Endlich, das Buch ist da!

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Die Artikel unter www.absolativ.de und www.sextessenz.de sind in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden und immer wieder überarbeitet worden. Vor einem Jahr habe ich mich entschlossen, aus den Artikeln ein Buch zu formen. Damit war mehr Aufwand verbunden, als ich anfangs dachte. Es musste vieles überarbeitet und gekürzt, manches auch ergänzt und alles in eine einheitliche Form und in einen inhaltlichen Zusammenhang gebracht werden. Außerdem wollte ich einen Verlag finden, was sich als aussichtslos erwies. Das Buch ist nun im Self-Publishing erschienen. Das hat zur Folge, dass ich als Autor selbst für die Verbreitung sorgen muss. Für jede Unterstützung in diesem Unterfangen wäre ich dankbar.

Hierzu einige Ideen:

  • Wenn du bei amazon ein Buch bestellst, könntest du eine 5-Sterne-Bewertung geben, um auf diese Weise andere neugierig zu machen. Noch besser wäre natürlich, wenn du eine Empfehlung schreiben würdest. Kritik bitte direkt an mich unter meinung@absolativ.de.
  • Es wäre schön, wenn du auch Freunde oder Bekannte in diesem Sinne aktivieren könntest.
  • Wenn du die Möglichkeit hast, Flyer zu verteilen oder auszulegen, erhälst du diese kostenlos. Bitte schicke mir einfach eine Anforderung.
  • Falls du die Möglichkeit hast, eine Rezension zu schreiben und zu veröffentlichen, schickt dir der Verlag auf Anforderung ein kostenloses Exemplar des Buchs.
  • Wenn du das Buch jemanden zukommen lassen möchtest, der als Multiplikator interessant ist, gib mir bitte eine Nachricht. Dann versende ich ein kostenloses Exemplar direkt an den Empfänger oder an dich zur Weitergabe.
  • Vielleicht hast du einen Buchhändler, dem du das Buch zeigen kannst. Der Verlag bietet interessante Konditionen, zum Beispiel ein kostenloses Ansichtsexemplar und volles Rückgaberecht für nichtverkaufte Bücher.

Hier der Link zum Verlag, wo man auch mehr Informationen zum Buch und zum Autor erhält. Natürlich kannst du das Buch auch direkt beim Verlag bestellen.

https://tredition.de/publish-books/?books/ID149825/Weltall-Erde-Mensch-und-Dialektik

Einige Worte zum Geleit

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Diese Veröffentlichung hat die Form eines Blogs. Das hängt damit zusammen, dass die Blog-Software WordPress auch für einen Laien hervorragend zu handhaben ist. Darüber hinaus bietet der Blog den Vorteil, dass man die zeitliche Abfolge des Entstehens der einzelnen Artikel nachvollziehen kann.

Der Nachteil ist, dass die jeweils zuletzt entstandenen Artikel ganz vorn stehen. Da ich aber keine Nachrichten verfasse, sondern Artikel, die aufeinander aufbauen, entspricht diese Abfolge nicht dem eigentlichen Anliegen. Der geneigte Leser ist deshalb gehalten, sich am Inhaltverzeichnis zu orientieren. Das Inhaltsverzeichnis ist im Hauptmenü angelegt. Unter Inhalt sind die einzelnen Artikel in einer logischen Struktur angeordnet und jeweils mit einem Link versehen, was das Navigieren vereinfachen soll. Außerdem findet man im Hauptmenü die Seite Home mit einigen Worten zum Anliegen dieser Arbeit und im Impressum meine Kontaktdaten.

Am Ende der einzelnen Beiträge findet sich ein Hinweis dazu, wann der jeweilige Artikel zuletzt überarbeitet wurde.

Wer sich zum Inhalt dieser Arbeit allgemein oder mit konkreten Anregungen äußern will, sei an die Kontaktdaten im Impressum verwiesen. Für jede Anregung bin ich dankbar.

 zuletzt geändert: 25.01.2014

Ein Letztes

Der Tod. Ist er das Ende oder ein Anfang?

Es gibt wohl nur weniges, was die Menschen von Beginn an so beschäftigte, wie der Tod. Er war allgegenwärtig. Wollte man selbst überleben, musste man töten, denn ohne die Jagd wären unsere Vorfahren wohl irgendwann verhungert. Gleichzeitig mussten sie auf der Hut sein, um nicht selbst Beute zu werden. Selbst, wenn sie nicht von Raubtieren gefressen wurden, konnten sie durch einen Unfall, durch Mangel an Nahrung oder durch Krankheiten zutode kommen. Auf der anderen Seite wurden immer wieder Nachkommen geboren und großgezogen. Die Menschen waren also offensichtlich Teil einer ewigen Abfolge von Leben und Sterben, von Werden und Vergehen.

Als sich die intellektuellen Fähigkeiten der Menschen und mit ihnen ihre Sprache entwickelten, stellten sie sich immer öfter auch Fragen nach den verborgenen Gründen für die Geschehnisse um sie herum, nach dem woher und wohin ihres Seins. Woher kam diese Welt mit den Menschen darin und wo blieben die Menschen nach dem Tode? Diese Fragen ließen sich nicht direkt aus den praktischen Erfahrungen ihres Alltags beantworten, und doch waren es diese Erfahrungen, die sie Antworten finden ließen. Eine Erfahrung war, dass ihr Tätigsein Folgen hatte. Steine konnte man zum Beispiel behauen und auf diese Weise ein scharfkantiges Werkzeug erhalten. Entfachte man ein Feuer, wurden Raubtiere ferngehalten und man konnte sich den Rücken wärmen. Es schien also folgerichtig, dass auch für die Erscheinungen in der Natur jemand mit seinem Wirken verantwortlich war. Da man diesen jemand nicht sehen konnte, musste es ein Wesen sein, das außerhalb ihrer Erfahrungswelt stand, eine Gottheit eben. Diese Antwort wie auch die Überlegungen zu vielen anderen Fragen, die sie bewegten, wurden Bestandteil ihrer Anschauungen über die Natur und das Leben. Sie wurden ihre Religion, die sie an die Nachkommen weitergaben.

Eine bei fast allen Völkern zu findende Überzeugung ist, dass ein wie auch immer gestalteter Gott die Welt und die Menschen erschaffen haben musste. Womöglich war ein Gott auch für die Toten zuständig, die unter seiner Ägide an einem Ort existierten, der für die Lebenden nicht zugänglich war. Solch ein Ort konnte sich im Innern der Erde befinden oder in einem unbekannten Gebiet auf deren Oberfläche, vielleicht auch auf der Unterseite der Erdenscheibe oder gar im Himmel. Die Vorstellungen, die zum Wirken der Götter entwickelt wurden, mögen anfangs vage gewesen sein, im Laufe der Zeit wurden jedoch immer mehr Details hinzugefügt, nicht zuletzt, weil auch die Gesellschaften, in denen die Menschen lebten, größer und vielschichtiger wurden. In ihren Gemeinschaften hatte man einzelne Aufgaben Personen übertragen, die sich durch besondere Fähigkeiten und Talente auszeichneten. Es war anzunehmen, dass es auch unter den Göttern eine Arbeitsteilung gab, die man kennen musste, um sich mit seinem Anliegen an den richtigen Gott und in der ihm genehmen Art und Weise zu wenden.

Mit der zunehmenden Vielschichtigkeit der Gesellschaft tauchten auch neue Fragen auf. Eine dieser Fragen war, wie man ins Reich der Toten eingehen würde? Der Körper, wusste man, zerfällt, bis nichts als Erde oder Asche übrig bleibt. Würde man im Reich der Toten ohne Körper sein? Wahrscheinlich war es besser, den Körper zu erhalten, zum Beispiel indem man ihn einbalsamierte. Dann war da die Frage, ob im Reich der Toten alle Menschen gleich sein würden. Für Pharao war das unvorstellbar. Er ließ riesige Grabmäler errichten, die ihm mit ihren Beigaben auch dort, im Reich der Toten, eine besondere Stellung sichern würden. Die Hierarchien mussten im Jenseits erhalten bleiben, sonst könnte man ja fragen, warum sie im Diesseits bestehen. Für die Bauern hatte die Sorge um ein Leben nach dem Tode wahrscheinlich keine vergleichbare Bedeutung, hatten sie doch mit dem täglichen Kampf ums Überleben genug zu tun. Dieses Überleben hing stark von den Launen der Natur ab, weshalb es ihnen wichtiger schien, mit den Göttern, die in der Natur wirkten und die für den Ertrag ihrer Arbeit, aber auch für Krankheiten und andere Plagen, verantwortlich waren, Zwiesprache zu halten und sie gnädig zu stimmen.

Während man im alten Ägypten und in anderen Kulturen dieses Zivilisationskreises also annahm, dass die Verstorbenen in ein Reich der Toten einziehen würden, war man im Fernen Osten zu einer etwas anderen Überzeugung gelangt. Sicher schien, dass ein Gott das Leben auf die Erde gebracht hatte, aber war es vorstellbar, dass jedes Lebewesen Resultat eines göttlichen Schöpfungsaktes war? Man hatte längst verstanden, dass die Pflanze aus einem Samen wuchs und dass ein Kalb erst dann im Leib der Kuh gedeihen konnte, wenn sie von einem Bullen besprungen worden war. Menschen wurden ebenfalls, das war klar, in einem Begattungsakt gezeugt, bevor sie im Mutterleib reiften. Offensichtlich waren alle Lebewesen Bestandteil eines Kreislaufs von Werden und Vergehen. Dafür brauchte es keinen Gott. Also musste es noch etwas anderes geben, das göttlichen Ursprungs war, etwas, was den inneren Kern der Menschen, ihre Seele, ausmachte. Diese Seele wurde auf die Welt geschickt, um Erfahrungen zu sammeln und sich Schritt für Schritt zu vervollkommnen. Reichte die Spanne eines Lebens dafür nicht aus, konnte sie nochmals auf die Erde gesandt werden, um ihren Weg im Körper eines anderen Lebewesens fortzusetzen. Sie wurde wiedergeboren.

War die Wiedergeburt nun ein Segen oder eine Strafe? Da für die Bauern das Leben mehr Mühsal als Labsal bereithielt, gingen sie wahrscheinlich davon aus, dass eine Wiedergeburt eine Strafe sei. Man konnte dieser Strafe nur entgehen, wenn man ein den Göttern gefälliges Leben führte. Da eine Wiedergeburt auch in Tiergestalt möglich schien, galt es darüber hinaus, sorgsam mit den Tieren umzugehen. Aber galt das für alle Tiere gleichermaßen? Sicher gab es auch unter den Tieren einige, die besondere Beachtung verdienten und als Gott oder gottähnlich zu lobpreisen waren. Andere galten als minderwertig. Wenn die Wiedergeburt schon einer Strafe gleichkam, dann musste die Wiedergeburt in einem minderwertigen Tier unerträgliche Schmach bedeuten. Die Androhung einer solchen Strafe ließ jeden vor Angst erschauern.

Die Angst der Menschen wurde in allen Epochen von den Herrschenden als Mittel zur Aufrechterhaltung ihres Machtanspruchs genutzt. Je abstrakter dieser Machtanspruch wurde, weil er sich immer weniger aus der unmittelbaren Lebensnotwendigkeit des einzelnen ergab, desto drastischere Strafen wurden angedroht, um mit der Angst vor diesen Strafen die „gottgegebene“ Ordnung aufrecht zu erhalten. Manchmal war die Not der Menschen jedoch so groß, dass alle Strafen ihren Schrecken verloren und nur der Tod Erlösung versprach. Eine solche Situation konnte einen verzweifelten Aufstand gebären, den die Herren niederschlagen mussten, sollte ihre Macht nicht gefährdet werden. Der damit verbundene Tod von Sklaven oder Bauern war im höchsten Maße ärgerlich, bedeutete er doch den Verlust von Arbeitskräften, die sie dringend für die Mehrung ihres Wohlstands brauchten. Selbst wenn keine Rebellion ausbrach und die Gepeinigten lieber den Freitod wählten, als weiter die Qualen ihres Daseins zu erdulden, hatte dies für die Herrschenden wirtschaftliche Einbußen zur Folgen. Da man die Todeswilligen nicht mit der Angst vor körperlichen Strafen schrecken konnte, mussten andere Geschütze aufgefahren werden, um sie vom Freitod abzuhalten. Eine mögliche Bestrafung nach dem Tode schien geeignet, die erforderliche Angst zu erzeugen. Es schien den Menschen auch plausibel, dass nach dem Dahinscheiden ein Richter ihr Leben bewerten würde. Diejenigen, die Gutes getan hatten, würden belohnt und die Sünder schrecklich bestraft werden. Welche Taten als gut und welche als Sünde zu bewerten waren, ergab sich aus den überlieferten Regeln des Zusammenlebens und, wie sollte es anders sein, aus den Interessen der Herrschenden. Der Freitod von hörigen Bauern war mit diesen Interessen nicht vereinbar. Er wurde als Selbstmord geächtet. Ein solches Verbrechen führte zum Ausschluss aus der Gemeinschaft der Gläubigen und würde ewige Verdammnis nachsichziehen. Jahrtausendelang hatte der Freitod zum Leben gehört, denn er war nicht selten das letzte Mittel, um das Überleben der Nachkommen zu sichern. Nun, da er die Interessen der Herrschenden berührte, wurde er zum Kapitalverbrechen erklärt.

Der Tod von Kriegern war dagegen höchster Ehre wert. Dies galt nicht nur für jene, die einen Überfall abgewehrt hatten, sondern auch für jene, die im Auftrag ihrer Herren andere Länder eroberten. Aber, warum zogen Menschen überhaupt in den Krieg und riskierten ihr Leben, wenn sich ihre Familien gar nicht in unmittelbarer Gefahr befanden? Einige taten es für Geld. Berufsarmeen waren aber kostspielig und meist nur mäßig motiviert. Echte Motivation erwuchs nur aus der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, für die man Verantwortung fühlte. In der Sippe wurde diese Zugehörigkeit durch die familiären Bande begründet, in größeren Gemeinschaften kamen die gemeinsame Sprache, aber auch gleiche Traditionen und Anschauungen, oft gebündelt in einer gemeinsamen Religion, als verbindende Elemente hinzu. Alle, die diese Überzeugungen teilten, konnten Teil der Gemeinschaft sein, alle anderen blieben ausgeschlossen. Wenn sie im Diesseits nicht zur Gemeinschaft gehörten, musste dies selbstverständlich auch im Jenseits gelten. Nun war es nur noch ein kleiner Schritt hin zur Überzeugung, dass einzig der eigene Glaube der wahre Glaube sei, der nach dem Tode einen Platz im Reich Gottes sicherte, während alle Andersgläubigen der ewigen Verdammnis anheimfallen würden. Wenn sie im Jenseits verdammt waren, musste man sie wohl auch im Diesseits nicht schonen. Sie zu töten, würde gottgefällig sein und den Glaubenskriegern einen Ehrenplatz im Jenseits sichern. Das versprachen beide Kriegsparteien, versteht sich.

