Verbindungen eingehen, entsteht eine große Vielfalt an Stoffen und Wirkungen.

Irgendwann, begünstigende Umweltbedingungen vorausgesetzt, bildeten sich darüber hinaus komplexe Moleküle. Eine Besonderheit komplexer Moleküle besteht darin, dass ihre Außenwirkungen nicht einheitlich sind, dass von einzelnen Abschnitten des jeweiligen Moleküls unterschiedliche Wirkungen ausgehen können. Aus dieser räumlichen Differenzierung der Wirkungen des Moleküls leitet sich die Möglichkeit einer zeitlichen Differenzierung ihres Wirksamwerdens ab. Auf diese Weise können in der Struktur des Moleküls Wirkungsabfolgen entstehen respektive angelegt sein. Damit wurde ein Tor in eine neue Welt aufgestoßen. In dieser neuen Welt sind Entwicklungen nicht mehr ausschließlich das Produkt eines zufälligen Zusammentreffens von Faktoren. Vielmehr ist es nun möglich, dass die in der Struktur des Moleküls gespeicherten Wirkungsabfolgen zu einem vorherbestimmten Ergebnis führen.

In der weiteren Entwicklung bildeten sich abgeschlossene Einheiten, bestehend aus einem RNA-Molekül und einer Hülle aus Eiweißen, heraus. Sie waren in der Lage, sich selbst zu regenerieren, oder auch ihre eigene Struktur zu duplizieren, das heißt sich zu vermehren. Allerdings wurde die Vermehrung dadurch behindert, dass Eiweiße in einer bestimmten Spezifik benötigt wurden, die in der Umwelt nur begrenzt zur Verfügung standen. Um dieses Problem zu lösen, musste ein Weg gefunden werden, die erforderlichen Eiweiße in der Zelle selbst zu synthetisieren. Als Basis konnten die in der Umwelt in großer Zahl und Vielfalt vorhandenen Eiweißbausteine dienen. Es zeigte sich jedoch, dass die von der RNA ausgehenden Wirkungen nicht ausreichten, um eine Synthese der erforderlichen komplexen Stoffe zu bewirken. Immerhin war die Synthese einfacherer Eiweiße, die katalytische Eigenschaften besitzen, möglich. Es kam nun darauf an, die mit diesen Eiweißen entstehenden Wirkungen derart zu kombinieren, dass als Endergebnis die erforderlichen komplexen Eiweiße entstanden. Irgendwann war auch das gelungen. Die für die Vermehrung erforderlichen Eiweiße konnten nun in der Zelle selbst bereitgestellt werden.

Wenn man diesen Ablauf in wenigen Sätzen darstellt, dann darf man nicht vergessen, dass viele Millionen Jahre und unzählige Versuche erforderlich waren, bis ein brauchbares Ergebnis erzielt wurde. Das Besondere dieses Entwicklungsschrittes besteht darin, dass an den erforderlichen Wirkungsabfolgen zur Synthese eines Eiweißes unterschiedliche Moleküle beteiligt sind. Die Nukleinsäure bewirkt die Produktion einfacherer Eiweiße, die dann ihrerseits die Fertigung komplexerer Eiweiße für die Hülle vorantreiben. Die einfacheren Eiweiße sind also Mittler im Prozess, die zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt bereitzustellen sind. Das heißt, in der RNA müssen auf der einen Seite die Wirkungsabfolgen zur Bildung der einfacheren Eiweiße und auf der anderen Seite die zeitlichen Abläufe ihres Wirksamwerdens gespeichert sein. Während die Wirkungsabfolgen durch die Reihung der Bausteine der RNA entstehen, können die zeitlichen Abläufe in der räumlichen Struktur eingefangen werden. Auf diese Weise wird die RNA zu einem dreidimensionalen Bauplan.

Die Eigenproduktion komplexer Eiweiße durch die Zelle schuf die Grundlage für deren schnellere Vermehrung und damit die Basis für eine Fortentwicklung. Zu den daraufhin einsetzenden Prozessen zählt die Diversifizierung der Strukturen, das heißt die Entstehung immer neuer Arten von Einzellern und deren Anpassung an ganz unterschiedliche Existenzbedingungen. Die Vervielfältigung der Arten ging mit der Herausbildung immer neuer Fähigkeiten zur Anpassung an unterschiedliche Existenzbedingungen einher. Trotzdem war die Vermehrung noch immer stark von den örtlichen Gegebenheiten abhängig, davon, dass dort, wo sich die Zelle befand, die für ihre Vermehrung erforderlichen Baustoffe und Energiequellen vorhanden waren. Gingen sie zur Neige, war auch keine weitere Vermehrung möglich. Die Zerstörung der bereits existierenden Zellen war dann nur eine Frage der Zeit. Vielleicht half ein Windstoß, eine Welle oder irgendein anderer Zufall, diesem Schicksal zu entgehen und einen erfolgversprechenden Ortswechsel herbeizuführen. Das blieb allerdings ein unsicheres Unterfangen.

Für eine Vermehrung in größerem Maßstab war es notwendig, sich von derartigen Abhängigkeiten zu befreien. Man musste halt in die Lage kommen, eigenständig neue Lebensräume zu erschließen, mithin sich aus eigener Kraft fortzubewegen. Das konnte zum Beispiel gelingen, wenn die Zellhülle Ausstülpungen bildete, mit denen sich kleine Wellen erzeugen ließen, die dann die Zelle davontrugen. Für die Erzeugung von derartigen Wellen war jedoch Energie erforderlich, die auch noch permanent verfügbar sein musste. Das heißt, sie musste in der Zelle gespeichert werden. Nun kann man Energie aber nicht speichern; sie ist ein flüchtiges Moment. Genauer gesagt, freie Energie kann nicht gespeichert werden, Energie, die in Strukturen gebunden ist, durchaus. Die Zelle musste also energieträchtige Strukturen von außen aufnehmen oder solcherart Stoffe selbst produzieren. Und sie musste in der Lage sein, die gespeicherten Stoffe bei Bedarf wieder aufzuspalten und einen Teil der in ihr gefangenen Energie freizusetzen.

Irgendwann waren auch diese Probleme gelöst. Die Zelle verfügte nun über Energie, die sie in Bewegung umsetzen konnte. Eine Bewegung braucht jedoch eine Richtung. Die Hülle der Einzeller besaß bereits die Fähigkeit, die Stoffe, die im Innern benötigt wurden, zu erkennen und hineinzuschleusen. Nur Stoffe mit spezifischen Merkmalen konnten die durch die Hülle geschaffene Bariere überwinden. Das Erkennen der Stoffe war also unmittelbar mit einer bestimmten Aktion verbunden. Ein Stoff kommt an, wird als brauchbar erkannt und darf passieren. Sollte jedoch aktiv nach Nahrung gesucht werden, dann musste aus diesem Reflex ein zielgerichtetes Handeln werden. Das heißt, die Zelle musste lernen, unterschiedliche Situationen, nämlich ob Nahrung vorhanden ist oder nicht, zu erkennen, um daraus alternative Handlungen abzuleiten. Sofern die Zelle feststellte, dass in der unmittelbaren Umgebung Nahrung vorhanden war, konnte sie an Ort und Stelle verharren und diese Nahrung aufnehmen. Besagte die Information jedoch, dass Nahrung knapp wurde, dann musste die Zelle Reserven mobilisieren, Energie bereitstellen und sich in die Richtung bewegen, aus der noch Nährstoffe eintrafen. In den verschiedenen Situationen waren also unterschiedliche Handlungen erforderlich.

Das Erlangen der Fähigkeit, Informationen aus der Umwelt aufzunehmen und in alternative Handlungen umzusetzen, markiert einen weiteren Meilenstein in der Entwicklung des Lebens. Der Sensor als Fenster für die Wahrnehmung der Außenwelt war erfunden. Diese Erfindung, die hier noch recht unscheinbar daherkommt, wird dereinst eine große Palette sinnlicher Wahrnehmungen ermöglichen. Doch auch diese erste Luke in die Außenwelt gestattete bereits eine aktive Ortung von Nahrung und eine zielgerichtete Bewegung zur Nahrungssuche. Sie wurde zu einem gewichtigen Vorteil im Überlebenskampf, der zu immer neuen Verbesserungen der Sensorik anspornte. Die aus dieser Entwicklungsetappe hervorgegangenen Protozoen existieren bis heute in großer Vielfalt.

Neben den Einzelkämpfern, die bereits mit beachtlichen Fähigkeiten aufwarten konnten, prägte sich eine weitere Entwicklungslinie des Lebens aus. Immerhin bestand ja die Möglichkeit, dass die Zellen nach der Duplizierung nicht jede für sich ihren Weg suchte, sondern dass sie beieinanderblieben, einen Verbund bildeten. Dieser Verbund wuchs mit der  weiteren Vermehrung der beteiligten Zellen. Durch die damit verbundene räumliche Ausdehnung ließen sich neue Resourcen an Mineralen und Energie erschließen. Die Verbünde kamen darüber hinaus mit deutlich weniger Energie aus als die sich bewegenden Einzelkämpfer, denn so manche energiefressende Fähigkeit ließ sich einsparen oder verteilte sich auf eine größere Anzahl von Zellen.

Bei den Strategien zur Nahrungsbeschaffung lassen sich also drei Varianten unterscheiden: passives Verhalten und auf den Zufalle hoffen, aktive eigene Bewegung zur Nahrungssuche und Sprossung respektive räumliche Ausdehnung eines Verbundes. Na ja, und dann gab es noch die ganz pfiffigen, die andere Lebewesen als Nahrungsquelle für sich entdeckten.

Mit den wachsenden Fähigkeiten der Einzeller erhöhte sich jedoch auch ihr Energiebedarf. Die bisherigen Strategien zur Nahrungsbeschaffung reichten bald nicht mehr aus, um die weitere Entwicklung zu befördern. Dabei war Energie doch eigentlich in Hülle und Fülle vorhanden. Die Sonne lieferte sie frei Haus und fast überall hin, man musste sie nur zu nutzen wissen. Es waren die Cyanobakterien, denen dieser Coup gelang. Sie entwickelten die Fähigkeit, die Sonnenenergie für den eigenen Bedarf zu verwerten, mit ungeahnten Folgen. Aber das ist eine andere Geschichte.

zuletzt geändert: 14.08.2016

 

Gesetzmäßigkeiten

Bei der Entfaltung von dialektischen Widersprüchen sind einige Besonderheiten festzustellen, die unabhängig von der konkreten Konstellaltion immer wieder angetroffen werden, die offensichtlich allgemeingültigen Charakter tragen. Man kann sie daher als Gesetzmäßigkeiten bezeichnen. Wenn man von Gesetzmäßigkeiten in der Dialektik spricht, muss jedoch im Hinterkopf bleiben, dass es sich hier nicht um monokausale Zusammenhänge nach dem Muster „wenn … dann…“ handelt. Vielmehr beschreiben Gesetzmäßigkeiten in der Dialektik das Wechselverhältnis und die Dynamik gegensätzlicher Aspekte im Prozess der Entfaltung von Widersprüchen. Sie sind daher genauso dialektisch zu begreifen, wie die Widersprüche selbst.

Dialektik von Teil und Ganzem

Die Kernaussage dieses Zusammenhangs wird gern in den Satz gekleidet, dass das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile. Das ist so wahr, wie es banal ist. Denn natürlich ist die Beziehung zwischen Teil und Ganzem unendlich vielfältiger als es dieser Satz ausdrückt. Einige Aspekte sollen kurz umrissen werden. Wir hatten schon mehrfach konstatiert, dass die Welt aus Strukturen besteht. Jede dieser Strukturen besteht aus Strukturelementen respektive Bausteinen. Außerdem sind diese Strukturen auch selbst Bausteine beziehungsweise Bestandteile von größeren, übergeordneten Strukturen. Alle Strukturen auf den verschiedenen Betrachtungsebenen haben bestimmte Eigenschaften, von ihnen gehen spezifische Wirkungen aus. Die Eigenart dieser Wirkungen hängt einerseits von der Anzahl und der Natur ihrer Bestandteile ab und andererseits davon, welcher Art die Verbindung zwischen ihren Bestandteilen ist.

Sind die Teile zu einem Ganzen fusioniert, dann haben sie ihre eigenständige Wirkung zugunsten der Wirkung des Ganzen praktisch aufgegeben. Das Teil ist im Ganzen kaum mehr erkennbar. So gehen die Eigenarten der Quarks in der Wirkung der Protonen unter oder die Mitochondrien in tierischen Zellen lassen nur noch vermuten, dass sie ein Überbleibsel aus der Einverleibung eigenständiger Einzeller darstellen.

Die Teile können aber auch ihre Eigenständigkeit erhalten und nur einen mehr oder weniger losen Verbund eingehen. Wasser ist ein derartiger Verbund. Er wird von Wassermolekülen gebildet, gleichzeitig sind eine Vielzahl weiterer Stoffe in diesen Verbund integriert. Wasser ist, wenn man so will, ein Konglomerat verschiedener Stoffe. Seine konkreten Eigenschaften hängen trotzdem in einigen Aspekten von der Art und der Anzahl der verschiedenen Teilnehmer an diesem Verbund ab. Wasser, indem zum Beispiel eine größere Menge Salz gelöst ist, gefriert bei tieferen Temperaturen als Wasser mit einem geringen Salzgehalt. Da die Bestandteile des Verbunds weiterhin eigenständig existenzfähig sind, kann dieser Verbund auch ganz oder teilweise aufgelöst werden. So wird Wasser, dem man Energie zuführt, verdunsten. Nach der erneuten Kondensation sind die Beimengungen nicht mehr vorhanden.

Eine dritte Variante von Verbindungen besteht darin, dass die Bestandteile kooperieren. Das heißt, die Teile, die ihrem Wesen nach unterschiedlich, ja gegensätzlich sind, sind noch vorhanden. Sie bilden im Verbund jedoch eine neue Qualität, die von der Art der Kooperation respektive der Wechselwirkung der Bestandteile geprägt wird. Bedingt durch diese Wechselwirkungen passen sich die Teile einander an. Der dabei zu verzeichnende Grad der Integration kann recht unterschiedlich sein. Protonen und Elektronen bilden ein derartiges gegensätzliches Gefüge. Nur zusammen und gemeinsam mit den Neutronen bilden sie das qualitativ neue Ganze, ein Atom. Protonen und Elektronen sind trotzdem auch allein existenzfähig.

Das durch die Bestandteile und deren Verbindungen untereinander geprägte Ganze ist selbst wieder Teil einer übergeordneten Struktur. Nehmen wir als Beispiel noch einmal Wasser, diesmal eine bestimmte kleine Menge. Es befindet sich in einem Glas, das gerade jemand in der Hand hält, der sich in einem Haus in Berlin befindet. Dieser hier beschriebene strukturelle Zusammenhang ist wiederum Teil von übergeordneten Strukturen, zum Beispiel der Erde als Planeten, die zum System der Sonne gehört, die wiederum Teil der Milchstraße ist und so weiter. Unser Wasser und die Art und Weise seiner Interaktion mit dem Glas oder auch der Luft haben augenscheinlich einen sehr begrenzten Einfluss auf das Sein der übergeordneten Struktur. Selbst, wenn das Wasser verdunstet, müssten sicher einige gravierendere Faktoren hinzukommen, damit das Haus in Berlin Schaden nimmt. Das könnte zum Beispiel dann der Fall sein, wenn ein Feuer ausbricht. Dann würde wahrscheinlich auch das Wasser im Glas verdunsten. Dieses wäre jedoch nicht der hauptsächliche Grund, warum das Haus in Schutt und Asche fällt. Und doch, dass der Prozess der Zerstörung des Hauses gerade so abläuft, wie er abläuft, hängt zu einem klitzekleinen Teil auch mit unserem Wasser, das da verdunstete, zusammen. Wäre allerdings nicht Wasser sondern Benzin in diesem Glas, dann wäre der Anteil des Glasinhalts am Ablauf der Ereignisse sicher größer. Das heißt, die Eigenschaften eines Ganzen, das wiederum Teil eines übergeordneten Ganzen ist, spielen bei Prozessen in dieser übergeordneten Struktur durchaus eine Rolle, wenn auch eine sehr unterschiedliche.

Andererseits ist das Wasser oder das Benzin nicht nur Teil einer übergeordneten Struktur, es ist selbst ein Ganzes, das aus Teilen besteht. Das Wasser in unserem Glas besteht aus Molekülen, mehrheitlich aus H²O, aber auch andere Moleküle mögen sich darunter befinden. Das Benzin ist anders zusammengesetzt. Die Eigenschaften des Benzins oder des Wassers resultieren wiederum aus den Atomen und Molekülen, aus denen sie bestehen. Diese wiederum beziehen ihren Anteil an dem Wirkungszusammenhang aus ihren Bausteinen sowie deren Verbindungen untereinander. Befinden sich beispielsweise Beimengungen im Benzin, dann kann es unter Umständen sein, dass sich seine Eigenschaften und damit auch sein Anteil am Ablauf des Brandes verändern.

Wenn aber alles mit allem zusammenhängt, weil alles Teil eines Ganzen ist und selbst wiederum aus Teilen besteht, wie verhält es sich dann mit den kleinsten Teilen und dem größten Ganzen. Das größte Ganze gehört zu keiner übergeordneten Struktur und die kleinsten Teile sind nicht aus noch kleineren Teilen zusammengesetzt. Die Dialektik geht jedoch davon aus, dass ein als allgemeingültig erkannter Zusammenhang auch hinsichtlich seiner Extreme oder Pole gelten muss. Diese Extreme oder Pole schließen zwar einander aus, gleichzeitig ähneln sie sich in einigen Aspekten, ja sind sie in diesen identisch. Die kleinsten Bausteine der Materie sind die Energieteilchen. Sie haben keine Struktur in Form noch kleinerer Teilchen. Ihr Sein ist geprägt von der Form und Intensität ihrer Bewegung. Form oder Art und Weise sowie Intensität der Bewegung bestimmen deren Wirkung auf andere. Die größte Struktur ist das Universum als Ganzes. Das Universum ist durch seine Expansion geprägt, die sich mit wachsender Geschwindigkeit vollzieht. Da die Bestandteile des Universums nicht gleichmäßig verteilt sind, wirken auch die der Expansion entgegenstehenden Kräfte der Anziehung nicht überall mit gleicher Stärke. In Konsequenz dessen vollzieht sich auch die Expansion des Universums nicht überall mit gleicher Geschwindigkeit. Das heißt, das äußere Charakteristikum seiner Existenz, die Ausdehnungsbewegung, hat eine spezifische durch differenzierte Intensität geprägte Form. Mithin Form und Intensität der Bewegung sind Merkmale, die die kleinsten Teilchen wie auch die größte Struktur charakterisieren. In diesem Aspekt sind sie identisch.