Die Auferstehung der Menschen nach dem Tode und ihr Eingehen in ein Reich Gottes war eine tröstliche Verheißung, für die es sich lohnte, die gegebenen Regeln zu achten. Die Vorstellung, alle jemals gelebten Menschen würden sich in einem Jenseits tummeln, hatte jedoch einen Haken, denn man hatte bereits verstanden, dass dies eine unvorstellbar große Zahl sein musste, die kaum irgendwo Platz fände. Außerdem wurden nicht alle Toten einbalsamiert, die meisten verwesten in der Erde oder in Höhlen, manche verbrannten zu Asche. Sollte dies Auswirkungen auf das Sein im Jenseits haben? Darüber hinaus war körperliche Versehrtheit für viele Menschen eine den Alltag beschwerende Erfahrung. Würde sie auch das Sein im Jenseits zeichnen? Vielleicht gab es ja eine ganz andere Erklärung, nämlich, dass nicht der ganze Mensch ins Jenseits einzog, sondern nur seine Seele, die in einem Himmelreich auferstehen würde. Voraussetzung für den Einzug in dieses Himmelreich war natürlich, dass der Mensch nach den verkündeten Regeln lebte, denn sonst würde die Hölle mit ewig währenden Strafen auf ihn warten. Nur, wer ist schon ohne Sünde? Zum Wohle der Sünder, und zum Nutzen des eigenen Geldsäckels, eröffnete der Pabst den Christen die Möglichkeit, sich von ihren Sünden freizukaufen. Dass damit wieder die Angst der Menschen vor den Ungewissheiten des Todes zum eigenen Nutzen verwandt wurde, empörte die christlichen Reformer. In ihren Lehren ersetzten sie den gestrengen Richter, der an der Schwelle zum Jenseits über das Schicksal der Gestorbenen entschied, durch einen barmherzigen Gott, der allen Menschen Seelenheil versprach. Hoffnung sollte sie auf ihren letzten Weg geleiten, nicht Angst.

Warum sterben wir überhaupt? Täglich erneuern sich Millionen unserer Zellen, sie sterben ab und werden neu gebildet. Knochenbrüche heilen und Verletzungen der Haut schließen sich. Selbst innere Organe können sich nach einer Schädigung in gewissem Umfang regenerieren. Sollte es nicht möglich sein, das Sterben von Menschen zu verhindern? Unabhängig von der Frage nach der Machbarkeit drängen sich an dieser Stelle grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Leben und Tod auf. Einerseits schließen Leben und Tod einander aus, denn alles, was lebt kann nicht tot sein, und was tot ist, lebt nicht mehr. Andererseits wäre, wenn nichts und niemand stürbe, auch Leben bald unmöglich. Pflanzen brauchen für ihr Wachstum nicht nur die Energie der Sonne sondern auch vielfältige Stoffe, die sie aus der Erde ziehen. Würde keine Pflanze sterben, würden sich diese Ressourcen bald erschöpfen. Tiere sind in ihrer Existenz noch viel direkter vom Tod abhängig, denn sie müssen, um zu überleben, andere Tiere oder Pflanzen töten. Ohne Leben gäbe es keinen Tod und ohne Tod kein Leben.

Tod und Leben sind jedoch nicht so klar von einander abgegrenzt, wie es den Anschein hat. Wir haben schon erfahren, dass in einem lebenden Organismus ständig Zellen sterben und neu gebildet werden. Auch wenn ein Organismus seine Lebenstätigkeit eingestellt hat, muss das nicht zwangsläufig und sofort für alle seine Zellen gelten. Außerdem gehen auf und in dem toten Organismus sehr lebendige Mikroben ans Werk und zerlegen den einst so stolzen in einfache Strukturen. Das ein oder andere Atom, aus denen dieses Leben bestand, wird im Laufe der Zeit vielleicht in eine andere Zelle gelangen und als Teil eines neuen Organismus wiedergeboren werden. Man könnte sagen, der Tod ist die Basis des Lebens, und, das Leben überwindet den Tod, in dem es sich neu organisiert. Würde man das Sterben verhindern, könnte, wegen der Begrenztheit der Ressourcen, bald nichts Neues mehr entstehen. Kann nichts Neues entstehen, dann würde auch die Anpassung und Weiterentwicklung der Arten unmöglich werden. Da sich die Umwelt permanent verändert, würde Leben, das sich nicht mehr anpassen kann, irgendwann untergehen. Das heißt, der Tod, oder besser die Abfolge von Werden und Vergehen, ist die Voraussetzung dafür, dass das Leben fortbesteht.

Das mag allgemein für die Natur richtig sein, aber warum sollte es für die Menschen gelten? Biologische Prozesse werden immer besser verstanden und beherrscht. Das heißt, man kann sie zielgerichtet beeinflussen, so dass es sicher bald möglich sein wird, auch den Alterungsprozess aufzuhalten. Sollte es nicht ein hehres Ziel sein, Menschen unsterblich zu machen? Es käme wohl eher einer Katastrophe gleich, nicht nur, weil die Ressourcen auf Erden begrenzt sind, sondern auch, weil es neben dem biologischen Alterungsprozess eine mentale Alterung gibt. Im Laufe ihres Lebens sammeln die Menschen Erfahrungen, die ihre Entscheidungen und ihr Verhalten prägen. Diese Erfahrungen machen das Leben leichter, da sie helfen, zukünftig erfolgreicher zu agieren und die ein oder andere Blessur zu vermeiden. Mit dem Anhäufen von Erfahrungen verlieren sich aber auch Illusionen und Träume darüber, wie das Leben sein könnte, wie es wäre, wenn es die bestehenden Zwänge nicht gäbe. Diese Träume sind Antrieb für ein Handeln, das gesellschaftliche Veränderungen bewirkt, während Erfahrungen eher zur Ablehnung von Veränderungen führen, da diese Risiken beinhalten. Das heißt, die Gesellschaft braucht den Wechsel der Generationen, den Born jugendlicher Träume genauso wie den Schatz, der in den Erfahrungen liegt, um sowohl Stabilität als auch Veränderung zu gewährleisten. Eine Gesellschaft, in der nicht genügend Träume nachwachsen, wird in Nostalgie erstarren und bald nicht mehr erneuerungs- und damit anpassungsfähig sein.

Der Tod gehört zum Leben, er ist Teil des Lebens. Er ist der Abschluss im Leben des einzelnen und gleichzeitig Voraussetzung für das Leben der Nachkommenden. Alle Überlegungen, die sich mit dem Tod verknüpfen, sollten nicht zuletzt deshalb auf die Nachkommen gerichtet sein. Trotzdem bleibt natürlich ein Stück Ungewissheit, was das Sterben und den Tod betrifft. Man weiß immerhin, dass der letzte Schritt, mit dem der Körper seine Lebenstätigkeit einstellt, weder qualvoll noch schrecklich ist. Im Gegenteil, er soll von einem Feuerwerk des Gehirns, das Licht und Wohlgefühl beschert, begleitet sein. Der Tod kann darüber hinaus Erlösung bedeuten, zum Beispiel dann, wenn Schmerzen und Gebrechen das Leben zur Last werden lassen oder wenn das Dasein seinen Sinn verloren hat, weil man nicht mehr am Leben der Gemeinschaft teilhaben kann. Diese Erlösung zu erlangen, sollte niemanden verwehrt sein, es sollte für jeden einen würdigen Weg selbstbestimmten Sterbens geben.

zuletzt geändert: 18.10.2019

Huhn oder Ei?

Was gab es zuerst, das Huhn oder das Ei? Ohne ein Ei kann kein Huhn entstehen, ohne Huhn gäbe es jedoch kein Ei. Die Frage lässt sich offensichtlich nicht so ohne weiteres beantworten, sie ist auch meist als Scherzfrage gemeint. Dabei hat sie einen durchaus ernst zunehmenden Hintergrund, denn, wenn man das Ei als Sinnbild für den Bauplan des Huhns versteht, dann ergibt sich die Frage, ob der Bauplan oder dessen Materialisierung im Tier das Primäre ist? Je nachdem, wie man die Frage nach dem Primären beantwortet, muss man sich den idealistischen oder materialistischen Strömungen der Philosophie zurechnen lassen. Deren Streit wehrte lange und ist wohl bis heute nicht letztinstanzlich entschieden. Vielleicht lässt er sich auch gar nicht entscheiden, da es sich um zwei Seiten derselben Medaille, um einen dialektischen Gegensatz handelt.

Untersuchen wir zuerst, wie sich der Gegensatz zwischen der materiellen und der ideellen Seite allen Seins entwickelte. Ausgangspunkt des Seins, wie wir es kennen, war der Urknall. In seiner Folge bildeten sich Atome, die untereinander Verbindungen eingingen, etwas später auch Sterne und Sternensysteme sowie unzählige andere Himmelskörper. All diesen Strukturen ist gemeinsam, dass sie aus Teilen bestehen und gleichzeitig selbst Bestandteile einer oder mehrerer übergeordneter Strukturen sind. Außerdem befinden sie sich alle in ständiger Bewegung respektive Veränderung. Der Zusammenhang der Teile innerhalb einer Struktur wird durch Wirkungen begründet, die ihre Teile über die eigenen Grenzen hinaus entfalten. Sie sind das konstituierende Moment der Struktur, deren verbindende Kraft. Die nach außen gerichteten Wirkungen der Teile geben gleichzeitig Kunde von ihrer Existenz. Da sie Veränderungen beziehungsweise Anpassungen bei anderen Teilen der Struktur verursachen, führen sie auch zu Veränderungen der von diesen Teilen ausgehenden Wirkungen, mithin der von ihnen ausgehenden Informationen. Die materielle Seite aus Struktur und Bewegung und die ideelle Seite als Information über das eigene Sein, sind also nicht nur miteinander verbunden, sie beeinflussen sich auch wechselseitig.

Jede Struktur strebt nach Stabilität, um die eigene Fortexistenz zu sichern. Gleichzeitig sind ihre Außenwirkungen darauf gerichtet, einen größeren Zusammenhang herzustellen, was zur Folge hat, dass andere in ihrer Existenz beeinflusst werden. Da dies eine Eigenschaft aller Materie ist, gibt es keine Struktur, die nicht durch andere beeinflusst würde. Das heißt, zur Existenz von Strukturen gehört ihr Drang nach Stabilität genauso wie der Zwang, sich den sich ständig verändernden Gegebenheiten anzupassen. In dem von diesem Gegensatz gebildeten Rahmen entstanden nach dem Urknall Atome sowie mancherorts auch Verbindungen zwischen ihnen, Moleküle genannt. Unter ihnen waren auf Erden irgendwann auch komplexe Moleküle, deren Besonderheit darin bestand, dass sie nicht nur als Ganzes eine Außenwirkung entfalteten, sondern dass auch einzelne ihrer Abschnitte unterschiedliche, nach außen gerichtete Wirkungen besaßen. Bei einigen dieser Moleküle ergänzten sich diese Wirkungen derart, dass sie zur Duplizierung der Moleküle führten. Als es diesen Molekülen dann auch noch gelang, sich mit anderen zu einem von der Außenwelt weitgehend abgeschirmten Ganzen, einer Zelle, zu vereinen, verbesserten sich ihre Chancen zur Fortexistenz und Vermehrung erheblich. Für die Vermehrung war jetzt aber nicht mehr nur das ursprüngliche Molekül, sondern die gesamte Zelle zu duplizieren, das heißt, die von einem Teil des Ganzen, dem Kernmolekül, ausgehenden Wirkungen mussten einen Prozess steuern, der zur Duplizierung des Ganzen führte. Dafür musste das Kernmolekül den Bauplan der gesamten Zelle wie auch die Information zur Steuerung der Vervielfachung  insichtragen. Mit der Konzentration der Informationen für den Bau der ganzen Zelle in einem ihrer Teile wurde die ursprünglich direkte Verknüpfung von ideeller und materieller Seite des Seins ein Stück weit gelöst.

Für die Vermehrung veranlasst das Kernmolekül unter anderem die Synthese spezieller Eiweiße, Enzyme genannt, die die Bildung der für den Zellaufbau erforderlichen komplexeren Eiweiße bewirken. Das heißt, die im Bauplan enthaltene Information initiiert mittels der Struktur, auf der sie gespeichert ist, die Bildung von Enzymen, die dann als Boten der Information agieren und gleichzeitig durch ihre Außenwirkungen den Prozess der Zellbildung vorantreiben. Die Weiterleitung von Informationen auf einem materiellen Träger, der die zur Umsetzung der Information erforderlichen Wirkungen entfaltet, kann man mit Fug und Recht als Volltreffer der Evolution bezeichnen, denn kein Lebewesen kommt ohne ihre Hilfe aus. Der große Vorteil der Botenstoffe besteht in dem hohen Grad an Zuverlässigkeit, der durch die Einheit von Information und Wirkung erreicht wird. Ihr wichtigster Nachteil ist das vergleichsweise geringe Tempo des Informationsflusses. Tiere, deren größte Errungenschaft die zielgeichtete Bewegung im Raum ist, brauchen dafür jedoch eine Vielzahl von Informationen über die Außenwelt, die sie in kürzester Frist auswerten müssen. Als Alternative zu den relativ langsamen Botenstoffen kamen Energieimpulse in Frage, für deren zielgerichteten und schnellen Transport allerdings spezielle Leitungen erforderlich sind. Es bildeten sich Nervenzellen heraus, die sich zu Impulsbahnen verbanden und den Körper durchzogen. Die von ihnen weitergeleiteten Impulse können stärker oder schwächer konzentriert sein und auf diese Weise eine Information über die Stärke des auslösenden Reizes vermitteln, darüber hinaus sind sie jedoch unspezifisch, das heißt, sie können keine weitergehenden Informationen tragen. Wie bleibt dann die Unterschiedlichkeit der Informationen erhalten?

Informationen über die Außenwelt entstehen in Sensorzellen. Jede Sensorzelle ist auf einen ganz bestimmten Reiz, eine von außen kommende Wirkung spezialisiert. Sie reagiert auf den Reinz, indem sie einen elektrischen Impuls generiert, der über die Nervenbahnen zu einer bestimmten Empfängerzelle transportiert wird. Die Empfängerzelle löst bei Eintreffen des Impulses eine in ihrem Bauplan festgelegte Reaktion aus. Durch die direkte Verbindung der spezialisierten Sensorzelle mit einer bestimmten Empfängerzelle bleibt die Information über die Spezifik der registrierten äußeren Wirkung erhalten, auch wenn der Impuls selbst diese nicht tragen kann. Es würde jedoch nicht ausreichen, dass eine Sensorzelle eine Empfängerzelle aktiviert, um einen ganzen Organismus in Aktion zu versetzen. Für eine Aktion müssen, selbst in einfach strukturierten Organismen, viele Zellen in einer bestimmten Reihenfolge aktiv werden. Die Aktivierung der Zellen wird durch ein neuronales Netz erreicht, das den Impuls der Sensorzelle planmäßig im Organismus verteilt. Diese neuronalen Netze sind damit die materielle Grundlage der Bewegungen beziehungsweise des Verhaltens der Tiere.

Im Laufe der Evolution entwickelten die Tiere immer neue Bewegungsvarianten und Verhaltensmuster, die ihnen eine flexible Anpassung an unterschiedliche und sich verändernde Bedingungen ermöglichten. Sind mehrere Varianten der Bewegung oder des Verhaltens möglich, ist eine Entscheidung darüber erforderlich, welche von ihnen zur Ausführung kommen soll. Für eine Entscheidung müssen wiederum möglichst viele Informationen über die Umwelt und die Verfasstheit des eigenen Körpers gesammelt und zueinander in Beziehung gesetzt werden. In diesem Zusammenhang erwies es sich als vorteilhaft, sowohl die neuronalen Netze zur Steuerung der Bewegungen beziehungsweise des Verhaltens als auch die zu bewertenden Informationen an einem Ort, in einem Gehirn zu konzentrieren. Für die Bewertung der dort eingehenden Informationen ist ein Maßstab erforderlich. Einige solcher Maßstäbe sind tief in der Evolution verwurzelt, so dass sie mit dem Erbgut weitergegeben werden. Man muss sich die Bewertung von „süß“ oder „sauer“ nicht mühsam erarbeiten, man bekommt sie in die Wiege gelegt. Süß ist angenehm, weil nahrhaft, sauer weniger. Ein mit der Evolution stetig wachsender Teil der Maßstäbe resultiert jedoch aus Erfahrungen, die man selbst sammelt oder die einem von Artgenossen vermittelt werden. Damit diese Erfahrungen in den Entscheidungsprozess einfließen können, müssen sie ebenfalls als materielle Strukturen im Gehirn hinterlegt sein.