Quantität und Qualität

In der Dialektik von Teil und Ganzem spielten Quantität und Qualität bereits eine Rolle. Die Qualität, das heißt die Eigenschaften respektive Wirkungen, die von einem Ganzen ausgehen, hängen maßgeblich von der Menge, der in dem Ganzen versammelten Teile ab. Nehmen wir wieder das Atom. Seine Bestandteile – Proton, Elektron, Neutron – sind immer gleich. Auch die Art der Beziehung in der die Teile zueinander stehen, bleibt im Wesen unverändert. Das Proton stellt eine Fusion von Quarks dar, mehrere Protonen und Neutronen bilden das Konglomerat des Kerns, Elektronen und Protonen bilden ein kooperatives Gefüge. Trozdem weisen die Elemente je nach Anzahl der in ihnen versammelten Teile unterschiedliche physikalische und chemische Eigenschaften aus. Sie wirken unterschiedlich auf ihre Umwelt ein und sie sind in unterschiedlichem Maße empfänglich für Wirkungen von außen. Von den Elementen wissen wir, dass sich deren Eigenschaften nicht linear zur Menge der versammelten Teile fortschreiben. Eher ist eine gewisse Periodiziät der Eigenschaften zu erkennen. Das heißt, Qualitäten ändern sich in Sprüngen. Dann, wenn eine bestimmte Quantität angehäuft wurde, kann eine andere Qualitätsstufe erreicht werden. Diese andere Qualitätsstufe wird bisherige Eigenschaften negieren, das heißt, sie werden für diesen Verbund nicht charakteristisch sein. Sie werden jedoch in ihm bewahrt, so dass sie in einer weiteren Stufe erneut aufzuscheinen vermögen. Anders gesagt, es ändert sich nicht das gesamte Wirkungsgefüge, vielmehr verschiebt sich die Dominanz im Reigen der wirkenden Faktoren.

Ein anderer Aspekt des gleichen Sachverhalts ist die Erkenntnis, dass eine bestimmte, relativ stabile Quantität gleichartiger Moleküle erforderlich ist, damit sich auf dieser Grundlage eine Entwicklung vollziehen kann, eine neue Qualität entsteht. Hier ist das Erreichen einer bestimmten Quantität Voraussetzung für einen Entwicklungssprung. Quantitative und qualitative Aspekte sind dabei nicht starr voneinander getrennt. Sie gehen vielmehr ineinander über. Nehmen wir wieder ein Beispiel. Die ersten Lebewesen (neue Qualität der Materie) waren Einzeller, die sich nach und nach in einer großen Artenvielfalt (Quantität) ausbreiteten. Diese Quantität (Anzahl und Vielfalt) war Voraussetzung für die Entwicklung komplexerer einzelliger Lebewesen, die sich bewegen konnten und die über Fähigkeiten zur Wahrnehmung der Außenwelt verfügten (Qualität). Gleichzeitig fanden sich Einzeller aller Art zu Verbünden zusammen (Quantität), in denen sich Arbeitsteilung und Kooperation entwickelten. Sie wurden zum Brutstätte der Entwicklung mehrzelliger Wesen (Qualität), die viele der Errungenschaften vorangegangener Entwicklungsstufen in sich aufnahmen und weiterentwickelten. Mit anderen Worten quantitative Entwicklungen sind die Voraussetzung für qualitative Sprünge, die nun ihrerseits zur Basis für eine quantitative Entwicklung auf höherem qualitativen Niveau werden. Da diese Vorgänge sich nicht eindimensional vollziehen, ist jede quantitative Entwicklung durch qualitative Veränderungen geprägt, wie auch jede qualitative Entwicklung mit quantitativen Veränderungen einhergeht.

Zufall und Notwendigkeit

Bei entsprechenden äußeren Bedingungen ist die Entstehung immer größerer Elemente gesetzmäßig. Dieser Feststellung würde wahrscheinlich kaum jemand widersprechen, ist sie doch millionenfach belegbar. Die Behauptung, dass die Entstehung des Lebens, so wie wir es kennen, unter günstigen Bedingungen ebenfalls als gesetzmäßig zu betrachten sei, wird dagegen kaum unwidersprochen bleiben. Einmal abgesehen davon, dass wir noch nicht alle Schritte auf dem Weg hin zum Leben erklären können, ist jedoch bereits heute klar, dass eine Vielzahl von Faktoren an diesem Prozess beteiligt waren. Jeder einzelne Schritt, jeder einzelne Zusammenhang in der Entstehung des Lebens wird irgendwann auf konkrete Wirkungen, auf Wirkungen aus der Umwelt oder aus dem Innern der Strukturen zurückgeführt werden können. Gleichzeitig wird man aufzeigen können, wie einzelne Schritte auf vorangegangene Entwicklungen und deren Wirkungszusammenhänge aufbauen. Je mehr solcher Schritte und einwirkenden Faktoren herausgearbeitet werden, umso mehr verlieren sich jedoch die kausalen Zusammenhänge in einem Meer von Faktoren. Das heißt, jeder einzelne Faktor basiert auf Wirkung und Anpassung, mithin auf Notwendigkeit. Wenn jedoch eine Vielzahl von Wirkungen und Wirkungsketten in konkreten Räumen und in spezifischen Zeitabfolgen notwendig sind, dann geht die kausale Determinierung im Zufall, dass nämlich alle diese Faktoren irgendwann und irgendwo tatsächlich zusammentreffen, unter.

Auch hier ist es wichtig zu verstehen, dass man die wirklichen Zusammenhänge nicht in Zufälle und Notwendigkeiten unterteilen kann. Absoluter Zufall und eindimensionale Kausalität sind vielmehr Extreme, die in der Wirklichkeit keine Rolle spielen. Die Realität liegt in der ganzen Bandbreite dazwischen. Das heißt, Zusammenhänge, die sich mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit realisieren sind ebenso unwirklich, wie Zusammenhänge die eine nullprozentige Chance auf Realisierung haben. Letztere wären schon per Definition keine Zusammenhänge, erstere würden voraussetzen, dass sie selbst außerhalb aller Einflüsse von Dritten, also von übergeordneten Strukturen oder von eigenen Bausteinen, existieren könnten. Die Aufgabe besteht also nicht darin, zwischen Zufall und Notwendigkeit zu unterscheiden, sondern darin, die Wahrscheinlichkeit, mit der sich ein beschriebener Zusammenhang realisiert, möglichst genau zu bestimmen. Dazu ist es notwendig, die Komplexität der Wirkungsfaktoren in einem Zusammenhangsgefüge immer besser zu verstehen. Irgendwann werden dann auch die Wetterprognosen sicherer, aber nur in dem Sinn, dass man die Wahrscheinlichkeit bestimmter Abläufe immer genauer bestimmen kann.

Negation der Negation

Die Negation der Negation beschreibt einen weiteren Aspekt der Bewegung von Widersprüchen im Spannungsfeld von Teil und Ganzem, von Quantität und Qualität, von Zufall und Notwendigkeit. In einem von allem Konkreten abstrahierenden Sinn wird der dieser Gesetzmäßigkeit zugrundeliegende Zusammenhang auch von der Mathematik beschrieben. Plus mal minus ist minus mal minus ist plus. Die Negation des Pluswertes ergibt einen Minuswert. Wird dieser Minuswert negiert, erscheint der Pluswert wieder auf. Damit wird erst einmal nichts anderes gesagt, als dass die Werte erhalten bleiben, sie jedoch mit der Negation eine gegensätzliche Bewertung erfahren. Folgt ein weiterer Umschwung, wird die alte Bewertung wiederhergestellt. Nur, wieso erfolgt eine derartige Umbewertung der Werte. Dazu müssen wir uns ins Gedächtnis rufen, dass wir dialektische Widersprüche als Grundlage aller Entwicklung betrachten. Ein Widerspruch oder Gegensatz besteht aus zwei alternierenden Polen, die sich gegenseitig beeinflussen. In einer bestimmten Periode der Entwicklung wird ein Pol dominieren und dieser Periode seinen Stempel aufdrücken. Im Laufe der Zeit werden sich die Verhältnisse durch die Anhäufung quantitativer Faktoren wie auch qualitativer Entwicklungen irgendwann ändern. Das Primat der Entwicklung wird zum anderen Pol des Gegensatzes übergehen und einen Umschwung bewirken. Eine neue Periode beginnt, die vorangegangene Periode wird negiert. Kommt es im Laufe der Entwicklung zu einer weiteren Negation, dann führt diese wieder zum Primat des Pols, der bereits die erste Periode bestimmte. Andere Möglichkeiten gibt es nicht.

Je mehr Teile zu einem Ganzen gehören, je differenzierter und komplexer dieses Ganze sowohl hinsichtlich seiner Bestandteile als auch hinsichtlich der in ihm vorhandenen Verbindungen aufgebaut ist, desto komplexer werden auch die Wirkungszusammenhänge sein. Das heißt, wann und wie sich der qualitative Umschwung vollzieht, lässt sich in derart komplexen Wirkungszusammenhängen kaum mit Bestimmtheit vorhersagen. Die Vielzahl der Faktoren lässt diesen Umschwung beinahe zufällig erscheinen. Selbst in der Rückschau ist der genaue Punkt derartige Umwälzungen mitunter nur schwer zu bestimmen, weil ja nicht die vorangegangene Entwicklung ausgelöscht wird, sondern sich lediglich das Primat der weiteren Entwicklung verändert. Das heißt, die Errungenschaften der vorangegangenen Periode werden nicht etwa abgeschafft, sie erscheinen lediglich unter anderem Vorzeichen. Ebenso wird die Negation der Negation nicht den Urzustand wiederherstellen, sondern eine neue Qualität der Entwicklung unter wiederum veränderten Vorzeichen ermöglichen.

zuletzt geändert: 06.04.2015

 

 

 

Wie alles begann

Bei der bisherigen Betrachtung stand die Untersuchung der Widersprüche in der unbelebten Natur im Vordergrund. Nun kommen zu unseren Überlegungen die Zusammenhänge in der belebten Natur hinzu. Welche Stellung hat die belebte Natur im Verhältnis zur unbelebten? Klar ist, dass sich beide in wichtigen Punkten unterscheiden, aber sind sie auch als Gegensatz zu verstehen? Belebte Natur geht aus unbelebter hervor und sie besteht aus Bausteinen, Strukturelementen, die der unbelebten Natur zuzurechnen sind. Belebte Natur setzt also unbelebte Natur voraus. Wenn sie einen Gegensatz bilden würden, dann müsste die belebte auch Voraussetzung für die Existenz von unbelebter Natur sein. Trotz langem Grübeln findet sich dafür kein Anhaltspunkt. Demnach bilden belebte und unbelebte Natur keinen Gegensatz. Eher muss man belebte Natur wohl als einen zeitlich und räumlich begrenzten Spezialfall der Natur, der Materie ansehen.

Die belebte Natur als Spezialfall der Materie, dieser Gedanke gefällt mir. Das bedeutet jedoch, das wir uns, wollen wir das Leben verstehen, weiter mit dem Grundwiderspruch der Materie, dem Gegensatz von Struktur und Bewegung, auseinandersetzen müssen. Wenn ich es so recht bedenke, dann haben wir bisher vor allem die Struktur und die innere Bewegung dieses Gegensatzes beleuchtet. Wir sollten nunmehr den Focus auf die Entfaltung des Widerspruchs, also auf seine äußere Bewegung, legen. Entfaltung ist ein Begriff, der in ähnlichen Zusammenhängen gern verwendet wird, wohl weil er dem meist abstrakt beschriebenen Prozess Anschaulichkeit verleiht. Man kann ihn nämlich durchaus mit der Entfaltung, mit dem Aufblühen einer Blume vergleichen. Der Prozess startet als Knospe, mithin als spezieller Sproß der Pflanze. Die Knospe enthält alles, was die Blüte einmal ausmachen wird, trotzdem lässt sie deren spätere Pracht kaum erahnen. Erst mit der Entfaltung der Knospe zur Blüte wird sie diese offenbaren. Im Punkt größter Entfaltung schwingt jedoch bereits das Ende mit, der Zerfall zumindest dieses Sprosses kündigt sich an. Soviel zur Prosa.

Jetzt wird es zwangsläufig wieder abstrakt. Unsere Welt besteht aus Strukturen. Sie sind nach dem Urknall entstanden und seit ihrem Entstehen in ständiger Veränderung begriffen. Diese Veränderungen umfassen sowohl ihre permanente räumliche Ausbreitung im Zuge der Ausdehnung des Universums im Allgemeinen wie auch das Entstehen, Verändern und Vergehen unendlich vieler Strukturen im Einzelnen. Deren Entstehen, Verändern und Vergehen ist dem Einfluss von Wirkungen geschuldet. Derartige Wirkungen können von freier Energie ausgehen, das heißt von Energie, die nicht in Strukturen gebunden ist. Wir erleben sie als Strahlung. Wirkungen können aber auch von anderen Strukturen ausgehen, zum Beispiel in Form von Kräften der Anziehung oder Abstoßung, des Heransaugens und Hinwegschleuderns. Auch Wirkungen, die von anderen Strukturen ausgehen, resultieren letztlich aus Bewegungen respektive aus Energie, die in den Strukturen gebunden ist. Natürlich hinterlässt auch ein Zusammenprall von Strukturen Wirkungen, die bis zum Totalausfall eines oder aller Beteiligten führen können. Strukturen werden allerdings auch in Folge der Ausdehnung des Universums aufgelöst; sie gehen in dessen Ausdehnungsbewegung auf.

Die Bildung von Strukturen unter Einbindung von Energie und die Auflösung von Strukturen unter Freisetzung von Energie sind zwei gegensätzliche Tendenzen, die gemeinsam das Sein des Universums bestimmen. Das heißt jedoch nicht, dass diese Tendenzen überall und jederzeit mit gleicher Intensität auftreten. In der Anfangsphase des Universums lag das Primat wohl bei den dynamischen Prozessen, bei der Bewegung. Sie manifestierte sich in einer gewaltigen Eruption von Strahlung aber auch in einer explosionsartigen räumlichen Ausdehnung. Ein Teil der freien Energie wurde schnell in Strukturen eingebunden. Unzählige Atome entstanden, die ein oder zwei Protonen, Elektronen und Neutronen zu Wasserstoff und Helium vereinten. Gleichzeitig bildeten sich die Makrostrukturen des Weltalls mit seinen Galaxien, Sternen und sonstigen Himmelskörpern aus.

In einigen der Makrostrukturen herrschten Bedingungen, die die Entstehung größerer Atome mit einer höheren Anzahl von Protonen, Neutronen und Elektronen ermöglichten. Außerdem gingen die Atome Verbindungen untereinander ein. Während die Entstehung immer größerer Atome vor allem der von außen einwirkenden Energie geschuldet war, entstanden Verbindungen mehrerer Atome auch unter dem Einfluss von Wirkungen, die von den Atomen selbst ausgingen. Der Wasserstoff zum Beispiel bildet Moleküle aus zwei Atomen, die durch die gemeinsame Nutzung der Elektronen eine größere Stabilität erreichen. Neben diesen dauerhaften Verbindungen entstanden relativ lose Verbünde gleichartiger Moleküle. Nehmen wir das Wasser als Beispiel. Es ist eine Ansammlung von Wassermolekülen, die durchaus auch artfremde Moleküle in ihre Mitte aufnehmen. Und dann gibt es noch die große Gruppe der Verbindungen aus verschiedenartigen Elementen, die eine riesige Vielfalt von Stoffen entstehen ließ.

Immer wieder begegnen uns derartige Verbindungen von Atomen und Molekülen. Sie weisen unterschiedliche Merkmale auf, gleichzeitig lassen sie jedoch Gemeinsamkeiten erkennen, anhand derer wenige Grundtypen unterscheidbar sind. Da unsere Welt aus Atomen aufgebaut ist, sollten die Grundtypen materieller Verbindungen bereits in eben diesen Atomen zu finden sein. Beginnen wir mit den Protonen, die das strukturbildende Moment der Materie verkörpern. Protonen bestehen aus Quarks. Die drei Quarks, die ein Proton bilden, gehen eine unlösliche Verbindung ein. Sie geben ihre Eigenheiten zugunsten des Ganzen weitgehend auf. Sie fusionieren. Das heißt, die unterschiedliche Wirkung, die von den verschiedenen Quarks im Einzelnen ausgehen würde, ist aufgegangen in eine ganzheitliche Wirkung des Protons, in dem von ihm ausgehenden Sog. In einem Atom ist jedoch meist mehr als nur ein Proton vorhanden. Häufig bilden mehrere Protonen den Atomkern, ganz zu schweigen von den ebenfalls zum Kern gehörenden Neutronen. Die Protonen und Neutronen fusionieren aber nicht; sie bleiben als eigene Strukturbestandteile im Kern erhalten. Immerhin ergänzen sich ihre Wirkungen auf Dritte, so dass der Kern als Ganzes mit speziellen Eigenschaften in Erscheinung tritt. Mir fehlt ein Begriff für diese Art der Verbindung von mehreren sich ergänzenden Bestandteilen. Vielleicht könnte man sagen, sie bilden ein Konglomerat, sie konglomerieren. Damit haben wir zwei Arten von Verbindungen, die unterschiedliche Konsequenzen auf die Außenwirkungen des entstehenden Ganzen haben, Fusion und Konglomeration.

Das Atom besteht jedoch nicht nur aus dem Kern. Zum Atom gehören auch Elektronen, die das dynamische Moment der Struktur ausmachen. Zusammen mit den Protonen erschaffen sie ein Gleichgewicht der Kräfte, das sowohl die Stabilität als auch die Dynamik des Ganzen sichert. Weder Proton noch Elektron geben jedoch ihre speziellen Merkmale auf. Vielmehr hält das Proton mit seiner Sogwirkung das Elektron in seinem Bann, während das Elektron mit der von seiner Bewegung um den Kern ausgehenden Fliehkraft dem Ganzen Veränderungsfähigkeit verleiht. Das heißt aber auch, diese beiden Strukturelemete wirken nicht dadurch zusammen, dass sie sich als ähnliche Bausteine in ihren Wirkungen ergänzen, sondern dadurch, dass sie als alternierende Bestandteile sowohl ein stabiles als auch ein dynamisches Ganzes bilden. Man könnte vielleicht sagen, sie kooperieren und verleihen auf diese Weise dem sich herausbildenden Ganzen eine spezifische Außenwirkung. Zur Fusion und Konglomeration kommt also die Kooperation als drittem Verbindungstyp hinzu.

Während bei der Fusion die Bestandteile ihre Eigenständigkeit weitgehend verlieren, bleibt diese bei der Konglomeration ebenso weitgehend erhalten. Die Kooperation unterscheidet sich dadurch, dass eigentlich gegensätzliche Bestandteile zusammenwirken. Dieses Zusammenwirken beziehungsweise Aufeinandereinwirken führt zur Anpassung der kooperierenden Teile aneinander. Anpassung heißt, die Teile verändern einige ihrer spezifischen Wirkungen zugunsten der Existenz des Ganzen. Der Grad der Anpassung kann dabei durchaus unterschiedlich sein.

Mit den atomaren Grundbausteinen, den Grundtypen ihrer Verbindungen sowie den von ihnen ausgehenden Wirkungen ist die Basis für die Erklärung der Welt komplett, sollte man meinen. Beinahe vielleicht, denn da ist noch etwas. Unter bestimmten äußeren Bedingungen können große, komplexe Moleküle entstehen, deren Bestandteile nicht einheitlich aufgebaut sind. Von den unterschiedlich aufgebauten Abschnitten des Moleküls können daher differenzierte Wirkungen ausgehen. In einigen Fällen mögen sich diese Wirkungen gegenseitig behindern, dann wird dem Molekül ein kurzes Dasein beschieden sein. Andere Moleküle werden dagegen Wirkungen entwickeln, die einander ergänzen und dem Molekül die Fähigkeit verleihen, sich auch bei schwierigen äußeren Bedingungen zu behaupten. Ist das Molekül zum Beispiel in der Lage, Schäden, die durch äußere Einwirkungen entstehen, zu reparieren, dann besitzt es einen existenzsichernden Vorteil. Nukleinsäuren haben diese Fähigkeit. Von den Basen, als den Hauptbestandteilen der Nukleinsäuren, gehen Wirkungen aus, die sie immer wieder zueinander hinziehen, die zur Basenpaarung führen. Wird nun eine solche Base durch äußere Wirkungen aus dem Molekülverbund herausgesprengt oder zerstört, dann hilft diese Fähigkeit dem Molekül, sich wieder zu komplettieren.

Nicht nur äußere Faktoren können dem Molekül Schaden zufügen. Die Wirkungen, die von einzelnen Abschnitten des Moleküls ausgehen, können durchaus auch den eigenen Molekülverbund beschädigen. Die Ribonukleinsäure entfaltet derartige zerstörerische Wirkungen. Was unter anderen Umständen einem Desaster gleichkäme, entpuppt sich im Zusammenwirken mit der Basenpaarung als furioses Kombinationsspiel. Das durch die Innenwirkung abgetrennte Teil des Moleküls kann mit Hilfe der Basenpaarung komplettiert werden, so dass auf diese Weise zwei baugleiche Moleküle entstehen. Diese Fähigkeit führt zur Vermehrung, die zudem nicht auf den Zufall äußerer Wirkungen angewiesen ist. Die erforderlichen Kräfte der Zerteilung und Komplettierung sind dem Molekül selbst immanent. Mit Hilfe dieser Fähigkeit wurde es möglich, dass eine größere Menge baugleicher Moleküle entstand.

Allerdings wurden auch diese Moleküle unter der Wucht äußerer Einwirkungen immer wieder zerstört. Sie brauchten dringend Schutz, eine äußere Hülle. Baumaterial für eine solche Hülle fand sich unter den Eiweißen, die ebenfalls, und dies in großen Vielfalt, vorhanden waren. Die Eiweiße, die für eine solche Hülle Verwendung finden konnten, mussten allerdings bestimmten Anforderungen gerecht werden. Sie mussten nicht nur äußere Wirkungen abschirmen, sondern gleichzeitig auch die für den Selbsterhalt und die Vermehrung der RNA erforderlichen Stoffe nach innen passieren lassen. Und zwar nur diese. Außerdem wurde für die Vermehrung freie Energie von außen benötigt, auch diese nur in wohl dosierten Mengen. Energie ist für den Aufbau und den Erhalt der Strukturen unverzichtbar, sie ist aber gleichzeitig zerstörerisch, sobald ein verträgliches Maß überschritten wird.

Als nun eine Hülle gefunden war, die diesen Ansprüchen gerecht wurde, entstand ein neues Problem. Im Zuge der Vermehrung war jetzt auch die Hülle zu verdoppeln. Das heißt, die RNA musste mit ihren Wirkungen auch die aus Eiweißen bestehende Schutzhülle zerteilen, und zwar derart, dass die bereits verdoppelte RNA zu jeder Zeit geschützt blieb. Zu diesem Zweck ziehen die beiden bereits gebildeten RNA-Klone die Hülle zwischen sich zusammen. Nun können sie getrennt werden, ohne dass ein schutzloses Interregnum entsteht. Auf diese Weise werden tatsächlich zwei abgeschlossene Strukturen, zwei baugleiche Zellen gebildet, für deren schrittweise Vergrößerung man sich nun Zeit lassen kann. Die Krux bestand nämlich darin, dass die spezifischen Eiweiße, die für die Erweiterung der Hülle erforderlich waren, nicht beliebig zur Verfügung standen. Das heißt, die durchaus mögliche schnelle Vermehrung war wiederum durch äußere Faktoren beschränkt.

Trotz dieser Unvollkommenheit ist mit den entstandenen abgeschlossenen und sich vermehrenden Strukturen ein Meilenstein in der Geschichte der Natur erreicht. In diesen Strukturen waren eben nicht nur gleichartige Moleküle versammelt, vielmehr haben sich mit den Eiweißen und der RNA unterschiedliche Moleküle zu einem Ganzen zusammengefunden. Sie kooperieren, um gemeinsam ihre Existenz zu sichern und sich zu vermehren. Nur Vermehrung ermöglicht Fortschritt.

zuletzt geändert: 21.08.2016

 

 

 

 

 

Dialektik der Dialektik

Ach herrjeh, was soll das nun werden? Nun ja, ich gebe zu, ganz geheuer ist mir dies Vorhaben, die Dialektik in der Dialektik zu suchen, nicht. Aber es gibt da noch ein paar Ideen, die ich bisher nicht unterbringen konnte. Deshalb bin ich auf den Dreh verfallen, dass es ja auch in den inneren Strukturen und in den Entwicklungslinien der Dialektik selbst einen dialektischen Kern geben muss.

Dialektik ist – nach meinem Verständnis – die Lehre von den Gegensätzen. Welcher Gegensatz liegt nun der Dialektik selbst zugrunde? Die Dialektik ist einerseits eine Methode, mit der man sich der Wirklichkeit nähert, um sie zu verstehen. Auf der anderen Seite kann diese Methode nur dann funktionieren, wenn sie die Wirklichkeit adäquat erfasst, wenn die Wirklichkeit tatsächlich dialektisch ist. Aber fallen dann nicht Methode und Wirklichkeit zusammen? Nun, die Dialektik hat sich entwickelt. Sie wurde als Methode der Annäherung an die Wirklichkeit im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert. Schon dies allein zeigt, dass die Methode zum Erkennen der Wirklichkeit nicht mit der Wirklichkeit selbst identisch sein kann und auch nie sein wird. Das gilt im übrigen für alle Methoden des Denkens.

Die Mathematik ist ebenfalls eine Methode des Denkens. Sie hat über die Jahrtausende ein ganzes System von Abstraktionen in Form von Zahlen und Symbolen erschaffen. Dieses System weist eine innere Struktur, Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten auf. Lehrmeister für die Mathematik war die Wirklichkeit. Ihr Entstehen ebenso wie ihre Weiterentwicklung entsprangen den jeweiligen Notwendigkeiten des alltäglichen Lebens und später den Erfordernissen aus Wissenschaft und Technik. Im Zuge dessen entstand eine eigene Geschichte der Mathematik, die mit einfachen Verknüpfungen zählbarer Dinge begann, die später das Messen verschiedener Eigenschaften der Dinge und Prozesse begleitete und die schrittweise zur Beschreibung immer komplizierterer Zusammenhänge mit Hilfe komplexer Modelle führte. Die Erfolge der Mathematik waren nur möglich, weil sich bereits ihre ersten Schritte als nutzbringend erwiesen hatten. Sie hatten handhabbare Methoden zur Erfassung von mengenmäßigen Zusammenhängen hervorgebracht. Handhabbar ist hier durchaus wörtlich zu verstehen, denn die ersten Rechenhilfen der Menschen waren wahrscheinlich ihre Finger.

Ich habe mich oft gefragt, warum unser Zahlensystem ausgerechnet auf der Zahl Zehn aufbaut. Dafür gibt es in der uns umgebenden Natur keinen erkennbar Grund. Das Jahr, das mit dem Wechsel der Jahreszeiten den Lebenszyklus der Menschen maßgeblich bestimmt, gliedert sich in zwölf Monate oder Mondzyklen. Es wäre naheliegend, wenn das Zahlensystem auf der Zwölf basieren würde. Ein solches System hat es tatsächlich lange Zeit gegeben. Nicht nur die zwölf Monate, auch die zweimal zwölf Stunden des Tages sowie die Untergliederung der Stunden beziehungsweise Minuten in jeweils 60 kleinere Einheiten sind noch heute Zeugnisse dieses Herangehens. Aber nicht nur in Bezug auf Zeitangaben fand dieses auf der Zwölf, dem Dutzend, fußende System Anwendung. Auch beim Zählen im alltäglichen Leben wurde mit Dutzend, Schock, Gros und Maß hantiert. Diese Größen waren fest in der Vorstellungswelt der Menschen verankert. Zum Zählen musste man jedoch wieder die Finger zur Hilfe nehmen, und die sind halt nur zehn. Kein Wunder also, dass sich letztlich doch ein Dezimalsystem durchsetzte.

Ganz nebenbei haben wir damit einen Beleg dafür, dass sich die Mathematik nicht losgelöst von der Wirklichkeit entwickelte. Vielmehr ist ihre Entwicklung nur im Kontext mit den Menschen und ihrer Umwelt zu verstehen. Das betrifft sowohl die Aufgaben, die sie sich stellt, als auch die Hilfsmittel, die zu deren Lösung entwickelt werden. Die Mathematik widerspiegelt also die Gesetzmäßigkeiten und Wechselwirkungen des wirklichen Lebens. Sie selbst ist jedoch nicht die Wirklichkeit. Nicht alles, was mathematisch richtig ist, muss auch automatisch der Wirklichkeit entsprechen. Hier habe ich nicht einmal Fehler oder Trugschlüsse im Sinn. Vielmehr ist es so, dass sich auch mathematische Modelle nur schrittweise der komplexen Wirklichkeit annähern können. Genauso wie sich jede Messung nur auf einige Parameter in einem definierten Zeitfenster fokussieren kann, genauso muss auch jede mathematische Methode von einem Teil der möglichen Wechselwirkungen abstrahieren, um zu Ergebnissen zu gelangen. Die Welt in ihrer Komplexität, in der alles mit allem zusammenhängt und sich die Faktoren ständig verändern, kann auch die Mathematik nur ausschnitthaft erfassen. Das hat immerhin den Vorteil, dass für jede kommende Generation Aufgaben zur Weiterentwicklung mathematischer Modelle verbleiben.

Die Dialektik, genauso wie die Mathematik, sind also Methoden, um die Wirklichkeit zu begreifen. Nur, was ist eine Methode eigentlich? Eine Methode kann man vielleicht mit einem Algorithmus vergleichen, anhand dessen ein Computer in der Lage ist, Aufgaben zu lösen. Die Methode wäre demnach ein Algorithmus für das menschliche Gehirn, mit dem es arbeiten kann, mit dem es die Wirklichkeit analysiert und Zusammenhänge herstellt. Eine Besonderheit besteht darin, dass unser Gehirn lernfähig ist. Es ist in der Lage, seine Algorithmen, also seine Methoden selbst zu entwickeln und fortzuschreiben. Vielleicht trifft das nicht auf jeden Menschen gleichermaßen zu, aber doch im Prinzip. So gesehen, ist auch die Dialektik ein Denkwerkzeug, ein Algorithmus zur Annäherung des Denkens an die Wirklichkeit. Die Besonderheit der Dialektik im Vergleich zu anderen Methoden des Denkens besteht darin, dass sie die allgemeinsten Zusammenhänge widerspiegeln beziehungsweise erfassen will. Sie ist gewissermaßen ein „übergeordneter“ Algorithmus, der für alle Wissensgebiete Gültigkeit haben muss. Auch für die Mathematik? Auch für die Mathematik!

Die Mathematik ist vielleicht die Wissenschaft, die am wenigsten verdächtig ist, durch Ideologien oder Philosophien beeinflusst zu sein. Wenn Dialektik allgemeingültig ist, dann müssten sich dialektische Ansätze in der Mathematik finden lassen, auch wenn noch kein Mathematiker je etwas von Dialektik gehört haben sollte. Und in der Tat, es gibt wohl kaum eine andere Wissenschaft, die so viele dialektische Ansätze zu ihrem Basiswissen zählt, wie die Mathematik. Als eine der größten Erfindungen in der Geschichte der Mathematik gilt die Einführung der Null. Die Null ist ja auch etwas ganz Ungeheuerliches. Sie bezeichnet das Nichts mit einem Symbol. Damit wird das Nichts zu einer definierten Größe. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Etwas, was nicht vorhanden ist, wird zu einer definierten Größe, mit der man rechnen kann. Das Nichts als Rechengröße. Was für eine Logik ist das? Da dieses Herangehen in der Wirklichkeit der Mathematik, wie auch des alltäglichen Lebens, funktioniert, kann es kein Nonsens sein. Es ist zwar nicht unbedingt logisch, etwas Nichtvorhandenem einen Namen zu geben, ein dialektischer Ansatz ist es allemal. Das Nichts als Zeichen des  Nichtvorhandenseins hat nämlich zwei Seiten. Einerseits kann etwas, das nicht vorhanden ist, auch keine praktische Relevanz besitzen. Andererseits ist das Nichtvorhandensein eine Feststellung, aus der sich vielfältige Schlussfolgerungen ableiten lassen. Wenn beispielsweise bei einer bestimmten chemischen Reaktion Sauerstoff nachweislich nicht zur Verfügung stand, dann kann er auch keine Rolle gespielt haben, was für die Bewertung dieser Reaktion von erheblicher Bedeutung ist. Das Nichts vereint also zwei gegensätzliche Aspekte in seinem Wesen.

Aber es kommt noch verrückter. Das Gegenteil des auf diese Weise definierten Nichts ist das letztlich undefinierbare Unendliche. Unendlich kann unendlich groß bedeuten aber auch unendlich klein. Für diese Unendlichkeiten gibt es ein Symbol, mit dem die Mathematiker die tollsten Berechnungen anstellen. Auch das muss man noch einmal langsam wiederholen, weil es so unglaublich unlogisch ist. Unendlich impliziert „nicht erreichbar“. Ganz egal, wie weit man fortschreitet, es verbleibt immer noch ein Stück des Weges, der zu gehen ist. Umgekehrt kann man eine Strecke halbieren und deren eine Hälfte wieder halbieren und so fort. Die zu halbierende Strecke wird immer kleiner und doch gibt es immer wieder die Möglichkeit den verbleibenden Rest weiter zu teilen. Letztlich kann man also weder die eine noch die andere Unendlichkeit erreichen und damit auch nicht definieren – sagt mir die Logik. Mathematiker haben solche logischen Skrupel nicht. Man kann sich zum Beispiel einer Unendlichkeit von immer kleineren Strecken mathematisch annähern und einen Grenzwert im Unendlichen berechnen. Auf diese Weise berechnet man auch den Punkt, an dem Achill die Schildkröte überholt. Und er überholt sie ja tatsächlich! Ähnlich „logisch“ ist die Feststellung der Astrophysiker, dass das Weltall unendlich groß sei und dabei doch gleichzeitig räumlich begrenzt. Man muss wohl akzeptieren, dass sich die Wirklichkeit mit Logik allein nicht ausreichend beschreiben lässt. Versuchen wir die dialektiktische Deutung. Eine Grunderkenntnis der Dialektik ist, dass sich die Dinge und Erscheinungen nicht aus sich selbst heraus erkären lassen, dass sie sich vielmehr durch ihr Gegenteil definieren. Das ist auch der Grund dafür, weshalb sich das eigentlich undefinierbare Unendliche letztlich durch sein Gegenteil, einen definierten Grenzwert oder eine räumliche Begrenzung, bestimmt wird.

Noch einmal zurück zur Null. Ihre tatsächliche Bedeutung geht natürlich weit über die Beschreibung des Nichtvorhandenseins hinaus. Um diese zu erfassen, müssen wir noch einmal zum Zählen zurückkehren. Die alten Römer hatten ein Zählsystem erfunden, das auf der Fünf, auf den fünf Fingern einer Hand, basierte. Ein Finger war eine Kerbe, ein Strich. Zwei Striche bedeuteten zwei gezählte Einheiten, drei Striche drei. Waren fünf zu zählende Dinge beisammen, dann hatte man eine Hand voll. Dafür wurde ein neues Zeichen benutzt. Zwei Hände voll erhielten wiederum ein eigenes Symbol, das man dann, ähnlich den Einer-Symbolen additiv aneinanderreihen konnte. Für größere Zahlen benötigte man allerdings immer neue Symbole. Trotzdem war dieses System im Alltag leicht handhabbar. Es erlangte zudem durch die mit ihm gegebene Möglichkeit, ermittelte Mengen zu dokumentieren, erhebliche praktische Bedeutung. Für das eigentliche Rechnen, das heißt, dem Herausfinden und Nutzen von mengenmäßigen Zusammenhängen, war es allerdings wenig geeignet.