Die Information einer Sensorzelle regt durch einen elektrischen Impuls und vermittelt über Nervenbahnen eine fest zugeordnete Zelle im Gehirn an. Da dies viele Sensorzellen gleichzeitig tun, entsteht im Gehirn eine Struktur von aktivierten Zellen, die sich zu einem neuronalen Netz der aktuellen Information verbinden. In ähnlicher Weise sind Informationen über Geschehnisse aus der Vergangenheit als Erfahrungen im Gedächtnis gespeichert. Sie wurden jedoch auf wesentliche Fakten reduziert, nicht zuletzt, um ihre Zuordnung zu einer aktuellen Information zu erleichtern. Das neuronale Netz der aktuellen Information und die Netze, die die Erfahrungen beinhalten, werden miteinander abgeglichen. Können ausreichend Übereinstimmungen mit einer als erfolgreich bewerteten Erfahrung festgestellt werden, verknüpfen sich die Netze und das mit der Erfahrung verbundene Verhaltensmuster wird aktiviert. Wahrnehmungen wie auch Erfahrungen sowie aus ihnen resultierende Entscheidungen kann man als ideelle Prozesse begreifen, denen materielle Strukturen in Form von neuronalen Netzen als Träger zugrundeliegen. Die von den Informationen initiierten Aktionen können diese materiellen Strukturen, mithin die Erfahrungen und deren Bewertung, wiederum beeinflussen beziehungsweise verändern.

Die Erfahrungen, die zum Abgleich mit aktuellen Informationen herangezogen werden, sind zuvörderst eigene Erfahrungen. Tiere sind jedoch in der einen oder anderen Weise soziale Wesen, die sich auch Erfahrungen von Artgenossen zunutzemachen. Dies gilt in besonderem Maße für die Gattung Mensch. Die Menschen haben sich vielfältige Möglichkeiten der Kommunikation erschlossen, mit deren Hilfe der einzelne auf den in der Gemeinschaft vorhandenen Erfahrungsschatz zugreifen kann. Die Gemeinschaft wartet jedoch nicht, bis auch der Letzte den Wert dieses Schatzes erkennt, sie gibt die Erfahrungen vielmehr auch aktiv an die Nachkommen weiter. Ein erfolgreicher Jäger wird die Heranwachsenden versammeln und ihnen seine Erlebnisse schildern, die sich wegen der emotionalen Färbung seines Berichts fest im Gedächtnis der Zuhörer verankern. Erfahrungen über Zusammenhänge in Natur und Gesellschaft werden aber nicht nur als persönliche Erlebnisse weitergegeben, sie können auch in einer verallgemeinerten Form, als Wissen, verbreitet werden. Der Vorteil des Wissens besteht darin, dass es durch seine abstrakten Charakter in unterschiedlichen Situationen helfen kann, erfolgversprechende Entscheidungen zu treffen. Da ihm meist die emotionale Färbung fehlt, ist für dessen Aneignung allerdings einige Anstrengung erforderlich. Trotz des stetig wachsenden Schatzes an Erfahrungen und Wissen gab es zu allen Zeiten auch Erscheinungen in Natur und Gesellschaft, für die die Menschen keine nachprüfbaren Erklärungen fanden. Das hinderte sie nicht daran, auch zu diesen Fragen Anschauungen beziehungsweise Überzeugungen zu entwickeln und an die Nachkommen weiterzugeben. Diese Überzeugungen wirkten in gleicher Weise prägend wie das vermittelte nachprüfbare Wissen oder die weitergetragenen Erlebnisse der Altvorderen. Wenn die vorherrschende Deutung war, dass Zeuss selbst die Blitze schleudert, dann konnte der einzelne in seiner Bewertung des Blitzschlags nur schwerlich zu anderen Ergebnissen gelangen.

Der Erfahrungsschatz einer Gemeinschaft wird vor allem von den Umständen bestimmt, unter denen sie lebt. Dazu gehören neben den natürlichen Bedingungen ihrer Existenz auch Besonderheiten, die sich aus dem erreichten Stand der Entwicklung und der bisherigen Geschichte der Gemeinschaft herleiten. Das heißt, die entstandenen Verhältnisse drücken den in der Gemeinschaft vorhandenen Vorstellungen über das Leben ihren Stempel auf. Diese Vorstellungen prägen das Handeln der Menschen wie auch deren Zusammenleben und damit wiederum zukünftige Erfahrungen. Trotz dieses auf die Reproduktion der bestehenden Verhältnisse gerichteten Effekts vollziehen sich, bedingt durch innere Prozesse aber auch von äußeren Einflüssen bewirkt, Entwicklungen, die die Lebensgrundlagen der Gemeinschaft verändern. Da die herrschenden Ideen in der Regel auf Kontinuität gerichtet sind und deshalb die anstehenden Veränderungen nur ungenügend aufgreifen, können sie zur Ursache von Stagnation und Krisen werden. In jeder Gesellschaft gibt es jedoch Menschen, die die herrschenden Anschauungen in Frage stellen. Häufig ist es die junge Generation, die noch nicht in tradierten Denkmustern gefangen ist, die mit neuen Ideen aufbegehrt. Sie trägt damit zur Erneuerung respektive Anpassung der in der Gesellschaft herrschenden Vorstellungen an die sich verändernden Bedingungen bei.

In den modernen, sehr komplex gewordenen Gesellschaften werden Informationen sowie Erfahrungen, Wissen und Überzeugungen in vielfältiger Weise verbreitet. Wenn in früheren Zeiten ein bestimmtes Weltbild die Gesellschaft fast vollständig dominieren konnte, so ist dies heute eher selten der Fall. Vorboten dieser Entwicklung zeigten sich bereits während der Reformation, als mit Hilfe des Buchdrucks das Meinungsmonopol der katholischen Kirche gebrochen wurde. Durch den mit der Industriellen Revolution verbundenen technischen Fortschritt war es dann möglich, Nachrichten in Windeseile zu verbreiten, was die Presse zur vierten Gewalt im Ringen um politische Weichenstellungen werden ließ. Waren die Versuche der Mächtigen, den Zugang zu Informationen zu beschränken, schon zu dieser Zeit kaum mehr von Erfolg gekrönt, so sind sie heute, durch die Vielfalt der Kanäle, über die Informationen Verbreitung finden, so gut wie aussichtslos. Die Vielfalt der erreichbaren Informationen führt jedoch dazu, dass der einzelne kaum mehr in der Lage ist, diese zu überblicken. Er muss sich auf eine Auswahl von Nachrichten beschränken. Die verbreiteten Nachrichten beinhalten aber nicht nur Fakten, sondern meist auch Bewertungen, die von den Interessen des Nachrichtengebers diktiert sind. Will man sich eine eigenständige Meinung bilden, braucht man also nicht nur geprüfte Fakten sondern auch einen eigenen Maßstab für deren Bewertung. Diesen Wertemaßstab zu beeinflussen, ist zu einer Schlüsselfrage im Kampf um die Köpfe und damit zu einer Machtfrage geworden. Er wird vor allem mit Hilfe von Feindbildern geführt, die durch diffamierende Sprachregelungen und eine selektive Nachrichtengebung immer aufs Neue emotional aufgeladen werden. Dabei schreckt man auch vor Halbwahrheiten und Lügen nicht zurück.

An vielen Stellen unserer Überlegungen wurde deutlich, dass sich materielle und ideelle Prozesse gegenseitig beeinflussen. Auf der einen Seite gibt jede materielle Struktur mittels ihrer nach außen gerichteten Wirkungen Kunde von ihrem Sein, auf der anderen Seite existiert kein Gedanke, keine Theorie, keine Nachricht ohne eine materielle Struktur, in der sie gespeichert ist. Diese materiellen Strukturen können neuronale Netze genauso sein, wie Mikrochips oder die Seiten eines Buches. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass alle geistigen Prozesse mit materiellen Strukturen darstellbar sein müssen. Noch vor einigen Jahren war es für mich unvorstellbar, dass man Maschinen bauen könnte, die einen Menschen in jeglicher Hinsicht ersetzen. Heute bin ich mir da nicht mehr sicher. Wahrscheinlich wird es bereits in absehbarer Zeit möglich sein, nicht nur motorische, sondern auch immer mehr der geistigen Fähigkeiten von Menschen auf Maschinen zu übertragen. Dann wird es nicht lange dauern, bis die Maschinen auch auf diesen Gebieten besser sind als ihre Schöpfer. Werden sie die Macht übernehmen? Vielleicht könnten sie ja den Planeten retten und dem menschlichen Leben einen neuen Sinn verleihen, vielleicht würden sie die Menschen aber auch als minderwertig einstufen und zur Vernichtung freigeben. Da beide Optionen im Homo sapiens angelegt sind, werden sie wohl auch seinen Schöpfungen nicht fremd bleiben. Es müssten Regeln gefunden und durchgesetzt werden, die eine solche Entwicklung unmöglich machten. Bisher ist es meines Wissens jedoch noch nie gelungen, technischen Fortschritt dauerhaft zu kanalisieren oder gar zu verhindern. Alles, was möglich war, wurde irgendwann durch irgendwen realisiert. Es bleibt die Hoffnung, dass uns die Maschinen dann, trotz alledem, als schützenswerte Art einstufen.

letzte Änderung: 08.12.2019

 

 

 

 

 

Gleich und verschieden

Dinge, die verschieden sind, sind nicht gleich. Verschiedenheit schließt Gleichheit aus. Bedingen sie auch einander? Für diese Frage müssen wir wieder etwas tiefer in die Materie eintauchen. Nehmen wir die Atome. Atome sind in gleicher Weise aufgebaut. Sie haben einen Kern aus Neutronen und Protonen, der von Elektronen umschwirrt wird. Es gibt jedoch verschiedenartige Atome, die sich in der Anzahl ihrer Protonen unterscheiden. Atome mit gleicher Protonenzahl können wiederum unterschiedlich viele Neutronen besitzen. Sind nun zwei Atome mit gleicher Zahl an Protonen, Neutronen und Elektronen gleich? Die Struktur ihres Aufbaus ist gleich, aber ihre Bestandteile bewegen sich, und dies nicht überall und zu jeder Zeit in gleicher oder synchroner Weise. Hinzu kommt, dass das Atom selbst Bestandteil einer beziehungsweise mehrerer größerer Strukturen ist. Ein Kohlenstoffatom könnte zum Beispiel Bestandteil eines Kohlendioxid-Moleküls sein, das in der Atmosphäre des Planeten Erde unterwegs ist. Gerade schwebt es über einem Waldgebiet, wo es durch einen Baum zur Photosynthese aufgesogen wird, während andere Moleküle weiter durch die Lüfte schwirren. Das heißt, in der übergeordneten Struktur der Atmosphäre entstehen Wechselwirkungen, die jedes Kohlenstoffatom beziehungsweise dessen Verbindungen in spezifischer Weise beeinflussen. Insofern gibt es neben dem Aspekt der Gleichheit, resultierend aus dem gleichen Aufbau der Atome und Moleküle, immer auch einen Aspekt der Verschiedenheit, sowohl in Bezug auf die Bewegungen innerhalb der Struktur, als auch durch äußere Einflüsse im Rahmen einer übergeordneten Struktur verursacht. Andererseits bestehen die unterschiedlichen Atome alle aus den gleichen Bausteinen. Die Verschiedenheit birgt also immer auch einen Aspekt von Gleichheit insich. Gleichheit und Verschiedenheit bedingen einander.

Das ist ja schön und gut, könnte man einwenden, aber wie ist das mit verschränkten Quanten. Quanten besitzen als kleinste Einheiten der Materie keine innere Struktur und, wenn sie verschränkt sind, bewegen sie sich völlig synchron. Sie weisen also identische Zustände auf, das heißt, sie sind völlig gleich. Die miteinander verschränkten Quanten existieren allerdings an unterschiedlichen Orten, wodurch sie unterschiedlichen äußeren Einflüssen ausgesetzt sind. Man kann die äußeren Einflüsse künstlich minimieren und auf diese Weise den Effekt der Quantenverschränkung aufrechterhalten und technisch nutzbar machen. Die unterschiedlichen äußeren Einflüsse lassen sich jedoch nicht völlig eleminieren, was dem technischen Einsatz dieses Effektes Grenzen setzt. Aus den genannten Beispielen kann man ableiten, dass Gleichheit und Verschiedenheit zwar immer gemeinsam auftreten, dass sie in der konkreten Struktur aber einen unterschiedlichen Stellenwert besitzen. Mit zunehmender Komplexität der Strukturen wächst zudem die Zahl der Aspekte, in denen sich Gleichheit oder Verschiedenheit ausdrücken können.

Lebewesen haben eine sehr komplexe Struktur. Zwei Vertreter ein und der selben Art sind im Prinzip gleich aufgebaut, trotzdem unterscheiden sie sich in vielen Punkten voneinander. Der Löwenzahn hat wunderbar gelbe Blüten, in denen Samen gebildet werden, die mit kleinen Gleitschirmen in das Abenteuer der Fortpflanzung starten. Das gilt für alle Vertreter dieser Art. Trotzdem sind die Blüten der einzelnen Pflanzen unterschiedlich groß und sie sitzen auf unterschiedlich langen Stengeln. Die Blätter der einen Pflanze sind kräftiger und ihre Wurzeln reichen tiefer als die der anderen. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass das genetische Potenzial der verglichenen Pflanzen identisch wäre, was bei Pflanzen, die sich geschlechtlich fortpflanzen, nicht der Fall ist, dann sind da immer noch die äußeren Bedingungen, die Unterschiede im Wuchs der Pflanze bewirken. Zwei genetisch identische Pflanzen, die bei identischen äußeren Bedingungen heranwachsen, kommen in der Natur nicht vor. Der Mensch versucht zwar, durch Eingriffe in die Vermehrung und in die äußeren Bedingungen eine gewisse Uniformität zu erzwingen, dem sind jedoch natürliche Grenzen gesetzt.

Der Berufsstand, der wohl am intensivsten mit dem Wechselverhältnis von Gleichheit und Verschiedenheit konfrontiert ist, sind die Mediziner. Zwar gehören alle heute lebenden Menschen zur Art der Homo sapiens, trotzdem ist kein Individuum wie das andere. Selbst wenn man nur Vertreter eines Geschlechts miteinander vergleicht, sind die Unterschiede zwischen den Individuen noch immer bedeutend. Die medizinische Ausbildung beginnt trotzdem mit dem Studium eines idealtypischen Menschen. Erst muss der Lehrling verstehen, wie der Mensch „normalerweise“ funktioniert, bevor er die Abweichungen von der Norm erkennen und einordnen kann. Dieser idealtypische Mensch ist gleichzeitig etwas fiktives, das aus einer Abstraktion entsteht, bei der von den Besonderheiten der konkreten Patienten abgesehen wird. Will man allerdings eine erfolgversprechende Therapie festlegen, müssen die Besonderheiten der Patienten wieder einbezogen werden. Die Bandbreite, in der diese Besonderheiten die Art und den Erfolg der Behandlung bestimmen, reicht von gering, wenn seine Vitalparameter im Normbereich liegen, bis grundlegend, wenn erhebliche Beeinträchtigungen, zum Beispiel eine Herzschwäche, eine schwerwiegende Allergie oder anderes zu berücksichtigen sind. Besonderheiten betreffen aber nicht nur den Allgemeinzustand des Patienten, auch im anatomischen Bereich existieren Abweichungen von der Norm, auffällige, wie bei der Ausbildung der Extremitäten, und nicht gleich sichtbare, wie bei Lage, Größe, Form und Konsistenz innerer Organe, Blutgefäße oder anderer Körpersysteme. Durch die Vielzahl der Merkmale, mit denen ein Mensch bestimmt ist, die alle eine unterschiedliche Ausprägung erhalten können, wird auch unter mehreren Milliarden Menschen keiner genau wie der andere sein.

Wie ist das mit eineiigen Zwillingen? Eineiige Zwillinge haben ein identisches genetisches Potenzial. Im Wort Potenzial steckt schon, dass es Faktoren gibt, die dessen Entfaltung beeinflussen. Die Zwillinge weisen deshalb zwar ein hohes Maß an Übereinstimmung in ihren körperlichen Merkmalen aus, in Details, wie den Fingerabdrücken, unterscheiden sie sich jedoch voneinander. Daneben können Ereignisse, wie kleine Missgeschicke oder Krankheiten, körperliche Veränderungen bewirken, die nicht beide gleichermaßen treffen. Hinzu kommt, dass Menschen auch durch ihr Verhalten bestimmt sind. Da die Zwillinge die prägende Zeit von Kindheit und Jugend in der Regel gemeinsam verbringen, werden sich erst einmal nur geringe Verschiedenheiten in ihrem Verhalten ausbilden. Je mehr sich die Wege der Zwillinge trennen und sie unterschiedliche Erfahrungen sammeln, desto stärker werden jedoch Unterschiede sichtbar werden. Gar nicht zu reden davon, dass eine Tragödie, wie ein Verkehrsunfall, dazu führen kann, dass einer von ihnen einen dauerhaften körperlichen Schaden davonträgt, während der andere unversehrt bleibt. Der körperliche Schaden bedingt, dass die Erlebniswelt dieses Zwillings nun eine andere sein wird, als die des unversehrten. Die daraus erwachsenden unterschiedlichen Erfahrungen wirken auf das Verhalten zurück, das immer mehr abweichende Aspekte zeigen wird.

Schauen wir uns die Unterschiede im Verhalten der Menschen etwas genauer an. Im Potpourri ihrer Verhaltensmuster gibt es einige, die aus der Frühgeschichte der Evolution stammen und in das Erbgut eingegangen sind. Die meisten Verhaltensweisen werden jedoch im Laufe des Lebens durch Erfahrungen geprägt. Diese Erfahrungen sind in ihren Grundzügen durch das gesellschaftliche Umfeld, in dem die Menschen leben, bestimmt. Das Umfeld der Jäger und Sammler war beispielsweise ein anderes als das von Industriearbeitern. Daneben gibt es prägende Faktoren, die aus örtlichen Gegebenheiten resultieren. Der Bergbauer hat ein anderes Umfeld als der Fischer am Meer. Und es gibt Umstände, die jeden einzelnen Menschen in besonderer Weise beeeinflussen. So werden die mit dem Leben in der Gemeinschaft verbundenen Kontakte zu anderen nicht nur von den äußeren Gegebenheiten sondern auch von den Eigenarten der Personen, die da aufeinandertreffen, geprägt. Schon deshalb sind sie für jeden Menschen einzigartig. Das heißt, jeder Mensch hat eine Erfahrungswelt, die er mit den anderen in der Gemeinschaft teilt, aber auch spezifische Erfahrungen, die ihn im Zusammenklang mit seinem Temperament zu etwas Besonderem, zu einem Individuum werden lassen.

Die Überlebensgarantie menschlicher Individuen ist die Gemeinschaft. Damit eine Gemeinschaft funktioniert, sind Verhaltensregeln erforderlich, die für alle bindend sind. Derartige Regeln resultieren aus Erfahrungen, die von Generation zu Generation weitergetragen werden. Die aus der Verallgemeinerung von Erfahrungen entspringenden Regeln können naturgemäß nicht alle Spezifika einer Situation oder die Besonderheiten in den Lebensumstände der beteiligten Personen widerspiegeln. Da dies so ist, sind sie mitunter nicht nur Ordnungsfaktor, sondern auch Ausgangspunkt von Konflikten. Konflikte können schon dadurch entstehen, dass die Intensität, mit der der einzelne seine Individualität ausleben will, unterschiedlich ausgeprägt ist. Je stärker jemand seine Besonderheiten in den Vordergrund stellt, desto größer wird die Gefahr, dass er die Regeln der Gemeinschaft verletzt. Andere werden nicht nur die verkündeten Regeln einhalten, sondern in jeder Beziehung nur das tun, was opportun erscheint. Die meisten Menschen ordnen sich wohl zwischen diesen Polen ein, wobei sie oftmals nach Lebensbereichen, wie Arbeit, Familie oder Clique, unterscheiden. Alle aus der Individualität der Menschen erwachsenden Lebensentwürfe sind legitim, solange die dem Gemeinwohl verpflichteten Regeln eingehalten werden. Das nennt man dann Freiheit. Wird ein Lebensentwurf jedoch zum allein gültigen erklärt, dann sind Unterdrückung und Gewalt gegen die, die anders aussehen, die sich anders verhalten, anders denken oder fühlen, nicht weit.

Die Regeln, die das Zusammenleben in einer Gemeinschaft ordnen, werden maßgeblich von den Lebensbedingungen und den mit ihnen verknüpften Erfahrungen der Menschen beeinflusst. In den Gemeinschaften der Jäger und Sammler war die gegenseitige Hilfe von herausragender Bedeutung, nicht nur bei der gemeinsamen Jagd, sondern insgesamt für das Überleben aller. Tendenzen einer sozialen Differenzierung, die aus den Interessen und Talenten der Menschen resultierten, hatten sich diesem hohen Gut unterzuordnen. Als die Menschen sesshaft wurden und eine Vielzahl von Gütern als ihnen zugehörig anhäuften, wurden die sozialen Unterschiede nicht nur stärker sichtbar, sie bestimmten auch zunehmend das Leben. Gleichzeitig wurden die Gemeinwesen größer, womit höhere Anforderungen an die Organisation des Zusammenlebens verbunden waren. Einzelne wurden berufen, sich den damit verbundenen Aufgaben zu widmen. Ihre Gestaltungskraft war häufig ausschlaggebend für die Entwicklung des gesamten Gemeinwesens. Die Führer konnten durch ihre besondere Stellung auch persönliche Vorteile erlangen, so dass sie bald bestrebt waren, diese Vormachtstellung für ihre Nachfahren zu sichern. Die gesellschaftlichen Strukturen verfestigten sich, was wiederum den Aufstieg anderer, vielleicht besonders befähigter, verhinderte. Daraus konnten Spannungen und Konflikten entstehen, die das Zusammenleben und damit die Gemeinschaft schwer belasteten.

Das Zeitalter der bäuerlichen Gesellschaften war mit einem mehr oder weniger steten Wachstum der Bevölkerung verbunden. Die Menschen besiedelten nach und nach fast den gesamten Planeten. Staaten entstanden, erst auf Städte begrenzt, später unter Einbeziehung immer größerer Territorien. Diese Staaten konnten sich nur dann längere Zeit behaupten, wenn sich ihre innere Struktur entwickelte. Sie brauchten effiziente Verwaltungen, eine zeitgemäße Infrastruktur für den Transport von Personen, Gütern und Informationen sowie einen wehrhaften Schutz vor äußeren Gefahren. Mit den staatlichen Strukturen bildete sich auch eine neue Elite heraus, die nach Aufgaben und Kompetenzen gegliedert war. Das heißt, es entstand ein System abgestufter Rechte und Pflichten, das zu einer sehr schmalen Spitze hin zulief. Die jeweilige Stellung in diesem System, wie auch die mit ihr verbundenen Privilegien, wurde in der Regel vererbt, so dass die entstandenen Strukturen dauerhaften Bestand hatten. Der Fakt, dass ein Thronerbe nicht der hellste Kopf unter der Sonne war, musste unter diesen Umständen nicht zwangsläufig zum Untergang des Reiches führen. Eine nicht geklärte Thronfolge barg dagegen unkalkulierbare Gefahren.

Unser Bild dieser Gesellschaften ist vor allem durch die herrschende Schicht, den Adel, seine Kriege und Intrigen, seinen absoluten Machtanspruch und seine Prachtentfaltung geprägt. Es waren jedoch die Bauern, die die Lebensgrundlagen dieser Gesellschaften schufen. In den dörflichen  Gemeinschaften hielten sich lange Zeit die auf Gleichheit und Solidarität basierenden Werte des Zusammenlebens, weil sie sich immer wieder bewährten. Die Bauern entschieden gemeinsam, wie das Land zu nutzen sei. Oft genug unterstützten sie sich auch bei der Bestellung ihrer Parzellen. Darüber hinaus gab es Allmenden, Güter, die der Gemeinschaft gehörten und die von allen genutzt werden konnten. Mit dem Siegeszug der Warenwirtschaft änderte sich auch die Beziehungen in den bäuerlichen Gemeinschaften. Nicht mehr die Solidarität sondern das Streben nach eigenem wirtschaftlichen Erfolg stand jetzt im Vordergrund.

In den Städten hatte sich der Gedanke der Gleichberechtigung der Menschen ebenfalls lange erhalten, schon weil man nur gemeinsam dem permanenten Druck adliger Herren wirksam Widerstand entgegensetzen konnte. Allerdings gehörten bald nicht mehr alle Einwohner zu den berechtigten Bürgern der Stadt, auch innerhalb der Bürgerschaft entstand nach und nach eine Hierarchie, die sich auf dem wirtschaftlichen Erfolg und dem damit verbundenen Reichtum der Familien gründete. Trotz der immer stärker spürbaren sozialen Diferenzierung blieb der Ansatz, dass man Privilegien nicht erbt, sondern dass man sie sich erarbeiten muss, Grundüberzeugung der Bürger. Die große Revolution der Franzosen machte diesen Grundsatz zur Leitlinie der gesamten Gesellschaft. Sie zeigte auch, dass mit der Beseitigung erblicher Privilegien und durch eine identitätsstiftende nationale Idee Kräfte freigesetzt werden, die in der Lage sind, massive innere und äußere Widerstände niederzuringen. Es dauerte jedoch nicht lange und die in der Revolution an die Macht gelangten Eliten strebten nun ihrerseits danach, diese Stellung zu festigen und innerhalb der Familie weiterzugeben. Es ist wohl gesetzmäßig, dass Machtstrukturen zur Erstarrung tendieren.

Mit der Industriellen Revolution beschleunigten sich nicht nur die Produktionsprozesse, auch gesellschaftliche Veränderungen gewannen an Tempo. Wenn unter diesen Bedingungen verkrustete politische Strukturen die Dynamik behinderten, konnten sehr schnell bedrohliche wirtschaftliche und politische Krisen aufziehen. Es musste also ein Weg gefunden werden, der die Erstarrung des politischen Systems verhinderte und der gleichzeitig die grundlegenden Machtverhältnisse nicht antastete. Die Lösung fand sich in demokratischen Prinzipien, die auf der formalen Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz basieren. Politische Macht sollte fortan nicht mehr vererbt werden, der gehortete Reichtum und die mit ihm verbundenen Einflussmöglichkeiten aber durchaus. Die Öffnung der politischen Strukturen barg zwar Gefahren, aber langfristig würde dadurch, dass unterschiedliche Interessen zum Zuge kamen, eine dynamische Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen gewährleistet sein. Soweit die Theorie. In der Praxis bildeten sich jedoch mächtige Eliten, die nach dauerhaft dominierenden Einfluss strebten. Netzwerke entstanden, die sichern sollten, dass nur Menschen, die ähnliche Interessen verfolgen, eine einflussreiche und einträgliche Stellung erhalten. Gleichzeitig blieben andere ausgeschlossen, nicht weil ihnen das intellektuelle Potenzial fehlte, sondern weil sie keinen Zugang zu diesen Netzwerken hatten.

In Zeiten, da der technische Fortschritt über den Platz eines Landes in der Welt entscheidet, erlangt die umfassende Erschließung der in der Gesellschaft vorhandenen Talente und Fähigkeiten entscheidende Bedeutung. Gleichzeitig sind Anreize erforderlich, die dem einzelnen die Ausschöpung seiner Talente als lohnendes Ziel erscheinen lassen. Der vielleicht wichtigste Anreiz ist die Überzeugung, dass jeder, der die intellektuellen und charakterlichen Voraussetzungen mitbringt, jede Position in der Gesellschaft erreichen kann, auch wenn ihr oder ihm die entsprechenden Kontakte respektive Netzwerke nicht in die Wiege gelegt wurden. Eine moderne Gesellschaft wird letztlich nur dann langfristig erfolgreich sein, wenn es ihr gelingt, die sich selbst reproduzierenden Macht- und Einflussstrukturen immer wieder aufzubrechen respektive durchlässig zu halten und das Potenzial, das in der Verschiedenheit der Menschen steckt, umfassend wirksam werden zu lassen.

zuletzt geändert: 10.10.2019

 

 

Zum Verhältnis von Revolution und Evolution

Eine Revolution wird als „grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme“ definiert, wobei dieser Wandel „meist aprubt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt“. 1) Im Gegensatz dazu wird die Evolution als „allmähliche Veränderung“ beschrieben. 2) Aprubter Wandel und allmähliche Veränderung unterscheiden sich grundlegend, sie schließen einander aus. Wenn man sich die Entwicklung der Welt anschaut, egal ob man den Kosmos betrachtet oder das Leben auf der Erde, egal ob man materielle oder ideelle Prozesse untersucht, findet man über lange Perioden gesehen immer beides, Phasen einer allmählichen Veränderung genauso wie aprubte Wandlungen. Man kann also davon ausgehen, dass sowohl die Evolution als auch die Revolution Bewegungsformen sind, die einander bedingen.

Diese Bedingtheit muss bereits in den kleinsten Bausteinen der Materie angelegt sein. Betrachten wir also wieder das Atom. Das Atom besteht aus Protonen und Neutronen, die einen relativ stabilen Kern bilden, und aus Elektronen, die diesen Kern umschwirren und das dynamische Moment des Atoms ausmachen. Statisches und dynamisches Moment fügen sich zu einer Einheit, die stabil existieren kann, die aber auch zu Veränderungen fähig ist. Wenn es gelänge, dieses Atom von allen äußeren Einflüssen abzuschirmen und innere, das Gleichgewicht störende Wirkungen zu unterbinden, dann würde es bis in alle Ewigkeit unverändert bestehen. Das tut es jedoch nicht, denn es lässt sich nicht vermeiden, dass alles und jedes in größere Strukturen und deren Wirkungsgefüge eingebunden ist. Außerdem gibt es immer auch andere, Dritte gewissermaßen, die unser Atom in seinem Sein beeinflussen können. Hinzu kommt, dass das Atom selbst aus Teilen besteht, die Wirkungen entfalten und so Veränderungen des Ganzen verursachen können. Erinnert sei an den radioaktiven Zerfall großer Atome, der keiner äußeren Einflüsse bedarf.

Äußere wie auch die innere Wirkungen haben einen Abfluss oder einen Zufluss von Energie zur Folge. Ein Atom wird, wie jede andere Struktur auch, diese Zu- oder Abflüsse bis zu einem gewissen Grad verkraften, indem es seine eigenen Bewegungen anpasst. Die daraus resultierenden Veränderungen sind evolutionär, da sie das System, die Struktur des Atoms, nicht grundlegend verändern. An einem bestimmten Punkt ist das Maß jedoch voll und der Abfluss oder die Zufuhr weiterer Energie führt zum Kollaps der Struktur. Sie muss sich neu erfinden, das heißt, das erforderliche relative Gleichgewicht von Masse und Energie im Rahmen einer neuen Struktur herstellen. Das Kristallgitter eines festen Stoffes könnte sich zum Beispiel auflösen und einem flüssigen Zustand Platz machen. Solche strukturellen Veränderungen erfolgen aprubt, an einem bestimmten Punkt der Entwicklung. Die revolutionäre Veränderung ist hier also Resultat eines evolutionären Prozesses. Mit ihm entsteht etwas Neues, das andere Eigenschaften aufweist, das sich anders zu äußeren Wirkungen verhält, obwohl es immer noch aus den gleichen Teilen besteht.