Die arabischen Zahlen, die ihren Ursprung wohl in Indien hatten, boten in dieser Hinsicht ganz neue Möglichkeiten. Bei den arabischen Zahlen erhält jede Menge, beginnend mit dem Nichts, ein eigenes Symbol, eine Zahl. Das heißt, Symbole werden nicht additiv aneinandergereiht, sondern jeder Zählschritt bis zur Neun wird spezifisch benannt. Man könnte auch sagen, jeder Finger erhält einen eigenen Namen. Sind die Finger beider Hände abgezählt, dann entsteht etwas qualitativ Neues. Um weiterzählen zu können, muss nämlich eine zweite Zehnerreihe eröffnet werden. Diese zweite Reihe beginnt wieder bei Null. So versinnbildlicht die 10 einerseits den Abschluss der ersten Zählreihe (zehn Finger) und gleichzeitig den Start der zweiten Zählreihe, die jedoch noch keine, also null Zähler, auf sich vereint. Wieder hat die Null also eine doppelte Bedeutung. Sie zeigt einerseits den Beginn einer neuen Qualität (zweite Zählreihe) an, die andererseits jedoch noch nicht zählbar (keine Quantität) begonnen hat.

Ganz nebenbei verkörpert der Übergang von der 9 zur 10 eine weitere in der Dialektik verankerte Gesetzmäßigkeit – den Übergang von Quantität in Qualität. In der Reihe von 0 bis 9 ruft jedes hinzukommende Zählstück ein neues Symbol, eine andere Zahl auf. Die Zahlen 0 bis 9 bilden damit eine eigene Qualität. Kommt beispielsweise zu 4 Stücken ein Stück hinzu, dann kann diese Menge wieder mit einer Zahl, nämlich der 5, dargestellt werden. Beim Übergang von der 9 zur 10 passiert jedoch etwas völlig anderes. Durch die Hinzunahme einer einzigen Quantität wird die Gruppe der einstelligen Zahlen durchbrochen. Es entsteht nun eine Zahl, die aus zwei Symbolen, aus zwei Ziffern zusammengesetzt ist. Das heißt, die Zahlen von 0 bis 9 werden in der zweistelligen Zahl zu Ziffern, zu Bestandteilen eines übergeordneten Größeren. Damit verkörpern die aus zwei Ziffern zusammengesetzten Zahlen eine neue Qualität. Sie öffnen den Horizont über das eigene Ich hinaus. Nicht nur die eigenen zehn Finger, die ganze Welt rückt jetzt in den Fokus des Zählens.

Eine weitere große Erfindung der Mathematiker waren die negativen Zahlen. Zahlen waren aus dem Zählen von Personen, Gegenständen oder was sonst noch wichtig ist im Leben entstanden. Negative Zahlen können aber nicht aus dem Zählen wirklicher Dinge hervorgegangen sein, denn sie sind in diesem Sinne nicht real. Niemand hat je minus ein Auto gesehen oder gehört. Und doch haben sich die negativen Zahlen als höchst brauchbar für die Beschreibung von Zusammenhängen erwiesen. Positive Zahlen bezeichnen den Fakt des Vorhandenseins, negative Zahlen den Fakt des Fehlens. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Nur wenn etwas vorhanden war oder ist, kann man auch sein Fehlen feststellen und darüber hinaus die Quantität des Fehlenden bestimmen. Ebenso wäre die Feststellung des Vorhandenseins sinnlos, wenn es nicht die Alternative des Fehlens gäbe. Vorhandensein und Fehlen sind Gegensätze, die einander bedingen, wie sich auch hell und dunkel gegenseitig bedingen und letztlich nur zusammen einen Sinn ergeben.

Sind eigentlich das Nichtvorhandensein und das Fehlen ein und dasselbe? Das Nichtvorhandensein (0) und das Fehlen (-x) bezeichnen Sachverhalte unterschiedlicher Bezugssysteme. Nehmen wir ein Beispiel. Wir sollen eine Truppe von Kämpfern aufstellen. Es gelingt uns zehn (+10) Männer zu rekrutieren. Die Männer haben aber keine (0) Waffen. Wenn jeder Mann mit einem Schwert ausgerüstet werden soll, dann fehlen zehn Schwerter (-10). Aus (0) vorhandenen Schwertern werden nun (-10) fehlende Schwerter. Wie geht das? Zuerst werden die zehn potentiellen Kämpfer beschrieben, die keine Schwerter tragen. Erst in dem Moment, da die Forderung aufgestellt wird, dass die Kämpfer Schwerter tragen sollen (neues Bezugssystem Kämpfer mit Schwert), wird klar, es fehlen zehn Schwerter. Das heißt, ein und derselbe Sachverhalt (nicht vorhandene Schwerter) erhält je nach dem Bezugssystem, in das er gestellt wird, unterschiedliche Bedeutung oder Relevanz. Dies ist ein Umstand, wie wir ihn nicht nur bezüglich des Zählens sondern hinsichtlich jeglichen Messens finden. Für jegliches Messen gilt, dass immer nur Werte aus einem gleichartigen Bezugssystem miteinander verglichen werden dürfen.

In der Schule wurde uns, soweit ich mich erinnere, die Systematik der Zahlen mit dem Zahlenstrahl erklärt. An dessen Anfang stand die Null, dann kamen nach rechts fortlaufend die positiven Zahlen, bis sich der Pfeil irgendwo im Unendlichen verlor. Die negativen Zahlen wurden in die andere Richtung, also nach links laufend, und ebenfalls einer Unendlichkeit zustrebend, dargestellt. Mit Hilfe dieses Modells konnte das Addieren und Subtrahieren von positiven und negativen Zahlen gut veranschaulicht werden. Allerdings hinterließ es bei mir auch Unbehagen, nämlich dann, wenn ich mir vorstellen wollte, wieso bei der Multiplikation einer beliebig großen positiven Zahl mit minus eins, das Ergebnis mit einem Mal am anderen Ende der Welt, respektive des Zahlenstrahls zu suchen sein sollte. Dafür eine Erklärung zu liefern, wurde von den Lehrern tunlichst vermieden. Ich weiß nicht, ob mittlerweile ein andere Darstellung des Zahlenstrahls bevorzugt wird. Nötig wäre es, denn +1 und -1 sind eben nicht nur entgegengesetzte Größen, sie bezeichnen auch zwei Seiten der selben Medaille. Wenn ein Koffer vorhanden ist oder ein Koffer fehlt, dann sind das zwei entgegengesetzte Sachverhalte. Trotzdem geht es jeweils um einen Koffer. Wenn es sich bei den positiven und negativen Zahlen also um zwei Seiten ein und derselben Medaille handelt, dann sollte dies auch durch den Zahlenstrahl widergespiegelt werden. Die Null wäre dann der Beginn des Zählens, sowohl der positiven Zahlen (zum Beispiel auf der Oberseite des Strahls dargestellt) als auch der negativen Zahlen (auf der Unterseite des selben Strahls). Beim Addieren und Subtrahieren würde sich das fortlaufende Zählen immer über die Null als Wendepunkt vollziehen. Die Multiplikation mit einer negativen Zahl bedeutet dann, dass man die Seite der Medaille wechselt. Das heißt, bei einer Multiplikation mit -1 verändert sich nicht die Position der Zahl auf dem Zahlenstrahl sondern lediglich die Seite des Strahls, auf der sie zu finden ist.

Bisher haben wir nur die ganzen Zahlen, resultierend aus dem Zählen von Personen, Dingen und Prozessen betrachtet. Natürlich wurde auch mit halben Einheiten, zum Beispiel einem halben Laib Brot, oder anderen Bruchteilen eines Ganzen gearbeitet. Zunehmend entstand bei den Menschen jedoch das Bedürfnis, die Dinge und Prozesse genauer zu beschreiben. Es wurden ihre Abmaße oder andere quantitative Eigenschaften bestimmt, mithin gemessen. Für das Festhalten der Messergebnisse reichten ganze Zahlen oder auch deren Bruchteile bald nicht mehr aus. Mag im Alltag eine Angabe wie „einundeinachtel Liter“ noch händelbar sein, für technische oder wissenschaftliche Zwecke waren solche Angaben wenig brauchbar. Dieses Manko bestehender Zahlensysteme wird im 10. Jahrhundert in den hoch entwickelten arabischen Ländern besonders spürbar gewesen sein. Jedenfalls begann man dort das bestehende Dezimalsystem um die Dezimalbrüche zu erweitern. Mit den Dezimalbrüchen ließen sich die immer genauer werdenden Messergebnisse hervorragend dokumentieren. Mit der in der Folgezeit wachsenden Genauigkeit des Messens entstand jedoch ein neues Problem. Die einzelnen Messergebnisse müssen nämlich nicht zwangsläufig das gleiche Maß an Genauigkeit aufweisen. Würde man diese unterschiedlichen Genauigkeiten bedenkenlos miteinander vergleichen und kombinieren, dann würde das Ergebnis womöglich eine Genauigkeit vorgaukeln, die es in Wirklichkeit gar nicht hat. Es galt also das erreichte Maß an Genauigkeit, genauso wie den möglichen Fehler, sorgfältig zu bestimmen und mit den für den jeweiligen Zweck möglichen Toleranzen zu vergleichen.

Wir hatten in der Schule einen Lehrer, der uns den Unterschied von Genauigkeit und Scheingenauigkeit näherbringen wollte. Das Thema hat bei mir innere Gegenwehr erzeugt und mich wahrscheinlich deshalb bis heute beschäftigt. Nehmen wir als Beispiel folgende Aufgabe: 127 x 13,5. Man nimmt schnell einen Taschenrechner und erhält 1.714,5. Aber ist das richtig? Das Ergebnis wäre richtig, wenn die Aufgabe gewesen wäre 127,0 x 13,5. War sie aber nicht. Die Zahl 127 deckt nämlich die Spanne von 126,5 bis 127,4 ab. Das Ergebnis der Multiplikation könnte also einen Wert von 1.707,8 bis 1.719,9 haben. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, entweder man gibt einen mittleren Wert wie 1.714,5 als Ergebnis an und benennt gleichzeitig den Fehler, den dieses Ergebnis beinhalten kann, oder man bereinigt die Aufgabe dahingehend, dass ein gleiches Maß an Genauigkeit genutzt wird. Im zweiten Fall würde die Aufgabe dann 127 x 14 und das Ergebnis 1.778 lauten.

Beide Wege haben offensichtlich Vor- und Nachteile. Das Beste ist es, man erhöht, so es denn möglich ist, die Genauigkeit beider Faktoren auf ein gemeinsames Niveau, zum Beispiel auf 127,1 x 13,5 = 1.715,85. Aber halt, das Produkt kann nicht genauer sein als die Faktoren. Also muss das Ergebnis 1.715,9 lauten. Das Runden des Ergebnisses weist uns jedoch schon wieder auf einen möglichen Fehler hin. Außerdem ist der Faktor 127,1 ebenfalls bereits gerundet. Er könnte von 127,05 bis 127,14 alles beinhalten. Das gilt für den anderen Faktor in gleicher Weise. Was sollen wir tun? Wir erhöhen die Genauigkeit weiter! Das Dilemma verlässt uns jedoch nicht. Es bleibt uns, wenn auch auf immer höherer Ebene, erhalten. Ganz egal, was wir anstellen, wie genau wir unsere Messung auch durchführen, es bleibt immer ein bestimmtes Maß an Ungenauigkeit. Auf der einen Seite ist also die mögliche Anzahl der Ziffern hinter dem Komma unendlich, was die Darstellung einer unendlichen Genauigkeit ermöglichen würde. Auf der anderen Seite ist eine absolute Genauigkeit nicht erreichbar und damit keine Option für die Praxis des Messens. In dieser Praxis muss man sich mit relativen Genauigkeiten begnügen, weshalb zu jedem Ergebnis der Hinweis auf den möglichen Fehler gehört, den man übrigens auch nicht mit absoluter Genauigkeit bestimmen kann.

Dass beim Messen keine absolute Genauigkeit erreicht wird, heißt jedoch nicht, dass diese nicht existieren würde. Selbst einen Fehler kann man nur ausweisen, wenn eine absolute Größe als Basis angenommen wird. Diese absolute Größe tritt in der Praxis des Messens jedoch nur als relativ genaues Messergebnis in Erscheinung. Gäbe es keine absolute Genauigkeit, könnte es auch keine relativen Genauigkeiten geben. Beide Aspekte sind wiederum zwei Seiten der selben Medaille. Sie bilden einen dialektischen Zusammenhang, genauso wie positive und negative Zahlen, wie hell und dunkel, wie absolute und relative Geschwindigkeiten.

Welche Bedeutung haben die Grenzen in der Genauigkeit des Messens für unsere alltägliche Praxis? In erster Linie ist es erforderlich, sie zu beachten. In der Praxis hat sich gezeigt, dass für jeden Zweck ein bestimmtes Maß an Genauigkeit erforderlich und ausreichend ist. Für unsere Vorfahren bestand die Schwierigkeit meist darin, dass ihre Messverfahren die eigentlich notwendige Genauigkeit nicht liefern konnten. Heute verzeichnet man oftmals den Umstand, dass Genauigkeiten erzielt werden können, die weit über das notwendige Maß hinausgehen. Das kann durchaus zum Problem werden, weil bei einer Messung, die nicht von der praktischen Notwendigkeit sondern vom Drang nach Perfektion geleitet wird, Effektivität eingebüßt wird. An dieser Stelle könnte ich ins Philosophieren geraten – über die unsinnige Regulierungswut nicht nur in Ämtern sondern auch in Unternehmen und überall dort, wo man sich dadurch profilieren kann, dass Vorgänge und Strukturen bis ins Kleinste regelt werden. Das sieht dann auf dem Papier perfekt aus, und doch steht es dem Leben im Wege. Bleiben wir lieber bei der Mathematik.

Da haben wir noch die Zahl Pi. Sie drückt das Verhältnis vom Umfang eines Kreises zu seinem Radius aus. Das spannende an Pi ist, dass man die Größe dieser Zahl nicht genau kennt. Setzt man den Umfang eines Kreises zu seinem Radius ins Verhältnis, dann ergibt diese Rechnung nämlich kein endliches Ergebnis. Das ist theoretisch bewiesen. Ungläubige Praktiker haben Rechner losgejagt und Billionen Stellen nach dem Komma berechnen lassen, ohne zu einem Ende zu gelangen. Für die Zahl Pi gilt offensichtlich all das, was wir bisher schon über die Genauigkeit von Messergenissen gesagt haben. Pi ist einerseits eine relle Zahl, das heißt, sie ist in der Wirklichkeit existent. Gleichzeitig kann man sie nicht mit absoluter Genauigkeit bestimmen. Für jede Berechnung benötigt man aber ohnehin nur ein bestimmtes Maß an Genauigkeit. Es macht keinen Sinn, innerhalb einer Aufgabe den Faktor Pi mit einer erheblich größeren Genauigkeit zu verwenden, als es die Genauigkeit der anderen zur Verfügung stehenden Messergebnisse hergibt. Unter einem solchen praktischen Aspekt wäre Pi mit Millionen oder gar Billionen Stellen nach dem Komma eine eher fragwürdige Angelegenheit.

Die Mathematik ist also, wie wir gesehen haben, voll von angewandter Dialektik. Wenn die Mathematik aber ohnehin den dialektischen Charakter der Wirklichkeit widerspiegelt, wozu brauchen wir dann noch Dialektik? Nun, die Mathematik beschäftigt sich nur mit der rein quantitativen Seite der Dinge, ihrer Größe, ihrer Anzahl, ihrem Volumen und so weiter. Die Dinge haben aber auch eine qualitative Seite. Für den Mathematiker ist es erst einmal egal, ob mit der Aufgabe zwei plus fünf nun Birnen oder Äpfel gezählt werden. Es sind in jedem Fall sieben. Er hat von der Qualität, Apfel oder Birne zu sein, abstrahiert und sich nur der Menge zugewandt. Für den Kunden des Wochenmarkts ist es jedoch durchaus von Bedeutung, ob der Verkäufer ihm Birnen oder Äpfel in die Tüte steckt. Aber was sollen Birnen und Äpfel mit Dialektik zu tun haben? Nicht viel. Für die Dialektik wird es erst dann spannend, wenn es um das Wechselverhältnis von Menge und Eigenschaft, mithin von Quantität und Qualität geht.

Quantität und Qualität sind offensichtlich ganz unterschiedliche Seiten der Dinge und Prozesse, die jedoch einander bedingen. Dies wird bei den Aggregatzuständen der Stoffe beziehungsweise beim Übergang von einem Aggregatzustand in einem anderen deutlich. Eis, zum Beispiel, ist gefrorenes Wasser. Dieses gefrorene Wasser ist durch ein bestimmtes Energieniveau gekennzeichnet. Führt man dem Eis von außen Energie zu, dann wird es an einem bestimmten Punkt schmelzen und flüssig werden, also wieder Wasser sein. Dieser Übergang ist jedoch kein kontinuierlicher Prozess, in dem jedes Quantum Energie zu einem Mehr an Flüssigkeitszustand führt. Vielmehr passiert, trotz Energiezufuhr, erst einmal gar nichts, jedenfalls nichts Erkennbares. Erst an einem bestimmten Punkt ist die Struktur Eis nicht mehr in der Lage die zusätzliche Energie aufzunehmen, sie verändert sich grundlegend. Das heißt, an einem bestimmten Punkt erzwingt die Anhäufung von Quantitäten (Energie) eine neue Qualität (Struktur). Wann und wo dieser Punkt des Strukturwandels erreicht wird, hängt wiederum von einer Vielzahl von Umweltfaktoren ab, die jedem Einzelfall zu einem spezifischen Ablauf verhelfen. Auf das Eis bezogen sind solche Faktoren zum Beispiel die konkrete chemische Zusammensetzung des Wassers, der herrschende Luftdruck oder die gegebenen Möglichkeiten, aufgenommene Energie schnell wieder an die Umwelt abzugeben. Hinzu kommen Faktoren, die wiederum diese Faktoren beeinflussen, wie auch Veränderungen, denen diese Faktoren permanent unterliegen.

Das Wechselverhältnis von quantitativen und qualitativen Faktoren interessiert die Mathematiker bestenfalls unter dem quantitativen Aspekt. Die Naturwissenschaftler wiederum legen ihren Fokus auf das verstehen konkreter Dinge, Prozesse und Wechselwirkungen. Die Dialektik will dagegen auf einer mehr abstrakten Ebene die allgemeinsten Zusammenhänge von quantitativen und qualitativen Aspekten erfassen, ohne dabei auf Besonderheiten des konkreten Einzelfalls abheben zu können. Nehmen wir als Beispiel noch einmal den Zahlenstrahl. Wenn man die Zahl 500 mit -1 multipliziert, dann erhält man -500. Diese Zahl bleibt auf der gleichen Höhe des Zahlenstrahls, aber sie wechselt auf die andere Seite. Wenn man dieses Ergebnis wiederum mit -1 multipliziert, dann kehrt die Zahl an ihren alten Platz zurück. Dem Ergebnis 500 sieht man diese Reise nicht an. Im Zweifel weiß man nicht, ob diese Zahl schon immer an der gleichen Stelle des Zahlenstrahls stand oder ob sie schon eine oder gar mehrere Metamorphosen, also qualitative Veränderungen, hinter sich gebracht hat. Es zählt nur der rein quantitative Aspekt – plus mal minus mal minus ist plus.

Die Dialektik kennt diesen Zusammenhang ebenfalls – die Negation der Negation. Die Negation der Negation führt, so ihre Erkenntnis, zu einem Zustand, in dem wesentliche Aspekte des Urzustands wieder aufscheinen. Der Zwischenzustand, der auf der anderen Seite der Medaille lokalisiert war, verschwindet jedoch nicht spurlos. Er bewirkte in einigen Aspekten Veränderungen gegenüber diesem Urzustand, die in der weiteren Entwicklung erhalten bleiben. So ist das Ergebnis der Negation der Negation letztlich ein anderes Etwas, als es der Ausgangszustand war. Das kann die Mathematik nicht abbilden. Will sie auch nicht. Naturwissenschaftler wiederum machen diesen wiederholten Wandel an konkreten Erscheinungen in der Natur fest. Wenn Eis schmilzt und das Wasser später wieder gefriert, dann entsteht erneut eine Kristallstruktur, so ihre Erkenntnis. Dass diese Kristallstruktur nicht in allen Facetten mit der geschmolzenen Struktur identisch ist, interessiert sie wohl eher peripher. Für die Dialektik ist jedoch gerade diese Aussage von besonderem Interesse, ist sie doch auf ihre Allgemeingültigkeit hin abzuklopfen.

Sind wir mit unserer Betrachtung zur Mathematik nicht ein gutes Stück vom Weg abgekommen? Es ging doch darum, das Verhältnis von Methode und Wirklichkeit, von gedanklicher Annäherung an die Wirklichkeit und deren realer Existenz zu erfassen. Der Umweg über die Mathematik sollte helfen, diese Thematik verständlicher werden zu lassen. Ich denke, das wurde erreicht. Ganz nebenbei wurde ein Eindruck von der praktischen Relevanz der Dialektik für andere Wissensgebiete vermittelt. Auch Umwege führen zum Ziel.

 zuletzt geändert: 13.07.2016

 

Gleichzeitig! Geht das?

Gleichzeitig – ist ja mal kein Fremdwort. Es gehört zum Alltagswortschatz. Dieses Wort entstammt der Wahrnehmung der Dinge, oder besser der Prozesse. Gleichzeitig – damit bezeichnet man den zeitlich parallelen Verlauf von Ereignissen. Damit man zwei Prozesse als gleichzeitig wahrnehmen kann, müssen sie auch im gleichen Raum stattfinden, in einem Raum also, in dem man sie gleichzeitig beobachten kann. Sie müssen also auch „gleichräumig“ sein. Warum gibt es das Wort „gleichräumig“ eigentlich nicht? Vielleicht liegt es daran, dass es im Alltag selbstverständlich erscheint, dass sich alle Prozesse, die man beobachtet, in ein und demselben (Lebens-) Raum abspielen. Es ist vor allem die Astronomie, die uns bewusst macht, dass auch andere Räume existieren, die noch dazu unvorstellbar weit entfernt sind. Strahlen, die uns von dort erreichen und vielleicht über die Explosion eines Sterns berichten, haben häufig bereits vor Jahrtausenden oder gar Jahrmillionen ihre Reise angetreten. Sie bringen also Informationen von längst vergangenen Ereignissen.

In einer astronomischen Beobachtungsstation hoch oben in den Anden sucht man das Universum systematisch nach auffälligen Ereignissen ab. Nehmen wir an, dabei werden eines Tages zwei Sternenexplosionen in unterschiedlichen Gegenden des Weltraumes registriert. Die Frage ist, ob man aus der gleichzeitigen Beobachtung der Ereignisse schließen kann, dass sie auch gleichzeitig stattgefunden haben? Die Sternenexplosion (A) ereignete sich in einer Entfernung von 100 Tausend Lichtjahren, die andere (B) in 50 Tausend Lichtjahren Entfernung. Das heißt, in dem einen Fall brauchten die Strahlen, die uns von der Sternenexplosion berichten, 100 Tausend Jahre bis sie unser Teleskop erreichten, in dem anderen Fall waren es 50 Tausend Jahre. Anders gesagt, die beiden Sternenexplosionen fanden mit einem riesigen zeitlichen Abstand statt, obwohl sie zur gleichen Zeit beobachtet wurden. Gleichzeitig waren sie also nur im Auge des Betrachters.

Man stelle sich nun vor, es gab da noch jemanden, der eine der Sternenexplosionen registrierte. Er befand sich allerdings auf einem anderen Planeten, irgendwo in den Tiefen des Universums. Von dessen Standpunkt aus war die Entfernung zur Explosion A zwar mit der Entfernung der Erde zu dieser Explosion vergleichbar, aber seine Entfernung zur Explosion B war um hunderttausende Lichtjahre größer. Er konnte daher nur die Explosion A und dies ungefähr zur gleichen Zeit wie auf der Erde beobachten. Die Strahlung von Explosion B wird irgendwann auf seinem Planeten eintreffen, wenn er und seine Nachfahren vermutlich längst nicht mehr existieren. Falls dieser Mitbeobachter eine Nachricht zur Erde gesandt hat, um seine Beobachtungen zur Explosion A mitzuteilen, dann wird das in der Nachricht beschriebene Ereignis für die Erdenbewohner in einer kaum mehr nachvollziehbaren Vorzeit gewesen sein. Die großen räumlichen Entfernungen des Alls führen alle irdischen Vorstellungen von zeitlichen Abfolgen ad absurdum.

Wenn nun die beiden Sternenexplosionen in gleicher Entfernung vom Teleskop auf der Erde stattfinden und die Informationen darüber in Form von Strahlung zur gleichen Zeit hier eintreffen, dann sind die Ereignisse doch gleichzeit, oder? Auf dem ersten Blick scheint es so zu sein. Schaut man jedoch etwas genauer hin, dann entstehen Zweifel. Es gibt da nämlich eine Vielzahl von Prämissen, die eingehalten sein müssten, damit diese Annahme richtig wäre. So ist zum Beispiel die Bestimmung der Entfernung vom explodierenden Stern zu unserem Teleskop eine höchst ungenaue Angelegenheit. Es fehlen einfach verlässliche und nachprüfbare Verfahren, um eine belastbare Genauigkeit zu erreichen. Gar nicht davon zu reden, dass die Strahlen auf dem Weg zur Erde womöglich mehrfach durch andere Himmelskörper abgelenkt wurden. Das heißt der Weg, den die Strahlen bis zur Erde zurückgelegt haben, ist nicht exakt nachvollziehbar. Wenn man aber die Entfernungen nicht genau bestimmen kann, dann kann man auch nicht behaupten, dass diese Entfernungen genau gleich seien. Damit hat man keine Basis mehr, Gleichzeitigkeit der Ereignisse zu konstatieren. Sie ist schlicht nicht nachweisbar

Diese Überlegungen sind nicht nur für die astronomischen Weiten relevant. Sie haben auch für Ereignisse auf der Erde mit ihren vergleichsweise geringen Distanzen Bedeutung. Wenn man ein Feuerwerk beobachtet, dass zwei Kilometer entfernt ist, dann sieht man die Fontäne nicht zur gleichen Zeit wie der Beobachter am Ort des Geschehens. Der Beobachter vor Ort kann die Fontäne jedoch ebenfalls nur mit einer gewissen Verzögerung hinsichtlich des tatsächlichen Geschehens wahrnehmen, da er sich immer noch in einer räumlichen Distanz zu ihr befindet, mag sie auch relativ gering sein. Das heißt, auch auf der Erde gilt die Feststellung, dass das Ereignis und dessen Beobachtung nicht nur räumlich sondern auch zeitlich auseinanderfallen. Wenn ein Ereignis jedoch nie direkt sondern immer nur mit zeitlicher Verzögerung beobachtet werden kann, dann kann auch Gleichzeitigkeit nicht direkt wahrgenommen werden. Bei der exakten Bestimmung der zeitlichen Abfolge von Ereignissen ist demnach immer die Entfernung des Beobachters zu den beobachteten Objekten zu berücksichtigen.

Außerdem ist zu beachten, dass sich alle Strukturen in ständiger Bewegung befinden. Die Himmelskörper bewegen sich um sich selbst und als Trabant um ein Zentralgestirn. Sie sind darüber hinaus womöglich Bestandteil eines größeren Systems, das ebenfalls in Bewegung ist. Außerdem nehmen alle Himmelskörper an der Expansion des Universums teil. Das heißt, jeder Himmelskörper ist immerfort, und dies in mehreren Dimensionen, damit beschäftigt, seine Position im Raum zu verändern. Dies gilt nicht nur für die Himmelskörper, auch im Mikrokosmos sind alle Teile in ständiger Bewegung. In jedem Atom sausen die Elektronen um den Kern, der ebenfalls mit großer Geschwindigkeit rotiert. Selbst das Innere des Kerns ist voller Dynamik. Wenn jedoch Mikrokosmos und Makrokosmos in permanenter Bewegung sind, dann ist klar, dass die Dinge auf der Erde nicht in absoluter Ruhe verharrend sein können. Selbst der Felsbrocken, der seit Jahrhunderten den Wegesrand säumt, ist, genau besehen, durch permanente Unruhe gekennzeichnet.

Nichts verharrt unverrückbar am selben Ort, schon gar nicht in der selben Position im Universum, was eine absolut exakte Bestimmung der Abstände der Objekte zueinander unmöglich macht. Mit jeder Messung derartiger Abstände ist das Problem verbunden, dass die ermittelte Distanz wegen der permanenten Bewegung der Kontrahenten bereits zum Zeitpunkt der Messung wieder verändert ist. In der Praxis hilft man sich damit, dass man ein Bezugssystem definiert, welches als unveränderlich angenommen wird. Man lässt also die Dynamik einer Reihe von Parametern außer Betracht und konzentriert sich mit der Messung auf einige, besonders relevant erscheinende Faktoren. Auf diese Weise erhält man zwar kein absolut genaues, aber ein für den jeweiligen Zweck hinreichendes Ergebnis. Will man eine Wanderkarte erstellen, dann ist es hinreichend genau, den Felsbrocken als unverrückbar anzusehen. Diese praktische Seite darf den anderen Teil der Wirklichkeit jedoch nicht vergessen machen, dass auch der Felsbrocken räumliche Veränderungen durchmacht, ob nun durch Wind und Wetter verursacht oder durch die Verschiebung der tektonischen Platten der Erde. Gar nicht zu reden, von den Veränderungen, die seine Position im Weltraum betreffen.

Mancher wird vielleicht denken – was soll das? Klar kann ich die Position und die Geschwindigkeit zweier Ereignisse eindeutig bestimmen und auf diese Weise berechnen, wann und wo zwei aufeinander zu rasende Autos zusammenstoßen. Das stimmt schon, aber nur, weil die Genauigkeit der ermittelten Werte für diesen Zweck ausreichend ist. Ob die Autos nun Nanosekunden früher oder später und Bruchteile eines Millimeters abweichend vom erwarteten Ort zusammenstoßen, das tut nichts zur Sache. Die Autos sind so oder so hinüber. Das heißt, die Abweichungen in Zeit und Raum, die der Beobachtung als Fehler anhaften, sind im Verhältnis zur Größe der Strukturen und zur Dauer der Prozesse unbedeutend. Blickt man jedoch auf Prozesse, die sich im atomaren Bereich abspielen, dann sieht das schon wieder ganz anders aus. Im Gegensatz zu den Autos sind Elementarteilchen winzig und sie bewegen sich mit unglaublicher Geschwindigkeit. Deshalb verursachen bereits kleinste Entfernungen zwischen Beobachter und beobachteten Ereignis bedeutsame Abweichungen bei dem Versuch, eine Ist-Bestimmung in Zeit und Ort vorzunehmen. Wenn aber bereits die Ist-Bestimmung nicht möglich ist, dann ist eine Vorhersage über den zukünftigen Aufenthalt der Teilchen geradezu unmöglich. Die Gleichzeitigkeit des Aufenthalts zweier Elementarteilchen an einem bestimmten Ort kann daher bestenfalls im Nachhinein, und zwar im speziellen Fall einer Kollision dieser Teilchen, festgestellt werden.

Halten wir noch einmal fest, weder im Mikrokosmos noch im Makrokosmos kann man die Lage von Strukturen im Raum, ihre Bewegungsrichtung oder ihre Geschwindigkeit, dass heißt, ihre Bewegung in der Zeit, zweifelsfrei ermitteln. Jede Messung dieser Größen beinhaltet zwangsläufig einen mehr oder weniger großen Fehler, eine Unschärfe. Damit fehlt die Basis, um Gleichzeitigkeit zweifelsfrei behaupten zu können. Daraus entsteht die Frage, ob gleichzeitige Ereignisse überhaupt möglich sind. Diese Frage lässt sich recht einfach klären. Man denke nur an die beiden Autos, die da zu Schrott kollidierten. Die Kollision belegt zweifelsfrei, dass es einen Punkt der Gleichzeitigkeit gab. Das heißt, man kann Gleichzeitigkeit von Ereignissen zwar nicht mit letzter Genauigkeit ermitteln oder gar vorherbestimmen, sie ist aber existent, wie man in dem speziellen Fall der Kollision, wenn auch nur im Nachhinein, sehen kann.

Ist diese Schlussfolgerung nicht vielleicht doch etwas kurzschlüssig? Gleichzeitigkeit, so hatten wir festgestellt, ist der zeitlich parallele Verlauf von Ereignissen. Ereignisse sind, allgemein ausgedrückt, Bewegungen von Strukturen. Strukturen brauchen für ihre Existenz und ihre Bewegung einen Raum. Man könnte sagen, Raum ist Existenzvoraussetzung für Strukturen und Bewegungen. Jede Struktur hat einen eigenen Raum, in dem sie sich bewegt. Dieser eigene Raum ist Bestandteil eines größeren, übergeordneten Raumes. Der Raum, den eine Pflanze einnimmt, ist zum Beispiel Bestandteil des Raumes der Wiese. Der Raum der Wiese ist Bestandteil des Raumes der Stadt, in dem die Wiese liegt. Der Raum der Stadt ist wiederum Bestandteil einer größeren Raumes und so weiter. Letztlich gehören alle irdichen Strukturen zum Erdenraum oder, wenn man den Bogen noch weiter spannen will, zu dem einen universellen Raum, dem Universum.

Auf der anderen Seite existieren Strukturen nur in Bewegung. Bewegungen sind räumliche Veränderungen in der Zeit. Man könnte sagen, Zeit ist die Existenzweise der in Bewegung befindlichen Strukturen. Jede Struktur hat ihre Zeit, die wiederum Bestandteil der Zeit einer übergeordneten Struktur ist. Die Zeit, die eine Pflanze existiert, ist Bestandteil der Zeit, in der die Wiese besteht. Verschwindet die Wiese, weil vielleicht eine Siedlung gebaut werden soll, dann ist auch die Zeit der Pflanze abrupt beendet. Sollte die Erde von einem Kometen oder gar Asteroiden getroffen werden, dann ist wohl nicht nur die Zeit der Pflanze und der Wiese vorüber. Ein derartiges Ereignis könnte das Ende von Raum und Zeit der Erde mit all ihren Strukturen bedeuten. Dieser Gedanke ist unerfreulich, schauen wir lieber auf den Anfang. Wie entstehen Raum und Zeit überhaupt? Raum und Zeit entstehen mit den Strukturen. Aus einem Keim erwächst eine Pflanze. Dazu sind Wasser, Luft, Mineralien und vor allem Energie erforderlich. Mit ihrem Wachstum dehnt sich die Struktur „Pflanze“ aus, sie erobert Raum. Sie schafft sich Raum. Dann wird es Herbst, die Energie der Sonne sprudelt nicht mehr im Überfluss. Der Pflanze gehen die Lebensgrundlagen aus, sie verwelkt. Ihre Zeit neigt sich dem Ende entgegen. Sie stirbt ab. Der Raum, den sie einnahm, existiert zwar noch in Form der Wiese, als Raum der Pflanze ist er jedoch mit der Pflanze verschwunden. Anders gesagt, die Pflanze schafft sich in der Zeit ihres Werdens Raum, der mit ihrem Vergehen wieder verschwindet.