Grundlegende strukturelle Wandlungen, das heißt qualitative Veränderungen, resultieren aber nicht nur aus der allmählichen Anhäufung oder dem allmählichen Abfluss von Potenzialen (Quantitäten), sie können auch das Resultat plötzlicher, massiver äußerer Einflüsse sein. Wird ein Atom einer energiereichen Strahlung ausgesetzt, kann diese den Atomkern zerstören. Seine Teile müssen sich fortan in neuen Strukturen organisieren oder als freie Energie das Weite suchen. Das heißt, eine starke äußere Wirkung kann schlagartig zu einer revolutionären Veränderung führen, die ihrerseits eine völlige Neuordnung der weiteren Entwicklung nachsichzieht. Untersucht man die Geschichte der Erde und des Lebens darauf, dann stösst man immer wieder auf Katastrophen, die durch äußere Faktoren ausgelöst wurden. Sie hatten schlagartig große Veränderungen zur Folge. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist der Untergang der Dinosaurier, die Jahrmillionen das Leben auf der Erde dominiert hatte, dann aber in relativ kurzer Zeit fast völlig von ihr verschwanden. Es ist hier unerheblich, welcher Art die ursächliche Katastrophe war, aus der Sicht der Saurier waren es in jedem Fall äußere Faktoren, die ihre Lebensgrundlagen dramatisch veränderten und ihren Untergang beschworen. Der aprubte Wandel der Existenzbedingungen führte zu einem radikalen Schnitt in der Evolutionsgeschichte, der den Aufstieg anderer Lebewesen, darunter der Säugetiere, ermöglichte. Ohne diese Revolution hätte die Evolution einen anderen Verlauf genommen, wäre der Mensch womöglich nie auf ihrer Bühne erschienen.

Nehmen wir an, besagte Katastrophe resultierte aus dem Einschlag eines Asteroiden, dann kann man es wohl als Zufall werten, dass dieser Asteroid zu einem Zeitpunkt auf die Erde schlug, als sich die Säugetiere in den Startlöchern der Evolution befanden. Hinzu kommt, dass der Einschlag mit einer Energie erfolgte, die die Bedingungen für die Existenz von Leben nicht vollends zerstörte, die aber doch zu klimatischen Veränderungen führte, denen die Saurier nicht gewachsen waren. Jedem Faktor, der zu diesem Ereignis und der nachfolgenden Entwicklung führte, kann man eine innere Logik zuordnen, das heißt er hatte Ursachen, die notwendig zu diesem Ergebnis führten. Die Vielzahl der Faktoren, die in Ort und Zeit zusammenwirken mussten, damit die Evolution genau diesen Verlauf nehmen konnte, war jedoch so groß, dass ihr Zusammentreffen als Zufall erscheint. Verallgemeinernd heißt das, sowohl die Evolution als auch die Revolution beruhen auf kausalen Zusammenhängen, die ihren Ablauf bestimmen. Gleichzeitig werden sie von zufälligen Ereignissen geprägt, die ihren scheinbar vorherbestimmten Verlauf grundlegend ändern können.

Das Zusammenwirken von Faktoren in Ort und Zeit spielt auch in anderer Hinsicht eine Rolle. Beginnen wir mit der Zeit. Die Zeit ist bereits in den Definitionen von Evolution und Revolution, nämlich als aprubt und allmählich, enthalten. Beide Charakteristika tragen jedoch einen relativen Aspekt in sich, der mit der Zeitspanne, die man betrachtet, deutlich wird. In den Maßstäben der Entwicklung des Lebens, die einen Zeitraum von rund vier Milliarden Jahren durchschritt, kommt das Auftauchen des modernen Menschen einer Revolution gleich. In nur einigen Hunderttausend Jahren wurden die Homo sapiens zu einer Spezies, die die Fähigkeit entwickelte, den eigenen Lebensraum wie auch den Lebensraum der meisten anderen Lebewesen des Planeten umzugestalten. Diese Revolution vollzog sich allerdings nicht in einem Schritt sondern in Etappen, die wiederum von allmählichen Fortschritten wie auch von schlagartigen Veränderungen gekennzeichnet waren. Außerdem hatte der Siegeszug der Homo sapiens eine Vorgeschichte, in der ebenfalls Phasen einer allmählichen Entwicklung wie auch plötzliche Wendungen zu verzeichnen waren. Man kann also festhalten, dass Revolutionen auch evolutionäre Abschnitte beinhalten und eine Evolution irgendwann Brüche, aprubte Wendungen oder Neuanfänge durchläuft.

Welche Rolle spielt nun der Ort? Prinzipiell vollzieht sich jedes Ereignis an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Zeit. Jedes Ereignis entfaltet daher seine Wirkungen in einem mehr oder weniger begrenzten Umfeld. Diese lokale Begrenztheit kann unterschiedliche Dimensionen erfassen. So ist die Entstehung unseres Sonnensystems in die Geschichte des Universums eingebettet, dessen Entwicklung sich wiederum nicht überall in gleicher Weise vollzog. Nicht zuletzt wegen dieser Unterschiede waren und sind nicht überall Voraussetzungen für die Entstehung von Leben gegeben. Auch auf der Erde vollzog sich die Entwicklung nicht überall in gleicher Weise. Es entstanden verschiedene Lebensräume, die unterschiedliche Lebensformen hervorbrachten. Da sind die großen globalen Sphären wie Luft, Wasser und Land, in denen die Entwicklung des Lebens unterschiedliche Wege nahm. Außerdem bestanden und bestehen in den einzelnen Weltengegenden spezifischen Existenzbedingungen, die zu Sonderwegen der Evolution führten.

Die Evolution des Lebens verlief also nicht gleichförmig, weder in der Zeit noch in den einzelnen Sphären und Gegenden des Planeten. Aber wie vollzieht sich dieser Prozess überhaupt? Die Evolution beinhaltet die Anpassung der Lebewesen an unterschiedliche beziehungsweise sich verändernde Umweltbedingungen. Verändern können sich zum Beispiel die klimatischen Verhältnisse und damit die Ernährungsvoraussetzungen. Vielleicht tauchen auch bisher unbekannte Konkurrenten zum bestehenden Nahrungsangebot auf oder es sind neuerdings Räuber unterwegs, für die man selbst zur erstrebenswerten Beute wird. All diese Faktoren verlangen nach einer Anpassung, damit die eigene Art überleben kann. Diese Anpassung wird im Rahmen der geschlechtlichen Fortpflanzung durch immer neue Kombinationen des Erbguts erreicht. Als Resultat entstehen Nachkommen, die in ihrer Mehrzahl einem Durchschnitt an Größe, Kraft, Geschicklichkeit, Intelligenz oder anderen Merkmalen entsprechen. Es entstehen aber auch Nachkommen, die zu schwach oder aus anderen Gründen nicht überlebensfähig sind. Wieder andere erreichen die „Norm“ der Art nicht, weshalb sie meist von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden. Daneben entstehen aber auch Individuen, die die Norm in dem einen oder anderen Merkmal übertreffen und dadurch vielleicht besonders gut mit den veränderten Lebensbedingungen zurechtkommen. Deren Nachkommen haben alle Chancen, eine dominierende Rolle in der Population zu spielen und ihren Samen in großem Maßstab fruchtbar zu machen. Als Resultat werden sich die mit ihnen verbundenen Merkmale verbreiten und so die Anpassung verstetigen.

Außer durch eine allmähliche Veränderung kann die Anpassung an veränderte Bedingungen auch sprunghaft erfolgen, denn neue Merkmale entstehen nicht nur aus neuen Kombinationen vorhandener Gene sondern auch aus Fehlern bei der Duplizierung des genetischen Materials. Die daraus entstehenden Mutationen mögen zwar in den meisten Fällen nicht existenzfähig sein, einige werden sich jedoch behaupten, insbesondere dann, wenn sie Eigenschaften zeigen, die Vorteile im Überlebenskampf bieten. Durch die ihnen eigene Vitalität werden sie sich schneller vermehren als andere und die schlechter angepassten Artgenossen schrittweise verdrängen. Zufällige Genveränderungen können auch im Rahmen der geschlechtlichen Fortpflanzung auftreten, da auch diese letztlich auf der Duplizierung der Zellen durch Teilung basiert. Das auf solche Weise veränderte genetische Material fließt dann in den Pool der möglichen genetischen Kombinationen ein, wo es sich bewähren kann. Stellen die mit ihm verbundenen Eigenschaften eine gelungene Anpassung dar, werden sie schrittweise die Art dominieren. Es ist aber auch möglich, dass sich eine ganze Reihe von Eigenschaften gleichzeitig verändern, zum Beispiel weil in neue Lebensräume vorgedrungen wird. Die daraus entstehenden Lebewesen, die sich nun in mehreren Merkmalen von ihren Vorgängern unterscheiden, konstituieren eine neue Art, die eine Rekombination mit den Vorfahren ausschließt.

Noch einmal zurück zum Prozess der Menschwerdung. Die Entwicklung der Gattung Homo beinhaltete neben evolutionären Phasen auch eine Reihe von Brüchen, die in der Herausbildung neuer Arten Ausdruck fanden. Eine Besonderheit der Gattung Homo bestand von Anfang an darin, dass ihre Vertreter Gegenstände, die sie in der Umgebung fanden, für ihre Zwecke verwendeten. Sie benutzten sie als Waffen, um Angreifer abzuwehren oder als Werkzeuge, um die angestrebte Nahrung zu erlangen. Irgendwann begannen die Menschen, die in der Natur vorgefundenen Gegenstände derart zu verändern, dass sie besser ihren Zwecken dienten. Mit der Fähigkeit, die Hilfsmittel an die jeweiligen Bedingungen und Zwecke anzupassen, erreichten sie ein höheres Maß an Eigenbestimmtheit. Physische Anpassungen waren nun nicht mehr zwingend die Voraussetzung für das Überleben. Die bei der Herstellung der Werkzeuge und Waffen gesammelten Erfahrungen wurden in der Gemeinschaft weitergegeben und dort akkumuliert, so dass ein Pool an Erfahrungen entstand, der stetig wuchs. Mit diesen Besonderheiten hoben sich die Menschen von allen anderen Tieren ab.

Um den Platz der Menschen in der Naturgeschichte richtig einordnen zu können, müssen wir noch einmal auf deren Anfänge zurückblicken. Am Beginn entstanden Strukturen, die äußeren Wirkungen, mit denen sie konfrontiert wurden, nur reaktiv begegnen konnten, indem sie diese Wirkungen in sich aufnahmen. War die Absorbtion dieser Wirkungen nicht möglich, so wurde die Struktur zerstört. Wir bezeichnen diese Art von Strukturen als unbelebte Natur. Irgendwann entstanden darüber hinaus Strukturen, die die Fähigkeit besaßen, Veränderungen nicht mehr nur zu erdulden, sondern sich aktiv mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir nennen sie Lebewesen. Lebewesen nehmen ihre Umwelt auf die eine oder andere Weise wahr. Sie nutzen die dabei gewonnenen Informationen, um das eigene Verhalten der vorgefundenen Situation anzupassen. Dieser aktive Kampf ums Überleben wird ergänzt durch eine reaktive Anpassung an sich langfristig verändernde Bedingungen, mithin durch die Evolution der Arten. Die Gattung Homo entwickelte darüber hinaus die Fähigkeit, auch den längerfristigen Veränderungen in der Umwelt aktiv, durch die Weiterentwicklung ihrer Waffen und Werkzeuge, zu begegnen und die dabei gewonnenen Erfahrungen in der Gemeinschaft zu sammeln und weiterzugeben. Diese Fähigkeit machte die Gattung Mensch zu besonderen Tieren. Damit nicht genug, irgendwann begannen sie, die Umwelt selbst so zu verändern, dass sie aus ihr einen wachsenden Nutzen ziehen konnten. Mit dieser Fähigkeit schlugen die Menschen ein neues Kapitel im Buch der Naturgeschichte auf. Sie wurden zu „modernen“ Menschen.

Aus der Fähigkeit zur Veränderung der natürlichen Lebensbedingungen erwächst die Verantwortung, dies nur dergestalt zu tun, dass die Grundlagen des Überlebens langfristig erhalten bleiben. Solange die Menschen als Jäger und Sammler ihr Überleben in direkter Auseinandersetzung mit der Natur sichern mussten, war diese Verantwortung immanenter Bestandteil des Daseins. Das Sesshaftwerden der Menschen veränderte vieles. Nicht nur mit Ackerbau und Viehzucht, auch das Handwerk entwickelte sich. Die erzeugten Dinge wurden zu Waren, denen ein unterschiedlicher Wert zugemessen wurde. Der unterschiedliche Wert der Dinge schlug sich bald schon im Prestige ihrer Eigentümer nieder. Es entstand eine soziale Differenzierung, die sich mehr und mehr verfestigte. Der gemeinsame Kampf in und mit der Natur für das Überleben aller mutierte zu einem Kampf um die Verteilung der Güter. Dieser mit dem Sesshaftwerden verbundene grundlegende Wandel im Zusammenleben wird als Neolithische Revolution bezeichnet.

Mit der Neolithischen Revolution begannen Entwicklungen, die Schritt für Schritt zur Emanzipation der Menschen von den Launen der Natur führten. Ihre zunehmende Beherrschung ließ jedoch vielerorts das ursprüngliche Wissen über das Einseins mit ihr verkümmern. Das gilt vor allem für die Städter, die nicht mehr direkt mit der Erzeugung ihrer Lebensmittel befasst waren. Allerdings bildeten die Bauern noch lange Zeit die größte Gruppe in der Gesellschaft, was sich erst mit der Industrialisierung grundlegend änderte. Sie führte auch zur unangefochtenen Dominanz der Warenwirtschaft, die nun nicht nur die Beziehungen in der Gesellschaft sondern auch das Verhältnis der Menschen zur Natur beherrschte. Wiederum hatten sich also grundlegende Wandlungen im Zusammenleben der Menschen vollzogen. In der ersten Phase war diese Revolution mit einer Verelendung großer Teile der Gesellschaft und dem Raubbau an der Natur verbunden. Erst Schritt für Schritt, meist in Folge von Krisen und anderer Katastrophen, wurde deutlich, dass die Sorge um die Gemeinschaft wie auch um die natürlichen Lebensgrundlagen keine großherzige Tat, sondern Voraussetzung für das Überleben ist. Unter den Bedingungen der Warenwirtschaft kann das nur heißen, dass die in diesem Zusammenhang entstehenden Kosten vollumfänglich in die Produkte und Dienstleistungen einfließen müssten.

zuletzt geändert: 10.10.2019

1) Wikipedia, Stichwort Revolution

2) Wikipedia, Stichwort Evolution

Die Entfaltung geht weiter

Das Abenteuer, das da „Leben“ heißt, hatte nun bereits einige Meilensteine hinter sich gelassen. Eine große Vielfalt an Einzellern mit teilweise erstaunlichen Fähigkeiten war entstanden. Gemessen an dem, was an Entwicklung folgte, scheint das bis dahin erreichte trotzdem gering. Gemessen an der Zeit jedoch, die für diese Entwicklung erforderlich war, erscheint alles, was danach kam, eher als Zugabe. Was kam denn danach? Es folgte die große Zeit der Zellverbünde. Denn genau genommen, gibt es nur zwei Grundmuster des Lebens – Einzeller und Zellverbünde. Zellverbünde sind dadurch gekennzeichnet, dass sich mehrere Zellen zu einem Ganzen zusammenfinden. Die Art der Verbindung zwischen den Zellen ist in diesen Verbünden höchst unterschiedlich, man kann sie jedoch den drei grundlegenden Typen zuordnen.