Wenn Bewegung Raum schafft, dann muss auch die Umkehrung gelten. Dort, wo keine Bewegung ist, ist auch kein Raum. Führt man einem Gas Energie zu, dann intensiviert sich die Bewegung seiner Moleküle. Das Gas dehnt sich aus. Es braucht mehr Raum. Es schafft sich mit seiner Bewegung Raum. Allerdings war dieser Raum auch vorher vorhanden, nur nicht mit dem Gas befüllt. Aber genau das ist der Punkt. Für das Gas gibt es nur den Raum, in dem es sich gerade bewegt. Aller anderer Raum, in dem es nicht mit seiner Bewegung präsent ist, existiert für das Gas nicht. Ähnliches gilt übrigens auch für das Universum. Aus Sicht des Universums ist Raum nur dort, wo es selbst mit seiner Bewegung existent ist. Dort, wo es sich nicht bewegt, ist auch kein Raum. Gleiches gilt für jede Struktur und den von ihr eingenommenen Raum. Einen außenstehenden Beobachter tangiert die beschriebene räumliche Beschränktheit des Gases allerdings nicht, da sein eigener Raum im Verhältnis zum Gas ein übergeordneter Raum ist. Für das Gas ist dieser beschränkte Raum jedoch die einzige relevante Dimension.

Es ist das Privileg organischer Strukturen, dass sie die Beschränktheit ihrer räumlichen Existenz wenigstens teilweise überwinden können. Das Gas kann lediglich auf von außen kommende Energie reagieren, seine Bewegung intensivieren und seinen Raum erweitern. Die Pflanze hingegen versorgt sich selbst mit Energie. Sie braucht dazu zwar auch die Energiezufuhr von außen, diese Energie kann sie jedoch in körpereigene Depots umwandeln, die ihr ständig zur Verfügung stehen. Die Energiedepots verringern die Abhängigkeit ihres Wachstums von einer äußeren Energiezufuhr. Mit ihrem Wachstum wiederum erobert sie sich Raum. Noch deutlicher wird die Tendenz hin zur selbstbestimmten Eroberung von Raum bei den Tieren, die die gespeicherte Energie nicht nur für ihre körperliche Entwicklung nutzen, sondern auch für ihre direkte Fortbewegung in der Landschaft. Das heißt, sie besetzen nicht nur den Raum, den sie mit ihrem Körper einnehmen, sie erreichen durch ihre Bewegung einen deutlich größeren Aktionsradius, sie erobern sich einen deutlich größen Raum. Für die Menschen, als vernunftbegabte Wesen, endet der Raum auch mit dem biologisch bedingten Aktionsradius nicht. Sie haben vielfältige Hilfsmittel ersonnen, mit denen sie die gesamte Erde als Lebensraum erschließen. Darüber hinaus sind sie in der Lage, noch viel größere Räume, wie das Sonnensystem, die Galaxis oder gar das Universum zumindest gedanklich zu durchmessen.

Blicken wir noch einmal auf die Zeit. Die Zeit einer Struktur ist ihre Spanne vom Werden bis zum Vergehen. Alles hat seine Zeit. Genauso wie jede einzelne Bewegung und jeder einzelne Raum auf diesem Planeten Bestandteil der Erde ist, genauso ist jede Struktur mit ihrer Zeit Bestandteil der Erdenzeit. Im Lebensraum Erde können zwei Strukturen durchaus gleichzeitig Werden und Vergehen, oder sich in ihren Lebensläufen kreuzen. Nehmen wir zum Beispiel an, ein Reh läuft über die Straße. Dummerweise kommt in diesem Augenblick ein Auto gefahren. Es gibt einen Zusammenstoß. Warum? Weil das Reh und das Auto gleichzeitig am selben Punkt der Straße waren. Genau genommen müsste man sagen, an einem bestimmten Punkt der Lebenszeit des Rehs und der Lebenszeit des Autofahrers haben sich ihre Bewegungen an einem Ort im Erdenraum gekreuzt. Sie sind kollidiert, und das mit schwerwiegenden Folgen. Zum Zeitpunkt der Kollision waren Reh und Autofahrer jedoch in ganz unterschiedlichen Phasen ihrer eigenen Lebenszeit angelangt. Der überlebende Autofahrer war vielleicht ein älterer Herr, der den Zenit seines Lebens schon lange hinter sich gelassen hatte. Das Reh hingegen war noch jung und unerfahren, mit Straßen und Autos. „Gleichzeitigkeit“ erweist sich hier zwar als Schnittpunkt zweier Lebenszyklen, deren Subjekte jedoch an ganz unterschiedlichen Punkten ihrer eigenen Lebenszeit angelangt waren. Mit Bezug auf diese Lebenszyklen kann man demnach, trotz Kollision, nicht von Gleichzeitigkeit sprechen. So gesehen, ist Gleichzeitigkeit selbst dann, wenn zwei in Bewegung befindliche Strukturen zusammenstoßen, immer nur relativ, das heißt, auf eine Bezugsebene, in unserem Beispiel auf die Landstraße, beschränkt. In anderen Bezügen, wie den Lebenszyklen der Beteiligten, ist trotz Kollision keine Gleichzeitigkeit zu verzeichnen. Gleichzeitigkeit ist mithin immer relativ.

zuletzt geändert: 13.07.2016

 

 

 

Struktur und Bewegung

Nach meiner Überzeugung ist die Dialektik von Struktur und Bewegung der wesentliche Gegensatz, der das Universum zusammen und in Bewegung hält. Wenn wir uns in diesen Gegensatz hineindenken, dann finden wir Antworten zu grundlegenden Fragen des Aufbaus der Welt. Für dieses Hineindenken in den Gegensatz werden wir das nutzen, was wir bereits über dialektische Gegensätze wissen.

Die Seiten des Gegensatzes schließen einander aus.

Alles im Universum ist Struktur oder Bestandteil einer Struktur. Strukturen sind Ausdruck von Stabilität. Ihre Teile stehen in einer definierten Beziehung zueinander. Jedes Teil hat seinen Platz und gegebenenfalls seine Aufgabe im Gesamtverbund. Dieser Gesamtverbund wird bestimmt durch die Art seiner Teile. Trotzdem stellt er als Gesamtheit eine eigene Qualität dar, die sich nicht ohne weiteres aus der Summe seiner Teile ableiten lässt.

Alles im Universum ist in Bewegung. Bewegung ist Ausdruck von Veränderung. Bestehende Relationen werden aufgelöst. Damit entsteht Unordnung, aus der heraus Neues entstehen kann. Die neuen Strukturen können gänzlich andere Eigenschaften haben als die aufgelösten.

Wenn denn Struktur Stabilität bedeutet und Bewegung Veränderung, dann schließen Struktur und Bewegung einander aus.

Die Seiten des Gegensatzes bedingen einander.

Was bewegt sich denn nun? Strukturen und ihre Teile bewegen sich. Kelvin hat gezeigt, dass beim absoluten Nullpunkt jede Bewegung erstorben ist. Dieser absolute Nullpunkt wird nicht erreicht, weil es in der Natur keine Struktur ohne Bewegung gibt. Darüber hinaus ist jede Struktur Bestandteil einer übergeordneten Struktur und deren Bewegung. Das heißt, auch der Stoff, der im Experiment nahe an den absoluten Nullpunkt gebracht wurde, ist Bestandteil der Bewegung der Erde um sich selbst und um die Sonne. Im Zweifel nimmt alles und jedes an der Ausdehnung des Universums teil.

Umgekehrt braucht jede Bewegung eine Struktur, die sich bewegen kann und/oder deren Teile sich bewegen. Genauso wie jede Struktur Bestandteil einer übergeordneten Struktur ist, genauso ist auch jede Bewegung Bestandteil der Bewegung der übergeordneten Struktur, oder wenn man so will, der übergeordneten Bewegung. Das heißt, die Bewegung des Mondes um die Erde, geht in der Bewegung der Erde um die Sonne auf. Die Bewegung der Erde um die Sonne wäre hier die übergeordnete Bewegung gegenüber der Bewegung des Mondes um die Erde.

Gibt es Bewegung ohne Struktur? Die Quantentheorie hat gezeigt, dass  Energie in Quanten abgeben wird. Sie sind die kleinsten Strukturelemente dieser Welt. Sie selbst haben keine Struktur mehr, das heißt, sie sind nicht aus Strukturelementen aufgebaut. Allerdings folgt ihre Bewegung einer bestimmten Form, einer Struktur. Da haben wir zum einen die Bewegungsform der Quanten um sich selbst und zum anderen die Art und Weise ihrer Ausbreitung im Raum.

Es gibt also keine Struktur ohne Bewegung und ebenso keine Bewegung ohne Struktur. Eine Struktur ohne Bewegung würde Erstarrung bedeuten. Eine Bewegung ohne Struktur bedeutete Verlust jeden Zusammenhangs. Struktur und Bewegung bedingen einander. Nur in einem relativen Gleichgewicht beider Faktoren ist sowohl Stabilität als auch Veränderung möglich.

Die Seiten des Gegensatzes gehen ineinander über.

Wenn man einer Struktur Energie zuführt, dann verstärkt sich die Bewegung ihrer Teile. Wird diese Bewegung zu stark, dann wird die bisherige Verbindung gesprengt. Die Struktur verändert sich, sie wird flexibler. Möglicherweise wird aus einem relativ starren Kristallgitter ein flexibler, das heißt flüssig erscheinender Verbund. Wird nun dieser Struktur weiter Energie zugeführt, können auch diese Bindungen aufgelöst werden und die Bestandteile bilden nur noch ein lose gasförmige Gemeinschaft von sich eher chaotisch gebenden Bestandteilen, die noch dazu die Tendenz in sich tragen, gänzlich zu entschwinden. Mit anderen Worten, je mehr Energie einer Struktur zugeführt wird, umso mehr löst sich ihr Zusammenhang auf. Struktur geht in Bewegung über. Wird der Struktur diese Energie wieder entzogen können sich die Strukturen unter Umständen aufs neue bilden. Bewegung geht dann in Struktur über.

Wichtig ist es zu verstehen, dass der Zusammenhang von Struktur und Bewegung keinen Automatismus beinhaltet, in dem Sinne, dass Energiezufuhr sofort und in jedem Fall zur Veränderung der Strukturen führt. Strukturen sind in der Lage Energie zu integrieren oder abzugeben, ohne dabei größeren Schaden zu nehmen. Erst ab einem bestimmten Punkt, der je nach Struktur und äußeren Bedingungen variieren kann, reicht die Integrationskraft der Struktur nicht mehr aus. Sie wird gesprengt oder sie verändert sich grundlegend. Mit anderen Worten, das Gleichgewicht von Masse und Energie, von Struktur und Bewegung ist eine sich in bestimmten Grenzen verändernde Größe. In diesem Sinn kann man von einem dynamischen Gleichgewicht sprechen. Wird allerdings der kritische Punkt überschritten, dann verändern sich die Strukturen qualitativ. Das Gleichgewicht muss sich neu definieren.

Das Verhältnis von Masse und Energie beschreibt auch die durch Einstein berühmt gewordene Formel E=mc². Indem sie das Verhältnis von Masse und Energie quantifiziert, setzt sie voraus, dass sie ineinander umgewandelt werden können. Die Umrechenbarkeit von Energie in Masse wird auch beim Begriff der Ruhemasse für Elementarteilchen genutzt. Bei der Ruhemasse geht man davon aus, dass die gesamte Energie des Teilchens in Masse übergegangen sei. Diese Annahme ist natürlich eine Krücke, ein Hilfsmittel, weil die Teilchen nicht „in Ruhe“ existieren. Immerhin gewinnt man aber mit der Zusammenfassung von Energie und Masse in einer Größe einen brauchbaren Maßstab, um Elementarteilchen miteinander vergleichen, mithin messen zu können.

Der aufgezeigte Zusammenhang von Masse und Energie sollte dabei nicht nur auf der Ebene der Elementarteilchen gelten. Er muss genauso für das Universum in seiner Gesamtheit Gültigkeit besitzen. Wir wissen, dass sich das Universum ausdehnt und dies mit zunehmender Geschwindigkeit. Das heißt, auf die Gesamtheit des Universums betrachtet nimmt die Bewegung zu. Zwangsläufig muss daher die Strukturiertheit des Universums tendenziell abnehmen. Der 2. Hauptsatz der Thermodynamik postuliert, dass dies nicht nur für das Universum in seiner Gesamtheit sondern auch für alle seine Bestandteile gilt.

Der Übergang von Masse in Energie ist jedoch nicht nur eine Frage der Theorie. Auch technisch, das heißt zur Energiegewinnung, ist er von Bedeutung. Letztlich beruhen Kernspaltung und Kernfusion auf diesem Effekt. Und da ist dann noch die Sonne, die ihre Masse verschwenderisch verbrät und uns mit Energie überschüttet. Die Umwandlung von Struktur in Bewegung, von Masse in Energie stand auch noch mit einem anderen Phänomen an der Wiege der Menschheit: dem Feuer. Was ist Feuer eigentlich? Na ganz einfach – Feuer ist, wenn´s brennt. Und wann brennt es? Wenn brennbaren Stoffen Energie zugeführt wird, dann gehen sie irgendwann in einen gasförmigen Zustand über. Der Flammpunkt ist erreicht, wenn das freigewordene Gas, in der Regel Kohlenstoff, mit dem Sauerstoff der Luft reagiert. Dabei werden wiederum große Mengen an Energie freigesetzt, die dazu führen, dass immer mehr Stoffe zu brennen beginnen. Strukturen lösen sich auf, Energie wird frei.

Umgekehrt würde auf dieser Erde kaum etwas gedeihen, wenn es die ach so freigiebige Sonne nicht gäbe. Ihre Energie ist das Lebenselixier unserer Welt. Insbesondere die Pflanzen vermögen es, mit Hilfe der Sonnenenergie Strukturen aufzubauen, Masse zu erzeugen. Die von den Pflanzen geschaffenen organischen Substanzen waren wiederum die Basis für die Entwicklung der tierischen Vielfalt, zu deren wichtigstem Energiespender sie wurden. Dazu wandeln Tiere die Strukturen der Pflanzen in körpereigene Energie um, die sie wiederum zum Aufbau und zum Erhalt der eigenen Strukturen benötigen.

Bereits mit diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass Umwandlungsprozesse von Masse in Energie und umgekehrt allgegenwärtig sind. Sie sind in ihrer Vielgestaltigkeit das, was wir als Entwicklung bezeichnen.

Masse und Energie

Bisher wurden die Begriffe Masse/ Energie und Struktur/Bewegung fast synonym gebraucht. Doch sind Masse und Struktur beziehungsweise Energie und Bewegung wirklich identisch? Wohl nicht. Dann ist es notwendig, beide Begriffspaare voneinander abzugrenzen, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten.

Eine Struktur ist relativ leicht zu charakterisieren. Es ist ein Konstrukt verschiedener Teile, die sich in einer bestimmten Ordnung zueinander befinden und in Bewegung sind. Das Grundprinzip ihres Aufbaus ist häufig durch ein Zentralgestirn, das sich um sich selbst dreht, und Trabanten, die sich um das Zentralgestirn herum bewegen, charakterisiert. Diese Grundstrukturen können unterschiedliche Verbindungen miteinander eingehen. Sie bilden auf diese Weise eine unüberschaubare Vielfalt konkreter Gebilde.

Masse wird in der Physik als schwere Masse oder als träge Masse beschrieben. Es handelt sich hierbei um zwei verschiedene Wege zur Bestimmung der Masse von Strukturen. In dem einen Fall nutzt man den Umstand, dass Strukturen bei der Einwirkung einer gleichbleibenden Schwerkraft in unterschiedlichem Maße Gewicht erhalten. In dem anderen Fall wird die Beobachtung verwandt, dass Strukturen bei Einwirkung eines gleichen Energiebetrags, Schwerelosigkeit vorausgesetzt, unterschiedlich beschleunigt werden. Beide Beobachtungen lassen Rückschlüsse auf die Masse der untersuchten Strukturen zu. Die ermittelten Größenverhältnisse der Massen zueinander sind bei beiden Versuchsanordnungen zwangsläufig identisch.

Masse hat also nicht wirklich etwas mit Gewicht zu tun. Dort, wo keine Schwerkraft wirkt, dort hat keine Masse ein Gewicht. Masse hat aber auch nicht wirklich etwas mit Beschleunigung zu tun, denn für die Beschleunigung braucht man immer einen Impuls von außen. Das Vergleichen von Strukturen unter der Einwirkung der Schwerkraft oder mit Hilfe eines Energieimpulses sind also lediglich verschiedene Methoden zum Messen von Massen. Doch noch immer ist nicht klar, was nun Masse eigentlich ist. Offenbar kann man sie nicht konkret beschreiben. Versuchen wir es abstrakt.

Von allem Konkreten abstrahiert ist Masse das, was die Strukturen beinhalten. Insofern sind Masse und Struktur nicht voneinander zu trennen. Masse ist gewissermaßen der Inhalt der Struktur, oder die Struktur ist die Form in der die Masse existiert. Um auf eine konkrete Ebene zurückzukehren, bleibt wohl als brauchbare Bestimmung der Masse nur die Anzahl und Größe der Atomkerne, die in einer Struktur verbunden sind. Sie sind ausschlaggebend für deren Masse.

Bewegungen sind Veränderungen der Lage im Raum. Die universelle Bewegung aller Strukturelemente ist die Bewegung um sich selbst. Darüber hinaus bewegen sich die Strukturelemente innerhalb ihrer Struktur, zum Beispiel um das Zentralgestirn herum, oder unabhängig von äußeren Strukturen frei im Raum, wie zum Beispiel die Photonen, die in Form des Lichts auf unseren Planeten treffen.

Energie begrifflich zu bestimmen, scheint fast noch schwieriger zu sein, als die Erfassung des Begriffs der Masse. In der Physik wird der Begriff der Energie mehr mit ihrer Wirkung verknüpft als mit ihrem Wesen. Ein guter Ansatz scheint mir im altgriechischen Ursprung des Wortes zu liegen – einer Zusammensetzung aus „innen“ und „wirken“. Energie wäre demnach etwas, das aus dem Inneren der Strukturen heraus Wirkungen verursacht. Das, was aus dem Inneren der Strukturen heraus Wirkungen verursacht, sind wiederum Bewegungen. Die Bewegungen selbst sind in ihrer Form vielfältig. Der Inhalt der Bewegung ist jedoch die Wirkung, die Wirkungskraft, die von ihr ausgeht. Insofern sind Energie und Bewegung nicht voneinander zu trennen. Energie ist gewissermaßen die Kraft der Bewegung, oder die Bewegung ist die Form, in der sich Energie äußert.

Dass Masse und Struktur beziehungsweise Energie und Bewegung trotz dieser engen Verknüpfung nicht zusammenfallen, soll an einem Beispiel verdeutlicht werden. Alle sich bewegenden Strukturen haben einen Masseaspekt und einen energetischen Aspekt. Deren Verhältnis kann trotz ähnlich starker oder schwacher Strukturierung sehr unterschiedlich ausfallen. So hat Licht bei geringer Strukturierung praktisch keine Masse. Licht ist in gewissem Sinne Energie pur. Schwarze Löcher hingegen entstehen aus einer enormen Konzentration von Masse. Ihre innere Struktur wurde jedoch derartig komprimiert, ja aufgelöst, dass sie ebenfalls als gering zu bezeichnen ist. Sie sind in gewissem Sinne Masse pur. Schwarze Löcher und Lichtquanten haben also beide eine geringe Struktur und doch könnten sie in puncto Masse oder mit Blick auf das Verhältnis Masse – Energie kaum unterschiedlicher sein.

Struktur und Bewegung sind wechselseitig identisch

Bei den Überlegungen zur Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, sind wir auf die Atomkerne, insbesondere auf die Protonen gestoßen. Die Atomkerne sind die grundlegenden Träger der Masse dieser Welt. Ihre Bausteine, die Protonen und Neutronen, bestehen aus Quarks. Quarks selbst haben keine Bausteine, sie sind reine Energie. Denkt man dies zuende, dann heißt das, dass letztlich alle Masse aus Energie besteht. Umgekehrt zeigen uns die Schwarzen Löcher, wie alle erreichbare Energie einverleibt wird und in die eine große Masse eingeht. In ihrem Einzugsgebiet ist Energie gleich Masse.

Struktur und Bewegung vernichten einander

Schon in der Umwandlung von Energie in Masse und Masse in Energie steckt ein destruktives Moment. Die Umwandlung schließt jedoch die Rückwandelbarkeit ein. Damit kann dieses destruktive Moment aufgehoben werden. Es gibt jedoch auch Prozesse, die den Punkt einer möglichen Revision überschritten haben. Bleiben wir noch einmal bei den Schwarzen Löchern. Schwarze Löcher saugen alle erreichbare Masse und Energie in sich auf. Sie geben selbst wenig Energie ab. Das heißt, ihre Masse wird immer größer. Damit wird auch der Raum größer, den die Gravitationskraft dieses Monstrums erreichen kann. Immer neue Masse und Energie kommt in den Bereich seines unwiderstehlichen Sogs. Dieser immens steigende Sog nach innen führt jedoch auch zu einer Verengung der Bewegungsräume der in ihm (noch) vorhandenen Strukturen. Bewegungsraum wird zerstört, Bewegung nimmt zwangsläufig ab. Da dieser Tendenz nichts entgegenwirkt, verstärkt sie sich aus sich selbst heraus. Ihr destruktives Moment wächst. Masse vernichtet Bewegung.

Auf der anderen Seite dehnt sich das Universum immerfort aus. Dabei werden Strukturen aufgelöst. Mit der Verringerung der Dichte der Strukturen verringern sich auch die Kräfte des Zusammenhalts. Die Expansion kann sich immer schneller vollziehen. Da dieser Tendenz nichts entgegenwirkt, verstärkt sie sich aus sich selbst heraus. Ihr destruktives Moment wächst. Energie vernichtet Struktur.

Es scheint so zu sein, dass von diesen beiden entgegengesetzten Prozessen jeweils einer der insgesamt dominierende ist. In der jetzigen Phase der Entwicklung des Universums ist es dessen Expansion. Dieses Primat ist jedoch nicht ein für allemal festgeschrieben. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass das Primat irgendwann, wenn es die Erde wahrscheinlich längst nicht mehr gibt, auf den Konzentrationsprozess wechselt.

Was können wir unserem Wissen über dialektische Gegensätze hinzufügen?

In allen Gegensätzen gibt es ein destruktives Moment, das unter bestimmten Umständen zu einer Zerstörung einer oder beider Seiten des Gegensatzes führt. Dies geschieht insbesondere dann, wenn das Gleichgewicht der Wirkungen nachhaltig gestört ist. Eine Störung des Gleichgewichts führt jedoch nicht sofort, quasi automatisch, zur Zerstörung des Zusammenhangs der gegensätzlichen Seiten. Zeitweise Ungleichgewichte, resultierend aus dem Primat einer Seite, gehören vielmehr zu seiner Dynamik. Sie machen diese erst möglich. Die dafür notwendige Elastizität des Zusammenhangs ist jedoch begrenzt. Sollte es nicht irgendwann zu einem Wechsel des Primats kommen, wird schließlich ein kritischer Punkt erreicht werden, an dem wenigstens eine Seite des Gegensatzes und damit der Zusammenhang selbst zerstört wird. Kommt es jedoch zu einem mehr oder weniger regelmäßigen Wechsel des Primats, dann kann man einen pulsierenden Prozess beobachten, den man durchaus als die „normale“ Bewegungsform von Gegensätzen bezeichnen kann.

 zuletzt geändert: 12.07.2016

 

 

 

 

Objektive Realität und subjektive Wahrnehmung

I.

Im Zusammenhang mit dem „Sehen“ haben wir festgestellt, dass die Differenzierung von hell und dunkel sowie einer Vielfalt von Farben gute Dienste bei der Orientierung in dieser Welt leisten. Das, was wir sehen, ist jedoch unser subjektives Bild von der Welt, denn hell und dunkel, wie auch die Farben, sind Erfindungen unseres Gehirns. Unser Gehirn beglückt uns aber nicht nur mit diesen Sinneseindrücken, auch Geschmack, Geruch, Geräusche und Laute, Sprache und Musik entstehen in unserem Kopf. Selbst das Empfinden von Berührungen, von Wärme und Kälte, von Schmerz und Lust verdanken wir dem Gehirn. Es drängt sich die Frage auf, in welchem Verhältnis die subjektiven Wahrnehmungen zum Gegenstand dieser Wahrnehmungen, zur objektiven Realität, stehen.

Die Umwelt, die Realität existiert unabhängig davon, ob und wie wir sie wahrnehmen. In diesem Sinne ist sie objektiv. Andererseits existiert diese objektive Realität für uns ausschließlich in Form der subjektiven Wahrnehmungen von ihr. Das heißt, Umwelt oder Realität können wir nur über unsere Wahrnehmungen erfahren. Die unabhängig von unserer Wahrnehmung existierende Realität und die subjektive Wahrnehmung von ihr sind also zwei klar voneinander unterschiedene Aspekte, die sich gegenseitig ausschließen.

Die subjektive Wahrnehmung unserer Umwelt basiert auf ihrer objektiven Realität. Sie ist kein Abbild derselben, jedoch eine spezifische Verarbeitung der zugänglichen Informationen über die Eigenschaften der Dinge, die uns umgeben. Die Farben, zum Beispiel, sind Ausdruck eines differenzierten Vermögens der Dinge, Licht zu reflektieren oder zu absorbieren. Wenn die Rose in der Realität auch nicht rot ist, so ist doch klar, dass ihre Blütenblätter Licht der Frequenz 430 bis 480 THz fast vollständig reflektieren, während Licht aller anderen Frequenzen von ihnen absorbiert werden. Das heißt, die subjektive Wahrnehmung „rot“ ist letztlich durch die objektive Eigenschaft der Blütenblätter bestimmt.

Natürlich muss auch die Umkehrung gelten. Das heißt, die objektive Realität müsste durch die subjektive Wahrnehmung bedingt sein. Und tatsächlich, aus dem Blickwinkel der Menschen existiert die Umwelt nur insofern beziehungsweise in dem Maße wie wir sie in der ein oder anderen Weise wahrnehmen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß – oder anders: Umwelt, die man nicht wahrnehmen kann, existiert nicht für uns. Man mag einwenden, dass die objektive Realität doch auch dort existiert, wo wir sie nicht wahrnehmen. Das ist richtig. Das liegt jedoch außerhalb des hier untersuchten Bezugssystems von subjektiver Wahrnehmung und objektiver Realität. Nehmen wir ein Beispiel. Wenn die Menschen in den vergangenen Jahrtausenden nicht wahrnehmen konnten, dass irgendwo im Weltall ein Stern explodiert war, dann hatte dieses Unwissen weder Einfluss auf die Entwicklung der Menschheit noch auf die Existenz des Universums. Das heißt, diese Sternenexplosion gab es für die Menschen gar nicht, und dies blieb ohne Folgen. Das Ereignis lag außerhalb des relevanten Bezugs Mensch – Umwelt. Trotzdem ist diese Sternenexplosion real und sie hatte spürbaren Einfluss auf weite Teile des Universums.

Mag auch die Sternenexplosion für unsere Vorfahren ohne Bedeutung gewesen sein, so gab es doch andere mit der Realität verbundene Erscheinungen, die ihr Leben massiv beeinflussten. Wenn die Menschen zum Beispiel Blitz und Donner einem Gott zuschrieben, den man mit Bitten und Gaben gnädig stimmen musste, dann gingen eben nicht nur Blitz und Donner sondern auch dieser Gott und die mit ihm verbundenen Rituale in ihr Leben ein. Man kann also sagen, die objektive Realität geht in das Leben der Menschen in dem Maße ein, wie sie sie wahrnehmen und dann mit der Deutung, die sie diesen Wahrnehmungen anhand ihrer Erfahrungen beigeben.

Inwieweit gehen objektive Realität und subjektive Wahrnehmung ineinander über?

Die subjektive Wahrnehmung ist die Wahrnehmung der Realität. Es ist jedoch in jedem Fall eine durch die Art der Informationsverarbeitung vermittelte Wahrnehmung. Wie stark die „Vermittlung“ ist, dass ist bei den einzelnen Sinnen und den mit ihnen verbundenen Wahrnehmungen unterschiedlich. Diese Vermittlung ist beispielsweise bei der Wahrnehmung von hell und dunkel oder von Farben und Gerüchen recht weitgehend. Die Verbindung von „Farbe“ mit der Eigenschaft der Dinge, ausschließlich elektromagnetische Strahlung, einer bestimmten Frequenz zu reflektieren, erschließt sich jedenfalls nicht ohne Weiteres, zumal die elektromagnetische Strahlung insgesamt farblos ist.

Auf der anderen Seite können wir relativ große räumliche Strukturen ziemlich schnell und scheinbar unvermittelt erfassen. Um einen Weg zu finden und um Hindernisse zu erkennen, braucht man halt ein möglichst realistisches Abbild der Wirklichkeit. Das Zurechtfinden in ungewohnter Umgebung war für unsere Vorfahren von existentieller Bedeutung. Dazu war es beispielsweise erforderlich, dass die Umrisse der Dinge, die im Wege auftauchten, eindeutig hervortraten. Eine adäquate Wahrnehmung der Umwelt wäre in diesem Fall wenig hilfreich, da durch die Lichtreflexionen die Dinge scheinbar diffus ineinander übergehen und nicht scharf voneinander abgegrenzt wären. Wahrscheinlich würde man den Felsvorsprung, der da in den Weg hineinragt, schmerzhaft streifen, weil die Gefahr nicht ausreichend erkannt wurde. Genau deshalb ist das Bild, das wir von diesem Felsen wahrnehmen, kein 1:1-Abbild der Realität. Das Gehirn hilft uns, indem es die Konturen der Dinge scharf hervortreten lässt. Auf diese Weise werden Kanten klar erkennbar und Verletzungen können vermieden werden. Beim Erkennen der Formen und Konturen der Dinge ist unser Gehirn also durchaus „vermittelnd“ tätig, allerdings in einem deutlich geringerem Maße als zum Beispiel bei den Farben.

Ein möglichst reales Bild der Umwelt braucht man aber nicht nur in Bezug auf die Form des Felsens und seiner Kanten, auch die Lage des Felsens in der Landschaft ist von Bedeutung. Will man nach der Jagd den Weg in die heimatliche Höhle wiederfinden, dann ist es erforderlich, dass man sich in der Landschaft orientieren kann und die Lage des Felsens in Bezug auf den Heimweg im Gedächtnis speichert. Der Abgleich der während des Rückwegs auftauchenden Bilder der Landschaft mit den im Gedächtnis gespeicherten ermöglicht es, den richtigen Weg zu finden und rechtzeitig vor Einbruch der Nacht bei der Familie zu sein. Aber die Dinge verändern sich. Einerseits bewegt man sich in der Umwelt, was zu einer ständigen Veränderung des Blickwinkels auf die Dinge und ihres Bezugs zueinander führt. Andererseits ist die Umwelt selbst in ständiger Veränderung begriffen. Trotzdem findet sich unser Jäger zurecht. Diesen Umstand dankt er der Fähigkeit des Gehirns, die Bilder auf wesentliche Inhalte zu reduzieren. Die verkürzten Informationen können dann mit ebenfalls reduzierten Bildern im Gedächtnis nach Übereinstimmungen und Unterschieden abgeglichen werden. Dieser Abgleich ermöglicht die Orientierung auch dann, wenn sich beispielsweise die Lichtverhältnisse geändert haben oder unser Familienvater von einer gänzlich anderen Richtung kommend die Lichtung betritt.

Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis, dass unsere Wahrnehmungen einen mehr oder weniger adäquaten Eindruck der Realität vermitteln. Die Hilfestellungen, die uns das Gehirn bei der Verarbeitung der Informationen aus der Umwelt gibt, reichen von geringfügig wie bei der recht realistischen Abbildung räumlicher Zusammenhänge, über leichte Hilfestellungen bei der Hervorhebung von Konturen bis hin zur Wandlung der Informationen in spezifische Wahrnehmungsmuster wie Farben, Geräusche und Düfte. Alle diese Vermittlungen oder Umformungen der Informationen über unsere Umwelt sollen helfen, die hereinbrechende Informationsflut zu beherrschen. Das wiederum ist die Voraussetzung, um in der Umwelt bestehen zu können und vorherbestimmte Ziele zu erreichen.

Subjektive Wahrnehmung und objektive Realität müssen auch wechselseitig identisch sein. Wie ist das zu verstehen?

Die subjektive Wahrnehmung der Umwelt ist für jeden einzelnen Menschen in gewissem Sinne einzigartig. Zum einen, weil die Organe der Sinneswahrnehmung und die Verarbeitung der Signale der Sinnesorgane von Mensch zu Mensch geringfügig variieren. Zum anderen, weil die für den Abgleich bereitstehenden Erfahrungen ebenfalls unterschiedlich sind. In wesentlichen Teilen sind die subjektiven Wahrnehmungen der Menschen jedoch vergleichbar. Diese Tatsache eröffnet die Möglichkeit, das wir uns mit anderen Menschen über unsere Wahrnehmungen austauschen. Da nun fast alle Menschen vergleichbare Sinneswahrnehmungen erleben, erhalten sie für die Menschheit als Ganzes wiederum einen objektiven, das heißt von der Wahrnehmung des Einzelnen unabhängigen Charakter. Diese Objektivierung der Wahrnehmungen verführt allerdings dazu, sie mit der objektiven Wirklichkeit gleichzusetzen. Richtig bleibt jedoch, dass alle unsere Wahrnehmungen nicht ein reales Abbild der Wirklichkeit sind, sondern dass sie vielmehr einen über die Sinne vermittelten Eindruck der Wirklichkeit liefern.

Auf der anderen Seite ist die objektive Realität, mit der wir interagieren, die wir untersuchen, in der wir uns bewegen, immer ein Ausschnitt, ein subjektiv ausgewählter Teil des Ganzen. In diesem Sinne ist die Realität subjektiv. Es wäre im übrigen auch gar nicht möglich, die Realität in ihrer Gesamtheit, mit all ihren Wechselwirkungen und Veränderungen zu erfassen. Allerdings lauert auch hier eine Quelle für Missverständnisse. Für wissenschaftliche oder auch rein alltägliche Untersuchungen wählen wir jeweils ein konkretes Bezugssystem aus. Die in diesem System wirkenden Faktoren und deren Veränderung sind messbar. Das wiederum bedeutet nichts anderes, als dass sie nachweisbare Wirkungen auf das untersuchte System zeitigen. Mit anderen Worten, man untersucht nur die für das System relevant erscheinenden Faktoren. Das ist durchaus legitim, solange bei der Bewertung der Resultate beachtet wird, dass man von vornherein nicht darauf bedacht war, die Gesamtheit der Wechselwirkungen zu untersuchen. Die Konzentration auf relevant erscheinende Faktoren schließt ein, dass es in der Realität weitere Faktoren gibt, die in dieser Untersuchung außer Acht blieben. Darüber hinaus gibt es komplexe Systeme, die man von Anfang an nicht auf einige wenige relevante Einflussfaktoren reduzieren kann. Je mehr relevante Faktoren wirken, wechselwirken und sich verändern, umso schwieriger wird es, die Logik dieses Systems zu verstehen. Es scheint vom Zufall gelenkt zu sein.

Die Komplexität der in der Realität tatsächlich existierenden Wechselwirkungen lässt sich vielleicht am Licht verdeutlichen. Licht ist Energie in Form von Photonen. Wir nehmen Licht erst wahr, wenn die Photonen auf unsere Augen oder auf die Haut treffen. Die Photonen, die beispielsweise auf unsere Augen treffen, bewirken dort mit ihrer Energie eine Reaktion. Aus einer solchen Reaktion der Augen können wir erst einmal schließen, dass eine Lichtquelle Energie abgegeben und sich damit selbst verändert hat. Wir können dieses Licht allerdings erst wahrnehmen, wenn die Photonen den Weg von der Quelle des Lichts bis zu unseren Augen zurückgelegt haben. Das heißt, es gibt eine zeitliche Diskrepanz zwischen der Veränderung der Lichtquelle und der Reaktion der Augen. Wir nehmen darüber hinaus nur das Licht wahr, das auf unsere Augen trifft und nicht das, was die Lichtquelle abstrahlt. Es ist zwar wahrscheinlich, dass eine gewisse Proportionalität beider Größen besteht, aber Genaueres wissen wir nicht. Die Augen ihrerseits geben Signale an das Gehirn, welche dort ebenfalls Veränderungen bewirken.