Da ist die Fusion. Fusionen scheinen auf den ersten Blick für Zellverbünde von geringer Bedeutung zu sein. Dieser Schein trügt, denn sie haben ihr wohl bedeutenstes Existenz- und Entwicklungsproblem, die ausreichende Energieversorgung, offensichtlich durch Fusion gelöst. In der einen Variante (Flora) nahmen sie eine Cyanobakterie in die Zelle auf, um auf diese Weise die von ihr hervorgebrachte Photosynthese für die eigene Energiegewinnung zu nutzen. In der anderen Variante (Fauna) wurde eine der Bakterien in die Zelle integriert, die die Fähigkeit zur Aufnahme von Sauerstoff für die Verbrennung von Kohlenstoffverbindungen entwickelt hatten, um auf diese Weise die benötigte Energie zu erhalten. Mit anderen Worten, die Fusion von Zellen, speziell die Integration von Energieproduzenten in größere Zellen, schuf die Basis, von der aus sich das Leben entfaltete.

Dann ist da die Konglomeration. Sie kann man wohl als die Urform der Zellverbünde bezeichnen. Die Einzeller existierten eben nicht jeder für sich allein, sie bildeten von Anfang an Gruppen, das heißt mehr oder weniger lose Gemeinschaften. Diese Kolonien bestanden nicht nur aus gleichartigen Einzellern, sie duldeten auch andere in ihrer Mitte. Voraussetzung war, dass sie dem Verbund nicht schadeten, ja dass sie ihm vielleicht sogar auf die eine oder andere Weise nützlich waren. Auf dieser Basis konnte sich im Verbund eine Arbeitsteilung, das heißt, eine Spezialisierung der beteiligten Zellen auf bestimmte Aufgaben, entwickeln. Die daraus erwachsende Kooperation der Zellen schuf die Voraussetzung für die Herausbildung komplexer Lebewesen. Im Unterschied zu den einfachen Zellverbünden, in denen jede Zelle für sich existenzfähig bleibt, stellen komplexe Lebewesen ein einheitliches Ganzes dar, in dem die Zellen allein nicht mehr existenzfähig sind. Diese Organismen, die wir in Pflanzen und Tiere unterteilen, können als neue Qualität von Leben und damit auch als neue Qualität von Strukturen begriffen werden.

Das herausragende Merkmal der Pflanzen besteht darin, dass sie in der Lage sind, mit Hilfe des Sonnenlichts Stoffe zu synthetisieren, aus denen sie ihren Energiebedarf, das heißt den Energiebedarf aller am Verbund Pflanze beteiligten Zellen, decken. Beinahe alle Zellen der Pflanze sind in der einen oder anderen Weise an der Lösung dieser Aufgabe beteiligt. Im Laufe der Evolution wurden die Pflanzen größer. Die Großen waren nicht nur durch eine höhere Zahl von Zellen gekennzeichnet, auch die Vielfalt der Zellen, die sich aus ihrer Spezialisierung im Gesamtorganismus ergab, nahm zu. Die spezialisierten Zellen schlossen sich wiederum mit anderen zusammen, um gemeinsam bestimmte Aufgaben für den Gesamtorganismus wahrzunehmen. Man kann diese inneren Kooperationsverbünde als Organe ansehen, zu denen zum Beispiel Blätter, Blüten, Wurzeln und Triebe zählen. Die meisten dieser Organe müssen eine Vielzahl von Aufgaben übernehmen. In einem Blatt ist zum Beispiel nicht nur Chlorophyll für die Photosynthese vorzuhalten, auch Leitungen für die Wasserversorgung sowie Ventile für den Gasaustausch sind erforderlich. Darüber hinaus müssen die produzierten Zucker, aber auch deren Vorstufen und Folgeprodukte gespeichert beziehungsweise weitergeleitet werden. Außerdem braucht das Blatt eine Schutzschicht, eine Befestigung am Pflanzenkörper und anderes mehr. Es ist als Teil der Pflanze also selbst ein komplexes Ganzes.

Auf die gesamte Pflanze übertragen heißt das, sie besteht aus spezialisierten Zellverbünden, von denen jeder besondere Aufgaben für den Erhalt des Ganzen übernimmt. Damit dieses komplexe Zusammenwirken funktioniert, müssen die beteiligten Zellen und Organe irgendwie miteinander kommunizieren. Nehmen wir die Wasserversorgung eines Baumes als Beispiel. Die Zellen, die die Wasserleitungen bilden, durchziehen ihn von den Wurzeln bis zu den Blättern. Bei starker Sonneneinstrahlung kann die Pflanze die Photosynthese intensivieren, wodurch sich der Wasserbedarf in den Blättern erhöht. Durch die anspringende Photosynthese wird aber auch der Gasaustausch angekurbelt, so dass der Sog in den Wasserleitungen größer wird und mehr Wasser nach oben gepumpt werden kann. Ein sich selbst regulierendes System entsteht, bei dem die Reaktionskette nicht nur als Prozess physischer Veränderungen zu verstehen ist, sondern auch als ein Prozess, mit dem Informationen über Veränderungen in den äußeren Bedingungen innerhalb der Pflanze  transportiert werden.

Es könnte allerdings sein, dass der steigende Wasserbedarf nicht befriedigt werden kann, weil die Wurzeln des Baumes im Trockenen stehen. Die Wurzeln müssten dann veranlasst werden, sich stärker zu verzweigen oder tiefer ins Erdreich vorzustoßen, um zusätzliche Ressourcen zu erschließen. Dazu ist ein Signal erforderlich, das, vom Wassermangel in den Blättern ausgelöst, zu den Wurzeln transportiert wird, um dort eine im Erbgut angelegte Wachstumsreaktion in Gang zu setzen. Im Unterschied zu dem vorher betrachteten Regelsystem, das auf einer direkten Folge von Wirkung und Anpassung basierte, ist jetzt eine Distanz zwischen den Akteuren, zwischen dem in den Blättern registrierten Wassermangel und der notwendigen Reaktion der Wurzeln, zu überwinden. Dafür wird ein Mittler benötigt, der einerseits die Nachricht vom Wassermangel weiterträgt und der andererseits das Wachstum der Wurzeln anregen kann. Da unsere Welt aus Strukturen und Bewegungen besteht, kommen auch nur Strukturen oder Bewegungen, das heißt Moleküle oder Energie, als solche Mittler in Frage. Pflanzen nutzen vor allem die erste Variante, das heißt Stoffe, die eine spezielle Außenwirkung besitzen, mit der sie beim Adressaten die gewünschte Reaktion hervorrufen. Solcherart Botenstoffe haben sich im Laufe der Evolution immer wieder als zuverlässig erwiesen. Ihr Nachteil besteht darin, dass sich ihr Transport durch den Organismus relativ langsam vollzieht. Außerdem kann jeder Botenstoff nur für jeweils ein Signal eingesetzt werden, was die Flexibilität des Systems begrenzt. Für Pflanzen, die an Ort und Stelle verharren, sind diese Einschränkungen nicht weiter problematisch, für Tiere, die sich bewegen müssen, um ausreichend Nahrung zu finden, sind Schnelligkeit und Flexibilität jedoch meist überlebenswichtig.

Schneller als Botenstoffe lässt sich Energie transportieren, zumindest, wenn sie auf speziellen Bahnen durch den Organismus geleitet wird. Die Weitergabe und Verarbeitung von Informationen mittels elektrischer Impulse wurde zum Merkmal der Tiere. Man kann sie ebenfalls als Meilenstein in der Entwicklung des Lebens betrachten. Durch die Nutzung elektrischer Impulse waren die Botenstoffe jedoch nicht überflüssig geworden, sie wurden weiterhin für die Umsetzung einer Information in eine Reaktion benötigt. Es entwickelte sich ein zweistufiges System, einerseits aus Zellen bestehend, die die von den Sinnesorganen generierten elektrischen Impulse weiterleiten, und andererseits auf Botenstoffe setzend, die von den Empfängern dieser Impulse ausgeschüttet werden, um eine bestimmte Reaktion zu bewirken. Die Zellen, die auf die Weiterleitung elektrischer Impulse spezialisiert sind, nennen wir Nervenzellen. Sie besitzen die Fähigkeit, sich miteinander zu verknüpfen und neuronale Netze zu bilden.

Mit Hilfe der neuronalen Netze, die den ganzen Körper durchziehen, können Informationen schnell und planmäßig verteilt werden, wodurch ein komplexes Verhalten, an dem mehrere Organe oder Zellen beteiligt sind, möglich wird. Grundlage ist die direkte Verknüpfung von Sinneszellen mit neuronalen Netzen, die ihrerseits bestimmte Verhaltens- respektive Bewegungsmuster verkörpern. Diese Verknüpfungen, genauso wie die Strukturen der neuronalen Netze, werden mit dem Erbgut weitergegeben. Angefangen von den Quallen, über viele andere Meeresbewohner bis hin zu Krebsen und Insekten hat diese Art der direkten Umsetzung von Informationen in ein vorgeprägtes Verhalten unzähligen Arten das Überleben bis in unsere Tage hinein gesichert. Der wohl wichtigste Nachteil dieses insgesamt bewährten Systems besteht darin, dass zwar die kleinteiligen Bewegungsmuster flexibel den Gegebenheiten angepasst werden können, die grundlegenden Verhaltensweisen aber alternativlos bleiben. Eine Anpassung des Verhaltens an die Besonderheiten einer Situation ist nicht möglich.

Die Wirbeltiere erschlossen sich in dieser Hinsicht neue Möglichkeiten. Der Schlüssel ihres Erfolgs war die Konzentration der Informationsverarbeitung in einer kleinen Einheit, einem Gehirn. In diesen Gehirnen entwickelten sich abgegrenzte, auf bestimmte Aufgaben spezialisierte Bereiche. Das Stammhirn steuert die „internen“ Lebensprozesse, das heißt, es sorgt dafür, dass der Organismus störungsfrei funktioniert, vorausgesetzt Energieträger, Wasser und alle anderen lebenswichtigen Stoffe stehen ausreichend zur Verfügung. Ist dies nicht der Fall, dann wird dem Großhirn signalisiert, dass die Versorgung nunmehr oberste Priorität erlangen muss. Dazu muss sich das Tier in Bewegung setzen. Damit die Aktion erfolgreich sein kann, braucht die Bewegung ein Ziel, für dessen Bestimmung Informationen aus der Umwelt gesammelt und verarbeitet werden müssen. Darüber hinaus ist eine Entscheidung erforderlich, welches der entstandenen alternativen Verhaltensmuster eingesetzt werden soll. Das Großhirn wurde auf diese Weise zu einer Zentrale, in der nicht nur die verfügbaren Informationen zusammenlaufen, sondern in der auch Entscheidungen zu treffen waren.

Grundlage aller Entscheidungen sind Informationen. Sie wurden zu einem Gut, das für komplexe Organismen immer größere Bedeutung erlangte. Vor diesem Hintergrund eintickelten sich die Sensorzellen zu komplexen Organen weiter, die in der Lage waren, eine große Vielfalt an Informationen zu liefern. Die gewonnenen Informationen mussten allerdings auch verarbeitet, das heißt, bewertet und nach Prioritäten geordnet werden, bevor eine Entscheidung möglich war. Da sich die Lage permanent verändern konnte, war Schnelligkeit geboten, die wiederum nur zu erreichen war, wenn frühere Ereignisse als Erfahrungen in die Informationsverarbeitung einfließen konnten. Es ist kein Geheimnis, dass die Evolution auch diese Aufgabe meisterte. Durch die Vermehrung der im Gehirn konzentrierten Neuronen und deren vielfältige Verknüpfung entstand ein Speicher, ein Gedächtnis, in dem Erfahrungen vorgehalten werden konnten. Mit dieser Fähigkeit ausgestattet, konnte das Verhalten immer besser den sich verändernden Gegebenheiten angepasst werden.

Eine der wichtigsten von den Menschen hervorgebrachten Errungenschaften ist die Sprache, die zu ihrem bevorzugten Medium für die Verbreitung von Informationen wurde. Mit der Sprache ist es auch möglich, Gedächtnisinhalte, das heißt Erfahrungen und Wissen, gezielt aufzurufen. Außerdem lässt sie sich nutzen, um eigenständig Informationen zu generieren und weiterzugeben, das heißt, Entscheidungen anderer zu beeinflussen. Damit wurde dem Zusammenhang von Wirkung und Anpassung ein weiterer Aspekt hinzugefügt. Darüber hinaus ersannen die Menschen Werkzeuge, die ihnen neue Handlungsalternativen eröffneten. Später kamen Maschinen hinzu, die sie bei kräftezehrenden Arbeiten entlasteten und ihr Leben reicher an Gütern machten. Die Kehrseite dieser Entwicklung war, dass mit den Maschinen auch eine Entfremdung der Menschen von ihren natürlichen Lebensgrundlagen und von den das Überleben sichernden Gemeinschaften einsetzte. Der eigentliche Sinn von Tätigkeit, die Auseinandersetzung mit der Umwelt zur Erhaltung des eigenen Lebens und zur Sicherung des Überlebens der Gemeinschaft, war für den einzelnen kaum mehr als solcher erfahrbar. Maschinen wurden bald auch zur Speicherung von Informationen und zur Vernetzung von Informationsflüssen verwendet, so dass Wissen und Erfahrungen in einem bis dahin ungekannten Umfang allgemein verfügbar wurden. Aber auch dieser Prozess hatte eine Kehrseite, denn ein Teil des Wissens, das eigene Leben betreffend, eigneten sich andere an, um daraus persönlichen Vorteil zu ziehen. Die egoistischen Interessen einzelner durch Regeln mit den Interessen der Gemeinschaft in Einklang zu bringen, wurde immer mehr zur Herausforderung, wollte man das eigentliche Ziel, die wachsende Unabhängigkeit der Menschen von den in ihrer Lebensumwelt herrschenden Zwängen, nicht aus den Augen verlieren. Darüber hinaus wurde immer deutlicher, dass die erstrebte Unabhängigkeit von den Zwängen der Lebensumwelt einen Preis hatte, den Preis, Verantwortung für deren Erhalt übernehmen zu müssen.

zuletzt geändert: 11.09.2019

Gesetzmäßigkeiten

Bei der Diskussion von dialektischen Widersprüchen stößt man auf wiederkehrende Zusammenhänge, die offensichtlich allgemeingültig sind, weshalb man sie als Gesetzmäßigkeiten bezeichnen kann. Bei Gesetzmäßigkeiten in der Dialektik muss jedoch im Hinterkopf bleiben, dass es sich hier nicht um kausale Zusammenhänge nach dem Muster „wenn … dann…“ handelt. Gesetzmäßigkeiten in der Dialektik beschreiben vielmehr Spezifika im Wechselverhältnis der Seiten eines Gegensatzes. Sie sind genauso dialektisch zu begreifen, wie der Widerspruch selbst.

Dialektik von Teil und Ganzem

Die Kernaussage dieses Zusammenhangs wird gern in den Satz gekleidet, dass das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile. Das ist so wahr, wie es banal ist, denn die Beziehungen zwischen Teil und Ganzem sind unendlich vielfältiger als es dieser Satz ausdrückt. Einige Aspekte sollen kurz umrissen werden. Wir hatten schon mehrfach konstatiert, dass die Welt aus Strukturen besteht. Jede dieser Strukturen besteht aus Strukturelementen respektive Bausteinen. Außerdem sind diese Strukturen auch selbst Bausteine beziehungsweise Bestandteile von größeren, übergeordneten Strukturen. Alle Strukturen auf den verschiedenen Betrachtungsebenen haben bestimmte Eigenschaften, von ihnen gehen spezifische Wirkungen aus. Die Eigenart dieser Wirkungen hängt einerseits von der Anzahl und der Natur ihrer Bestandteile ab und andererseits davon, welcher Art die Verbindungen zwischen den Bestandteilen sind.