Der weitaus größte Teil des Lichts, der auf die Erde trifft, wird jedoch nicht von den Augen der Menschen absorbiert, vielmehr trifft er auf den Planeten in seiner Gesamtheit und bewirkt dort Veränderungen. Denn Licht ist Energie, und die muss in die Strukturen der Erde aufgenommen oder wieder abgestrahlt werden. Beides bleibt nicht ohne Folgen und seien sie im Einzelfall auch noch so gering. Außerdem ist zu beachten, dass von jeder Veränderung in einer Struktur Wirkungen auf andere Strukturen ausgehen können. Aus einer sehr geringen Einzelwirkung kann auf diese Weise eine ganze Kaskade von Folgewirkungen entstehen. Darüber hinaus kann in komplexen Zusammenhängen eine geringe Einzelwirkung ein ganzes System qualitativ verändern. Dies ist nur eine Skizze der möglichen Zusammenhänge, die durch ein Photon, welches möglicherweise aus dem Andromeda-Nebel zu uns gelangt, begründet werden.

II.

Nachdem wir uns mit dem Messen im Allgemein und dem Messen von Bewegungen im Besonderen befasst haben, sollten wir die Dialektik von objektiver Realität und subjektiver Wahrnehmung noch einmal in einigen Aspekten überdenken.

Das Messen beruht auf Wahrnehmungen mit Hilfe unserer Sinne. Es ist im Wesen ein Vergleichen mit einem Maßstab. Dieser Maßstab wurde recht willkürlich gewählt. Indem wir alle Messungen einer Art an dem selben Maßstab ausrichten, werden die Ergebnisse vergleichbar. Wenn eine gesellschaftliche Konvention über den Maßstab und damit auch über die Messbedingungen gefunden wurde, dann sind die Ergebnisse der Messungen im Geltungsbereich dieser Konvention, das heißt im größeren gesellschaftlichen Rahmen, ebenfalls vergleichbar. Sie werden auf diese Weise objektiviert. Dass es sich beim Messen um ein Vergleichen mit einem willkürlich festgelegten Maßstab handelt, wird, da es heute beinahe in jedem Bereich allgemeingültige Konventionen des Messens gibt, leicht übersehen. Das objektivierte Messergebnis erscheint unter solchen Bedingungen schnell selbst als objektive Realität, die es jedoch nicht ist. Richtig bleibt, mit Messungen vergleicht man Eigenschaften der Stoffe. Auf diese Weise erhält man einen Eindruck, eine zusätzliche subjektive Wahrnehmung der objektiven Realität. Sie ist nicht mit der Realität identisch. Sie basiert jedoch auf realen Eigenschaften der Dinge.

Neben den Eigenschaften der Dinge wie Ausdehnung, Masse und Lage im Raum messen wir auch die Geschwindigkeit von Bewegungen. Richtigerweise müssten wir auch hier sagen, wir vergleichen die Geschwindigkeiten verschiedener Bewegungen miteinander. Die Geschwindigkeit ist dabei definiert als die Länge eines Weges, der in einer Zeiteinheit zurückgelegt wird. Die Besonderheit besteht darin, dass nicht nur die beiden Komponenten, der Weg und die Zeit, einen Maßstab haben, also relative Größen sind, sondern dass auch das Resultat aus beiden Komponenten, die Bewegung selbst ein Bezugssystem für ihre Bestimmung braucht. Die Geschwindigkeit eines Objektes kann man nämlich nur relativ, das heißt in Relation zu einem Bezugsobjekt messen. Zwei Objekte, die sich in irgendeiner Weise aufeinander zu bewegen, bilden solch ein Bezugssystem. Innerhalb dieses Bezugssystems kann man die Geschwindigkeit der Annäherung beider Objekte aneinander bestimmen. Man kann jedoch die Geschwindigkeit der sich annähernden Objekte nicht differenzieren. Das heißt, man kann nicht feststellen, ob sich beide Objekte bewegen oder nur eines, beziehungsweise welches Objekt mit welcher Geschwindigkeit seinen Weg macht. Heißt das aber, dass es keine Unterschiede in der Bewegung beider Objekte gibt, weil ich sie in dem gewählten Bezugssystem nicht feststellen kann?

Wechselt man das Bezugssystem, eröffnen sich neue Möglichkeiten, weitere Aspekte der Bewegungen beider Objekte zu erkennen. Beobachten wir zum Beispiel die beiden Objekte von „außen“, das heißt als Beobachter außerhalb des genannten Bezugssystems, dann können wir feststellen, ob sich von unserem Standpunkt aus beide Objekte bewegen oder nicht, und ob gegebenenfalls ihre Geschwindigkeit unterschiedlich ist. Allerdings setzt dies voraus, dass es sich beim beobachteten Objekt um ein offenes System handelt, nicht wie beim Zug mit den heruntergelassenen Rollos, in den man nicht hineinschauen kann. Außerdem bildet der Beobachter mit dem beobachteten Objekt ebenfalls ein Bezugssystem, in dem nicht eindeutig klar ist, welchen Einfluss die Bewegung des Beobachters auf seine Beobachtungen hat. Es könnte ja zum Beispiel sein, dass sich der Beobachter in der gleichen Geschwindigkeit und in die gleiche Richtung wie Objekt A bewegt. Dann würde für ihn Objekt A in Ruhe verharren, währen sich Objekt B bewegt. Ein anderer Beobachter, der sich in anderer Weise bewegt, würde zu einem anderen Ergebnis kommen. Vor diesem Hintergrund wäre es notwendig, alle erdenklichen Bezugssysteme zu befragen, um eine umfassende Charakterisierung der Bewegung eines Objektes zu erhalten. An dieser Stelle stößt man allerdings an Grenzen. Es ist schlicht nicht möglich, die Gesamtheit aller Bezugssysteme einer konkreten Bewegung zu untersuchen, denn letztlich steht sie zu allen Strukturen dieses Universums in Bezug. Das heißt, man kann sich der Beschreibung einer realen Bewegung im Raum nur annähern, ohne sie in ihrer Komplexität gänzlich zu erfassen.

Diese Beschränktheit unserer Möglichkeiten ist jedoch nicht weiter problematisch. Die Messung der in der jeweiligen Situation relevanten Bewegung, das heißt zum Beispiel die Messung der Geschwindigkeit, mit der sich zwei Objekte einander annähern, reicht aus, um die möglichen Folgen eines Zusammenstoßes abzuschätzen. Man darf bei der theoretischen Verallgemeinerung von Zusammenhängen, die auf der Messung relativer Bewegungen beruhen, jedoch nicht vergessen, dass es weitere Aspekte der jeweiligen Bewegung gibt, die im konkreten Fall unberücksichtigt blieben. Man muss im Hinterkopf behalten, dass eine absolute, durch unendlich viele Bezugssysteme charakterisierte Bewegung existiert, die sich einer Messung entzieht.

Ähnliches stellt man auch für alle anderen Messungen fest. Nehmen wir als Beispiel die Messung der Temperatur eines Raumes. Es handelt sich um einen beheizten Wohnraum mit geschlossenen Fenstern und Türen. Als Thermometer steht uns ein Bimetallmessgerät mit einer einfachen Gradeinteilung zur Verfügung. Es zeigt 21°C an. Das war´s. Aber halt, unsere Wärmequelle ist eine Konvektionsheizung. Das hat zur Folge, dass die Luft in der Nähe der Decke wärmer ist als am Fußboden. Die Fenster schließen zwar gut, trotzdem ist es in Fensternähe geringfügig kühler als in der Mitte des Raumes. Die Türen sind nicht dicht, das heißt, Luft zirkuliert zwischen Zimmern, die nicht gleichmäßig beheizt sind. Dann hat der Raum zwei Außenwände und zwei Wände zu anderen Räumen hin, die ebenfalls beheizt werden. Während die Außenwände Wärme absorbieren, könnten die anderen Wände unter Umständen sogar Wärme abstrahlen. Außerdem gibt es in dem Raum Möbel, die die Luftzirkulation behindern. Was haben wir eigentlich mit 21°C gemessen? Außerdem wäre in Betracht zu ziehen, dass das Messgerät außerordentlich ungenau ist und der Luftdruck nicht 760 Torr erreicht. Selbst wenn man all diese Fragen bei der Bestimmung der Raumtemperatur irgendwie berücksichtigen würde, blieben weitere Fragen, die nicht beantwortet oder gar nicht gestellt wurden. Nicht zu reden von den Veränderungen, denen all diese Faktoren permanent unterliegen, da sie selbst durch einen ganzen Komplex von Einflüssen geprägt werden, die ihrerseits von anderen Faktoren beeinflusst sind. Letztlich hängt alles mit allem zusammen.

Mit anderen Worten, jede Messung in einem definierten Bezugssystem fügt einen Aspekt in der Wahrnehmung einer Struktur oder einer Bewegung hinzu. Diese Messung oder Wahrnehmung beruht auf objektiven, also realen Eigenschaften der Dinge, ohne mit diesen identisch zu sein und ohne sie in ihrer Komplexität und permanenten Veränderung vollständig erfassen zu können.

Was kann man hieraus für eine dialektische Betrachtungsweise verallgemeinern?

Die Komplexität der Strukturen und ihrer Wechselwirkungen mit anderen Strukturen ist unendlich differenziert. Man kann sie nie in ihrer Gesamtheit sondern jeweils nur einzelne ihrer Aspekte und dies in einem zeitlichen Ausschnitt erfassen. Analoges gilt für Bewegungen. Um Bewegungen komplex zu beschreiben, müsste man sie in Bezug zu allen anderen Strukturen und deren Bewegungen definieren. Das ist praktisch nicht möglich. Auch hier kann man immer nur einzelne Bezugssysteme untersuchen. Anders gesagt, die Welt ist prinzipiell erkennbar und trotzdem wird man sie nie in ihrer ganzen Komplexität und Dynamik erfassen. Darüber hinaus erfasst man nicht ihre objektive Existenz, sondern immer subjektive Wahrnehmungen von derselben.

zuletzt geändert: 13.07.2016

Die Dialektik von hell und dunkel

Hell und dunkel sind Sinneswahrnehmungen unserer Augen. Wir sehen sie. Dieses “Sehen” basiert auf der Reaktion von Rezeptoren auf der Netzhaut des Auges – hier speziell der Stäbchen (Grundlage ist der Artikel Licht soll es werden). Sie reagieren auf elektromagnetische Strahlen eines bestimmten Frequenzbereichs, dem sichtbaren Licht, in dem sie die Energie der auftreffenden Lichtquanten aufnehmen und einen elektrischen Impuls an das Gehirn generieren. Das Gehirn ordnet den elektrischen Impulsen eine Wahrnehmung zu. Wird ein Impuls registriert bedeutet dies hell, kein Impuls heißt dunkel. Das heißt, hell und dunkel schließen einander aus. Ein und dasselbe Etwas sendet Photonen aus oder eben nicht.

Auf der anderen Seite haben hell und dunkel die gleiche Basis – nämlich eine Reaktion der Stäbchen auf Licht. Anders gesagt, das Gehirn ordnet der einen Information der Stäbchen über das eingetroffene Licht zwei gegensätzliche Wahrnehmungen zu. Dunkel basiert auf der Information, dass kein Licht registriert wurde (wäre sonst hell). Umgekehrt definiert sich hell daraus, dass Licht eingetroffen ist und es deswegen nicht dunkel sein kann. Das heißt auch, hell und dunkel beziehen ihren Informationswert aus dem jeweiligen Gegenteil. Hell macht nur in der Abgrenzung zu dunkel Sinn, und umgekehrt. Dies wird auch darin deutlich, dass sich ihr Informationsgehalt erst im Kontrast zueinander deutlich offenbart.

Der Informationsgehalt von hell und dunkel ist allerdings insgesamt recht gering. Die mit ihnen transportierten Informationen würden eine Orientierung in der Umwelt nur sehr eingeschränkt erlauben. Doch die Dinge in unserer Umwelt absorbieren oder reflektieren das Licht ganz unterschiedlich. Sie sind als sekundäre Lichtquellen auch unterschiedlich hell. Die daraus entstehenden Abstufungen zwischen hell und dunkel ermöglichen es, sie besser zu differenzieren. Mit anderen Worten, die für uns wichtigen Informationen stecken vor allem in den Übergängen zwischen hell und dunkel. Diese Übergänge wiederum sind nur möglich, weil die Pole hell und dunkel klar abgegrenzt sind.

Kehren wir noch einmal in den dunklen Park zurück (vgl Artikel Licht soll es werden). Dass die Bäume das vorhandene Licht stärker absorbieren als andere Dinge, die uns umgeben, führt dazu, dass man die Bäume als dunkel abgehoben in der Umwelt wahrnimmt. Man kann sich daran orientieren und einigen, zweifellos schmerzhaften Zusammenstößen ausweichen. Wichtig für die Orientierung ist hier also lediglich die Information: (dunkler) Baum.

 Quelle: www.wetter-foto.de

Wenn man einem bestimmten Baum etwas näher tritt, dann sieht man vielleicht auch, dass seine Rinde an manchen Stellen glatt und an anderen bemoost ist. Diese Information hat unser Gehirn, indem es uns über einen gleichbleibend dunklen Baumstamm informierte, glatt unterschlagen. Sie war für die Orientierung im Park nicht wichtig.

Nimmt man nun für die Betrachtung Hilfsmittel hinzu, ein Mikroskop zum Beispiel, dann sieht man auf dem Baumstamm wahrscheinlich ganz vielfältige Strukturen, die jeweils in unterschiedlicher Weise Licht reflektieren und absorbieren. Das heißt, zu einem bestimmten Zweck – der Orientierung in der Landschaft – reicht die vereinfachte Information „dunkles Etwas = Baum“ völlig aus. Mehr Information wird deshalb auch nicht zur Verfügung gestellt. Erst, wenn nicht das Hindernis Baum interessant ist, sondern der Baum mit seiner Oberflächenstruktur, dann nähert man sich ihm in anderer Weise, dann werden weiterführende Informationen zur Bewertung bereitgestellt. Auf der anderen Seite kann es gut sein, dass der Park an einer Landstraße liegt und man im Vorbeifahren registriert „Oh, ein Park“, ohne dass man auch nur einen einzigen Baum wirklich wahrgenommen hätte.

Interesse steuert die Wahrnehmung. Was man wahrnimmt, hängt also nicht nur vom Gegenstand der Wahrnehmung ab, sondern auch vom Zweck der Betrachtung. Wenn aber der Zweck die Wahrnehmung steuert, was hat dann die Wahrnehmung noch mit der Realität zu tun. Ist unsere Wahrnehmung „wahr“?

In gewissem Sinn handelt es sich um das bereits bei der Farbe betrachtete Phänomen. Farbe ist eine Erfindung unseres Gehirns und trotzdem spiegeln die unterschiedlichen Farben/ Farbtöne unterschiedliche Eigenschaften der Dinge wider, auf deren Basis sie differenziert werden können. Der Zweck steht im Vordergrund. Wird mit der Art der Wahrnehmung dieser Zweck erreicht, dann ist die Wahrnehmung hinreichend wahr. Sie ist jedoch nicht die Wirklichkeit selbst und auch kein identisches Abbild von dieser. Analoges lässt sich über die Differenziertheit der Wahrnehmungen sagen. Wird der Zweck erreicht, im Beispiel war es die Orientierung in einem dunklen Park, dann entspricht die Wahrnehmung „dunkler Baum“ hinreichend diesem Zweck. Dass der Baum weder dunkel ist, noch eine homogene Oberfläche hat, spielt für den Moment keine Rolle. Die Wahrnehmung ist hinreichend wahr, auch wenn sie das Phänomen „Baum“ nicht einmal im Ansatz erfasst.

Hinzu kommt, dass das Betrachten selbst ein sich fortwährend modifizierender Prozess ist. Nicht nur die Dinge sind in ständiger Veränderung begriffen, auch der Fokus der Wahrnehmungen ändert sich immerfort. Alle Versuche, diese Dynamik einzuschränken, zum Beispiel durch das Starren auf einen Punkt, sind anstrengend und zeitlich nur begrenzt möglich. Das Gleiche gilt für den Wechsel von hell und dunkel. Das Auge braucht diesen Wechsel und die Übergänge zwischen den Extremen. Es mag weder „nur hell“ noch „nur dunkel“. Wird es einem solchen Stress ausgesetzt, leidet über kurz oder lang die Sehfähigkeit. Mehr noch, wird ein Kind von Beginn an in einem völlig dunklen Raum festgehalten, dann kann sich seine Sehfähigkeit nicht entwickeln. Es bleibt blind, auch wenn es später befreit wird. Auf der anderen Seite kann Sehfähigkeit zerstört werden, wenn ein zu energiereiches Licht auf das ungeschützte Auge trifft und es „verblitzt“ wird.

Sehen ist also in doppelter Hinsicht dynamisch – als Prozess des Sehens und als Erfassen von Informationen über eine sich ständig verändernde Umwelt. Und dieses dynamische System hat Belastungsgrenzen. Werden diese überschritten, geht die mit ihm verbundene Fähigkeit verloren.

Welche Schlussfolgerungen kann man daraus für das Wesen der Widersprüche ableiten?

Widersprüche bilden mit ihren gegensätzlichen Seiten ein dynamisches Ganzes. Die gegensätzlichen Pole schließen einander aus. Die sich ausschließenden Pole haben jedoch Merkmale, die identischer Natur sind. Und, sie existieren nicht losgelöst voneinander, die gegensätzlichen Pole bedingen einander.

Die Pole und der aus ihnen erwachsende Kontrast sind jedoch nur ein Aspekt des Widerspruchs. Die große Vielfalt seiner Erscheinungen liegt im Spektrum der Übergänge.

Das Gesamtsystem ist dynamisch, das heißt, in ständiger Veränderung begriffen. Eine Unterdrückung dieser Veränderungen oder Bewegungen würde das System und damit die mit ihm verbundenen produktiven Möglichkeiten zerstören.

zuletzt geändert: 12.07.2016