Sind die Teile zu einem Ganzen fusioniert, dann haben sie ihre eigenständige Wirkung zugunsten der Wirkung des Ganzen fast völlig aufgegeben. Das Teil ist im Ganzen kaum mehr erkennbar. So sind die Eigenarten der Quarks in der Wirkung der Protonen kaum mehr auszumachen. Auch die Mitochondrien in tierischen Zellen lassen nur noch vermuten, dass sie ein Überbleibsel aus der Einverleibung eigenständiger Einzeller sind. Ein Ganzes kann aber auch aus Teilen bestehen, die ihre Eigenständigkeit weitgehend erhalten haben und nur einen relativ losen Verbund bilden. Wasser ist ein derartiger Verbund. Er besteht aus Wassermolekülen, wobei viele andere Stoffe in diesen Verbund integriert sein können. Jeder dieser Stoffe behält seine Eigenart und trotzdem werden die Art und der Anteil der Beimengungen die Eigenschaften des Wassers als Ganzes beeinflussen. Wasser, indem eine größere Menge Salz gelöst ist, gefriert zum Beispiel bei tieferen Temperaturen als Wasser mit einem geringen Salzgehalt. Da die Bestandteile des Verbunds weitgehend eigenständig bleiben, ist es möglich, dieses Konglomerat wieder aufzulösen. Wasser kann man destillieren und so die Beimengungen entfernen. Bei der dritten Variante sind die Bestandteile zwar ebenfalls ihrem Wesen nach unterschiedlich, ja gegensätzlich, sie wirken jedoch im Verbund derart zusammen, dass eine gegenseitige Anpassung erzwungen wird, in deren Ergebnis ein Ganzes mit neuen Eigenschaften entsteht. Protonen und Elektronen bilden ein derartiges kooperatives Gefüge. Nur gemeinsam bilden sie das qualitativ neue Ganze, das Atom, sie wären jedoch auch allein existenzfähig.

Das durch seine Bestandteile und deren Verbindungen geprägte Ganze ist wiederum Teil einer übergeordneten Struktur. Nehmen wir zur Abwechslung ein etwas anders geartetes Beispiel, in dem Wasser trotzdem eine Rolle spielt. Es soll sich in einer Schale befinden, die in einem Wohnhaus platziert ist. Für das Wasser sind sowohl die Schale als auch das Haus übergeordnete Strukturen. Gar nicht zu reden davon, dass alle miteinander in einer Stadt auf dem Planeten Erde verortet sind, der Teil eines Sonnensystems ist, das zur Milchstraße gehört. Unser Wasser und die Art und Weise seiner Interaktion mit der Luft im Haus haben augenscheinlich nur einen sehr begrenzten Einfluss auf das Sein der übergeordneten Strukturen. Selbst, wenn das Wasser ausliefe, würde das Haus davon kaum Schaden nehmen. Falls allerdings ein Feuer ausbräche, würde nicht nur das Haus abbrennen, wahrscheinlich würde auch die Schale zerspringen, das Wasser würde auslaufen und verdunsten. Das Wasser wiederum hätte, wegen seiner geringen Menge, kaum Einfluss auf den Verlauf des Brandes. Anders wäre es vielleicht, wenn im Haus sehr viele Schalen mit Wasser stünden, gar nicht zu reden davon, dass die Feuerwehr von außen mit großen Mengen Wasser eingreifen könnte. Die Menge, mit denen die Teile im Ganzen vertreten sind, spielt offensichtlich beim Ablauf von Prozessen, die das Ganze betreffen, eine Rolle. Der Brand würde allerdings ganz anders verlaufen, wenn statt des Wassers Benzin oder eine andere explosive Flüssigkeit die Schalen füllte. Das heißt, die Eigenschaften des Stoffes, der Teil eines Ganzen ist, sind bei Prozessen, die in diesem Ganzen ablaufen, ebenfalls von Bedeutung. Das Wasser oder das Benzin sind aber nicht nur Teil der übergeordneten Struktur, also des Hauses, sie sind selbst ebenfalls ein Ganzes, das aus Molekülen besteht, die seine Eigenschaften bestimmen. Benzin ist ein Gemisch aus rund 150 verschiedenen Kohlenwasserstoffen, das darüber hinaus Beimengungen enthalten kann. Die konkrete Zusammensetzung des Benzins hat Auswirkungen auf seine Eigenschaften, darunter auch auf sein Verhalten im Falle eines Brandes. Natürlich können auch Prozesse in den übergeordneten Strukturen einen Einfluss auf unser Haus und auf die Schalen mit Wasser haben. Eine Erdbeben könnte zum Beispiel Verursacher des Brandes gewesen sein.

Wenn alles Teil eines Ganzen ist und selbst auch aus Teilen besteht, dann hängt alles irgendwie mit allem zusammen. Trifft das auch auf die kleinsten Teile und das größte Ganze zu? Das größte Ganze, das Universum, gehört, soweit wir wissen, zu keiner übergeordneten Struktur und die kleinsten Teile, die Energiepartikel oder Quanten, sind nicht aus noch kleineren Teilen zusammengesetzt. Sie bilden die Pole eines Gegensatzes. Auf der einen Seite bedingen sie sich, denn ohne Universum gäbe es keine Energiepartikel und ohne Energiepartikel kein Universum, auf der anderen Seite sind sie jedoch grundverschieden. Nach den Überzeugungen der Dialektik muss es trotzdem Aspekte geben, in denen sie identische Züge aufweisen. Die kleinsten Bausteine, die Energiepartikel, haben keine Struktur in Form noch kleinerer Bausteine. Sie sind durch die Art und Weise beziehungsweise die Form ihrer Bewegung wie auch durch die Intensität der Bewegungen bestimmt. Für die größte Struktur, das Universum, ist seine Expansion charakteristisch, die sich mit wachsender Geschwindigkeit vollzieht. Von den Himmelskörpern gehen jedoch Gravitationskräfte aus, die, da diese nicht gleichmäßig im Universum verteilt sind, nicht überall mit gleicher Stärke wirken. In Konsequenz dessen vollzieht sich auch die Expansion des Universums nicht überall mit gleicher Geschwindigkeit. Das heißt, die Ausdehnungsbewegung hat eine spezifische Form, die durch die Verteilung der sie behindernden Kräfte bestimmt ist. Form und Intensität der Bewegung sind demnach Merkmale, die sowohl die kleinsten Teile wie auch das größte Ganze charakterisieren. In diesem Aspekt sind sie identisch.

Quantität und Qualität

In der Dialektik von Teil und Ganzem spielte das Verhältnis von Quantität und Qualität bereits eine Rolle, denn die Qualität eines Ganzen hängt maßgeblich von der Menge und von den Eigenschaften der in ihm versammelten Teile ab. Beginnen wir unsere Betrachtung wieder mit dem quantitativen Aspekt. Die Bestandteile eines Atoms (Proton, Elektron, Neutron) sind in allen Atomen gleich. Das gilt ebenso für die Art der Beziehung, in der die Teile zueinander stehen. Das Proton stellt eine Fusion von Quarks dar, mehrere Protonen und Neutronen bilden das Konglomerat des Kerns, Elektronen und Protonen bilden ein kooperatives Gefüge. Trozdem weisen die Atome je nach der Anzahl der in ihnen versammelten Teile unterschiedliche physikalische und chemische Eigenschaften auf. Sie wirken unterschiedlich auf ihre Umwelt und sie sind in unterschiedlichem Maße für Wirkungen von außen empfänglich.

Atome, die wir nach der Zahl ihrer Protonen unterscheiden, bezeichnet man als Elemente. Von den Elementen wissen wir, dass sich deren Eigenschaften nicht fortlaufend mit der Menge der versammelten Protonen ändern, eher ist eine gewisse Periodiziät in ihren Eigenschaften zu erkennen. Auf der einen Seite ändern sich die Eigenschaften des Atoms mit jedem Proton, das hinzukommt, auf der anderen Seite scheinen ursprüngliche Eigenschaften bei einer bestimmten Quantität zusätzlicher Protonen wieder auf. Sie können in den Zwischenstufen also nicht „verschwunden“ gewesen sein, offensichtlich wurden sie aber von jeweils anderen Faktoren des Wirkungsgefüges dominiert. Die Abfolge der dominanten Faktoren ist durch die beobachtete Periodizität gekennzeichnet.

Die Qualität eines Ganzen hängt aber nicht nur von der Quantität seiner Teile ab, auch die Eigenschaften der Teile spielen eine Rolle. In einfachen Strukturen, wie den Atomen, sind die Teile immer gleich, weshalb deren Qualität kein Faktor der Diversifizierung sein kann. In größeren respektive komplexeren Strukturen können sich jedoch ganz unterschiedliche Teile zu einem Ganzen gefunden haben, so dass dessen konkrete Zusammensetzung seine Eigenschaften beeinflusst. Schon die Verbindungen der Atome können sehr unterschiedlich sein. Die Qualität des jeweiligen Moleküls hängt dabei sowohl von der Anzahl als auch von den Eigenschaften der beteiligten Atome ab. In noch komplexeren Strukturen, wie dem Wasser, in dem eine Vielzahl von Molekülen mit unterschiedlichen Eigenschaften vereint ist, spielt auch die Art und Weise, wie sich diese Teile verbinden, eine Rolle. Mit anderen Worten, die Komplexität einer Struktur hat Einfluss auf das in ihr herrschende Verhältnis von Quantität und Qualität. Der direkte Zusammenhang, den wir bei den Atomen und ihren Eigenschaften sehen, ist in komplexeren Strukturen durch die Vielzahl der wechselseitigen Einflüsse überlagert.

Schauen wir in diesem Zusammenhang noch einmal kurz auf die Entstehung des Lebens. Damit sich Zellen bilden konnten, musste eine größere Menge (Quantität) komplexer Moleküle, die sich durch besondere Eigenschaften (Qualität) auszeichneten, vorhanden sein. Die Erfüllung dieser Voraussetzung führt allerdings nicht zwangsläufig zur Entstehung von Leben. Weitere Bedingungen müssen in Ort und Zeit hinzukommen, um ein Bedingungsgefüge entstehen zu lassen, dass diese Entwicklung ermöglicht. Der ursprünglich direkte Zusammenhang von Quantität und Qualität wird in einem solchen Bedingungsgefüge relativiert oder, wenn man es philosophischer ausdrücken möchte, er wird in mehrfacher Hinsicht aufgehoben, das heißt, negiert, bewahrt und weiterentwickelt. In der Evolution des Lebens ist noch ein weiterer Aspekt des Verhältnises von Quantität und Qualität von Bedeutung. Die entstandenen Einzeller breiteten sich nämlich nach und nach in großer Artenvielfalt aus. Die von ihnen hervorgebrachte Quantität (viele Einzeller) hatte also einen mengenmäßigen (Anzahl) aber auch einen qualitativen Aspekt (Artenvielfalt). Ihre Vermehrung war darüber hinaus Voraussetzung dafür, dass sich neue Fähigkeiten, wie die eigenständige Bewegung oder die vielfältige Wahrnehmung der Außenwelt, entwickeln konnten. Diese Fähigkeiten trugen ihrerseits zur Diversifizierung der Arten bei. Gleichzeitig fanden sich Einzeller zu Verbünden zusammen, in denen sich eine Arbeitsteilung entwickelte. Diese Verbünde wurden zu Brutstätten mehrzelliger Wesen, die viele Errungenschaften der Einzeller übernahmen. Als Ganzes stellen sie aber etwas qualitativ Neues dar, das wir als Organismus bezeichnen. Mit anderen Worten, jede quantitative Entwicklung hat auch einen qualitativen Aspekt und jede qualitative weist quantitative Züge auf.

Führt jede zusätzliche Quantität zu einer neuen Qualität des Ganzen und kann diese Anhäufung unendlich fortgesetzt werden? Diese Frage führt zu einem weiteren Aspekt im Verhältnis von Quantität und Qualität, dem Maß. Entzieht man Wasser Energie, dann nimmt die Quantität der Bewegungen seiner Bestandteile ab. Abgesehen davon, dass das abgekühlte Wasser für den Badewilligen durchaus eine neue Qualität darstellen kann, die seine Ambitionen im Keim erstickt, bleibt die Struktur des Wassers durch diesen Eingriff doch weitgehend unverändert. Setzt man den Entzug von Energie fort, dann wird allerdings irgendwann ein Punkt (Maß) erreicht, an dem es sich in einer neuen Struktur organisiert. Wasser gefriert und wird zu Eis. Die Anhäufung oder, wie in unserem Beispiel, der Abzug von Quantitäten (Kontinuität) führt an einem bestimmten Punkt zu einer neuen Qualität (Diskontinuität). Ein neuerlicher Entzug von Energie wird keine weiteren Veränderungen der Struktur bewirken. Führt man dem Eis allerdings Energie zu, dann wird es wieder zu Wasser, das irgendwann, weitere Energiezufuhr vorausgesetzt, als Dampf entweicht. Mit anderen Worten, wird bei der Anhäufung oder dem Abzug von Quantitäten ein Maß erreicht, verändert sich die Qualität der betroffenen Struktur. Sie wird stabiler respektive unbeweglicher, wie beim Eis, oder sie wird zerstört, so dass die Teile als Dampf das Weite suchen. Andere Möglichkeiten gibt es nicht, wodurch auch dem Wechselverhältnis von Quantität und Qualität Grenzen gesetzt sind.

Zufall und Notwendigkeit

Nach dem Urknall bildeten sich Atome mit einem, zwei oder auch drei Protonen. In einigen Himmelskörpern entstanden darüber hinaus Bedingungen, die die Bildung von Atomen mit einer größeren Anzahl von Protonen ermöglichten. Der Feststellung, dass die Entstehung größerer Elemente unter bestimmten Bedingungen als gesetzmäßig betrachtet werden kann, wird vor diesem Hintergrund wahrscheinlich kaum jemand widersprechen. Die Behauptung, dass die Entstehung des Lebens, so wie wir es kennen, bei entsprechenden Bedingungen ebenfalls als gesetzmäßig anzusehen ist, würde dagegen wohl nicht unwidersprochen bleiben. Einmal abgesehen davon, dass wir noch nicht alle Schritte auf dem Weg zur Entstehung des Lebens ausreichend erklären können, ist jedoch bereits erkennbar, dass eine Vielzahl von Faktoren an diesem Prozess beteiligt war. Jeder einzelne Schritt, jeder einzelne Zusammenhang wird wahrscheinlich irgendwann auf konkrete Faktoren, auf Wirkungen aus der Umwelt oder Prozesse im Innern der Strukturen, zurückgeführt werden können. Gleichzeitig wird man zeigen, wie die einzelnen Schritte auf vorangegangene Entwicklungen aufbauten. Je mehr solcher Schritte und die sie bewirkenden Faktoren herausgearbeitet werden, umso mehr verlieren sich jedoch die erkannten kausalen Zusammenhänge in einem Meer von Einflussfaktoren. Das heißt, jeder einzelne Schritt basiert auf Wirkung und Anpassung, mithin auf Notwendigkeit, müssen jedoch viele Wirkungen und Wirkungsketten in konkreten Räumen und in spezifischen Zeitabfolgen zusammenkommen, um ein bestimmtes Ergebnis zu ermöglichen, dann geht die kausale Determiniertheit im Zufall, dass tatsächlich alle diese Faktoren in Raum und Zeit zusammentreffen, unter.

Wichtig ist zu verstehen, dass man die wirklichen Zusammenhänge nicht in Zufälle und Notwendigkeiten unterteilen kann. Die Realität liegt in der Bandbreite dazwischen. Zusammenhänge, die sich mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit realisieren, sind ebenso unwirklich, wie Zusammenhänge die eine nullprozentige Chance auf Realisierung haben. Letztere wären schon per Definition keine Zusammenhänge, erstere würden voraussetzen, dass sie selbst außerhalb aller Einflüsse von Dritten, also von übergeordneten Strukturen oder von eigenen Bausteinen, existierten. Die Aufgabe kann also nicht darin bestehen, zwischen Zufall und Notwendigkeit zu unterscheiden, sondern nur darin, die Wahrscheinlichkeit, mit der sich ein beschriebener Zusammenhang realisiert, möglichst genau zu bestimmen.

Hat die unterschiedliche Wahrscheinlichkeit, mit der sich Zusammenhänge realisieren, Bedeutung für unser Leben? Zusammenhänge, die eine hohe Wahrscheinlichkeit der Realisierung haben, lassen sich zielgerichtet beeinflussen und damit nutzen. Im Prinzip basiert alles, was wir als Produktion bezeichnen, auf derartigen Zusammenhängen.  Allerdings können auch hier viele Faktoren Einfluss haben, so dass die Aufgabe darin bestehen muss, solcherart Störungen zu minimieren. Damit sind womöglich hohe Aufwendungen verbunden, die wiederum die Einsatzmöglichkeiten des Produkts beschränken. Letztlich muss es also darum gehen, die Anforderungen an das Produkt und die Aufwendungen für seine Herstellung in Einklang zu bringen, was darauf hinausläuft, einerseits die Effektivität der Produktion zu steigern und andererseits die Anforderungen an das Produkt auf eine unerlässliche Größe zu begrenzen. Diese Grenze kann sehr unterschiedlich bemessen sein. Erzeugnisse, die in Reinsträumen hergestellt werden, verlangen von vornherein einen großen Aufwand, da geringste Verschmutzungen das Produkt unbrauchbar machen. Trotzdem gilt auch für Reinsträume, dass man, da eine absolute Reinheit nicht herstellbar ist, einen Weg finden muss, der die Verunreinigungen bei vertretbarem Aufwand in einer tolerierbaren Größe hält. In der Landwirtschaft sehen wir die andere Seite des Problems. Dort sind trotz des Einsatzes modernster Technik immer wieder erhebliche Ertragsschwankungen zu verkraften, nicht zuletzt, weil die Vielzahl der wirkenden Faktoren einer gezielten Einflussnahme Grenzen setzt. Mit anderen Worten, je mehr Faktoren einen Prozess beeinflussen, desto schwieriger ist es, diesen planvoll zu gestalten, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, ein vorherbestimmtes Resultat zu erzielen.

Negation der Negation

Die Negation der Negation beschreibt einen weiteren Aspekt der Bewegung von Widersprüchen im Spannungsfeld von Teil und Ganzem, von Quantität und Qualität, von Zufall und Notwendigkeit. Sie spielt übrigens auch in der Mathematik eine Rolle, denn diese lehrt, plus mal minus ist minus, mal minus ist plus. Die Negation eines bestimmten Pluswerts ergibt dessen Minuswert, wird dieser Minuswert negiert, erscheint der Pluswert wieder auf. Die quantitativen Größen bleiben bei diesen Operationen erhalten, sie erfahren jedoch eine jeweils andere, eine gegensätzliche Bewertung. Durch die Negation der Negation wird die ursprüngliche Bewertung wiederhergestellt. Da sich die Mathematik mit der quantitativen Seite von Zusammenhängen beschäftigt, ist diese Sicht völlig ausreichend. Schaut man auf die qualitative Seite des Zusammenhangs, werden jedoch weitere Aspekte deutlich. Nehmen wir noch einmal das Wasser. Wird einer Wasserpfütze Energie in Form von Sonnenlicht zugeführt, verstärkt sich die Bewegung der sie bildenden Moleküle. Irgendwann werden sie als Wasserdampf, mithin als Gas, entweichen. Der flüssige Zustand wird negiert. Steigt der Wasserdampf in höhere Schichten der Athmosphäre auf, wird den Wassermolekülen, da es dort kalt ist, Energie entzogen. Es bilden sich Wolken, bis es dann regnet und neue Pfützen entstehen. Negation der Negation. Ist eine dieser neuen Pfützen mit der alten identisch? Offensichtlich nicht. Weder die Menge der Wassermoleküle noch die Beimengungen anderer Molekülarten in dieser konkreten Pfütze entsprechen dem Vorgänger. Das heißt, die Negation der Negation stellt zwar den ursprünglichen Zustand wieder her, die dabei entstehenden Strukturen sind jedoch nicht mit den Ausgangsstrukturen identisch, sie haben im Verlauf der Wandlungsprozesse Veränderungen erfahren.

Ein Gegensatz besteht aus zwei sich ausschließenden Seiten, die sich gleichzeitig gegenseitig beeinflussen. In unserem Beispiel ging es um den Gegensatz von Struktur (Eis, Wasser, Dampf) und Bewegung (Energie). Wird dem Wasser Energie entzogen geht seine Struktur in ein relativ starres Kristallgitter über. Im Verhältnis von Struktur und Bewegung ist nun die Struktur dominant. Der Wasserdampf weist hingegen kaum eine erkennbare Struktur auf, die Bewegungen seiner Teile bestimmen sein Wesen. So gesehen, ist der Dampf die vollständige Negation des Eises. Zwischen den Polen liegt jedoch eine große Vielfalt von Erscheinungen, denn die Übergänge sind im wahrsten Sinne des Wortes fließend. Will man einen Zusammenhang richtig erfassen, muss man also sowohl die Pole und deren Ausschließlichkeit als auch die Vielfalt der Übergänge untersuchen.

Bei der Betrachtung des Wechselverhältnisses von Quantität und Qualität hatten wir festgestellt, dass auch die Komplexität des untersuchten Gegensatzes eine Rolle spielt. Das gilt auch in Bezug auf die Negation der Negation. Wenn in der Mathematik „+ 6“ meinen kann, dass sechs Schwerter vorhanden sind oder hinzukommen, dann drückt „-6“ aus, dass sechs Schwerter fehlen oder weggenommen werden. Es gilt entweder das eine oder das andere. Zwischenschritte im Sinne eines Veränderungsprozesses sind nicht vorgesehen. Anders sah es aus, als wir das Verhältnis von Struktur und Bewegung bei den unterschiedlichen Aggregatzuständen des Wassers betrachteten. Dort war die Menge der zugeführten oder abgezogenen Energie ausschlaggebend für den jeweiligen Zustand, so dass die Negation zu einem Prozess mit Übergängen wurde. Dieser Prozess wird beim Wasser von relativ wenigen Faktoren beeinflusst, so dass die Vielfalt der Übergänge überschaubar bleibt. In den meisten Fällen reicht die Messung der Temperatur aus, um zu erfahren, ob sich der Zustand des Wassers eher der stabilen Struktur des Eises oder dem des chaotischen Dampfs zuneigt.

Je mehr Teile zu einem Ganzen gehören, je differenzierter und komplexer dieses Ganze sowohl hinsichtlich seiner Bestandteile als auch hinsichtlich der in ihm vorhandenen Verbindungen wird, desto vielgestaltiger werden auch die Zusammenhänge in diesem Ganzen. Das hat zur Folge, dass in so komplexen Erscheinungenden wie den menschlichen Gesellschaften kausale Zusammenhänge in einem Meer von Faktoren untergehen können und Notwendigkeiten zu Wahrscheinlichkeiten werden. Vorhersagen, wann ein Maß erreicht wird, an dem ein qualitativer Umbruch in der Entwicklung der Gesellschaft erfolgt, werden unter diesen Voraussetzungen nahezu unmöglich. Die Vielzahl der wirkenden Faktoren lässt den Zeitpunkt eines Umschwungs, trotz seiner vielleicht schon erkennbaren Notwendigkeit, zufällig werden. Selbst in der Rückschau ist der genaue Punkt qualitativer Veränderungen oft nur schwer zu bestimmen, da mit der Negation die vorangegangene Entwicklung nicht ausgelöscht wird, sondern sich lediglich das Primat der weiteren Entwicklung ändert. Das heißt, die Errungenschaften der vorangegangenen Periode werden nicht „abgeschafft“, sondern unter anderem Vorzeichen weiterentwickelt. Ebenso stellt die Negation der Negation nicht den Urzustand wieder her, vielmehr wird sie eine neue Qualität der Entwicklung unter wiederum veränderten Vorzeichen einleiten.

zuletzt geändert: 03.12.2019

Wie alles begann

Bisher haben wir Widersprüche als Momentaufnahme betrachtet beziehungsweise untersucht. Ein Widerspruch wird jedoch sowohl von inneren Wechselwirkungen als auch durch äußere Faktoren beeinflusst, so dass er Veränderungen beziehungsweise einer Entwicklung unterliegt. In diesem Zusammenhang wird gern von „Entfaltung“ des Widerspruchs gesprochen, wohl, weil sich der Begriff „Entwicklung“ durch vielfältigen Gebrauch vom eigentlichen Wortsinn des „Auswickelns“ entfernt hat. Der Ausdruck „Entfaltung“ besitzt noch eine gewisse Anschaulichkeit, man kann ihn zum Beispiel mit dem Aufblühen einer Blume in Verbindung bringen. Dieser Prozess startet mit der Knospe, also einem Sproß der Pflanze. Die Knospe enthält bereits alles, was die Blüte einmal ausmachen wird, trotzdem lässt sie deren spätere Pracht kaum erahnen. Erst mit ihrer Entfaltung zur Blüte wird sie diese offenbaren. Im Punkt größter Entfaltung schwingt jedoch bereits das Ende mit. Der Zerfall dieses Sprosses kündigt sich an. Vielleicht ist ja ein Same gezeugt worden, aus dem eine Pflanze keimt, die neue Blüten hervorbringt. Dieser oder ein ähnlicher Vergleich kann den Prozess, um den es geht, veranschaulichen, er kann die Abstraktion aber nicht ersetzen, da ein Beispiel immer Besonderheiten beinhaltet, die nicht allgemeingültig sind. Doch nun weg von blumigen Vergleichen hin zur abstrakten Pracht eines grundlegenden Widerspruchs.

Der Grundwiderspruch allen Seins ist, nach meiner Überzeugung, der Gegensatz von Struktur und Bewegung. Die erste Frage, die sich in Bezug auf die Entfaltung dieses Widerspruchs stellt, ist die nach seinem Ursprung. Ausgangspunkt allen Seins, so wie wir es kennen, war der Urknall, mit dem ein in kaum vorstellbarer Weise komprimierter Masseklumpen auseinandergesprengt wurde und sich dabei in Energie verwandelte. Unmengen von Energiepartikeln wirbelten in chaotischer Weise durcheinander, wobei sie ständig miteinander kollidierten. Solche Zusammenstöße führten meist dazu, dass die Partikel voneinanderweg geschleudert wurden, einige blieben aber auch aneinander kleben. Im allgemeinen Chaos mit seinen nicht enden wollenden Kollisionen konnten solche Verbindungen allerdings nicht lange bestehen. Mit dem Urknall war jedoch nicht nur der Masseklumpen gesprengt worden, es wurde auch ein Expansionsimpuls gesetzt, durch den sich der Raum permanent vergrößerte. Die Energiepartikel bekamen mehr Platz für ihre Bewegungen, was die Zahl der Kollisionen verringerte. Einmal entstandene Verbindungen konnten nun länger überdauern. Mit den Verbindungen reduzierte sich wiederum die Zahl der chaotischen Energiepartikel, was seinerseits zur Stabilierung der Situation beitrug. Nun konnten auch größere Strukturen entstehen und sich behaupten. Unzählige Atome, meist aus ein oder zwei Protonen, Elektronen und Neutronen bestehend, bildeten sich. Die Atome waren jedoch nicht gleichmäßig im Raum verteilt. Dort, wo sie sich häuften, entstand eine eigene Dynamik, entstanden Kräfte, die zur Formung weitaus größerer Gebilde führten. Galaxien, Sterne und andere Himmelskörper entstanden. Auf einigen dieser Himmelskörper bildeten sich Bedingungen heraus, die Verbindungen zwischen den Atomen und Molekülen begünstigten, so dass dort eine große stoffliche Vielfalt entstehen konnte.

Die Vielfalt der Stoffe war schon durch die unterschiedlichen Bausteine, die sich da vereinten, bedingt, darüber hinaus bildeten sich unterschiedlich geartete Verbindungen zwischen den Bausteinen heraus. Die Frage, ob sich die Bausteine dieser Welt auf einige Grundbausteine zurückführen lassen, haben wir bereits an anderer Stelle untersucht. Es bleibt die Frage, ob sich auch die Vielfalt der Verbindungen zwischen ihnen in einige grundlegende Typen zusammenfassen lässt. Diese Typen sollten bereits in den Grundstrukturen der Materie angelegt sein.

Beginnen wir mit den Protonen, den ersten stabilen Verbindungen überhaupt, ohne deren strukturbildende Kraft kein Atom je entstanden wäre. Protonen bestehen aus drei Quarks, die eine unlösliche Verbindung eingegangen sind, bei der sie ihre Eigenschaften zugunsten des Ganzen weitgehend aufgegeben haben. Sie sind fusioniert. Das heißt, die unterschiedliche Wirkung, die von jedem einzelnen Quark ausgehen würde, ist fast vollständig in der ganzheitlichen Wirkung des Protons aufgegangen. In einem Atom sind meist mehrere Protonen vereint, die gemeinsam mit mehreren Neutronen den Atomkern bilden. Diese Protonen und Neutronen fusionieren nicht, weder miteinander noch untereinander, sie bleiben als eigenständige Strukturbestandteile im Kern erhalten. Immerhin ergänzen sich ihre Wirkungen auf Dritte, so dass der Kern als Ganzes mit speziellen Eigenschaften in Erscheinung tritt. Mir fehlt ein Begriff für diese Art der Verbindung von mehreren sich ergänzenden Bestandteilen. Vielleicht könnte man sagen, sie bilden ein Konglomerat, sie konglomerieren. Das Atom besteht aber nicht nur aus dem Kern. Zum Atom gehören auch Elektronen, die das dynamische Moment der Struktur ausmachen. Zusammen mit den Protonen schaffen sie ein energetisches Gleichgewicht, das sowohl Stabilität als auch Veränderung gewährleistet. Weder Proton noch Elektron geben jedoch ihre spezifischen Merkmale auf. Das Proton hält mit seiner Sogwirkung das Elektron in seinem Bann, während das Elektron mit der von seiner Bewegung ausgehenden Dynamik dem Ganzen Flexibilität verleiht. Das heißt, die beiden Strukturelemente wirken nicht dadurch zusammen, dass sie sich als ähnliche Bausteine ergänzen, sondern dadurch, dass sie mit alternierenden Eigenschaften ein neuartiges Ganzes hervorbringen. Man könnte vielleicht sagen, die Teile kooperieren und verleihen auf diese Weise dem Ganzen eine spezifische Außenwirkung. Zu Fusion und Konglomeration kommt die Kooperation als dritte Variante hinzu.

Doch zurück zum Makrokosmos. Es war ein Universum mit unüberschaubar vielen Objekten entstanden. Auf einigen von ihnen hatte sich ein ebenso unüberschaubarer Kosmos von Elementen und deren Verbindungen gebildet. Damit war die Strukturierung des Universums im wesentlichen vollendet. Da sich kein Massemittelpunkt gebildet hatte, der das Universum zusammenhielt, dehnte und dehnt es sich jedoch immer weiter aus. Der Preis dieser Ausdehnung war und ist die Auflösung von Strukturen. So gesehen, hatte die Strukturierung des Universums bereits kurz nach seiner Entstehung ihren Höhepunkt erreicht. Von nun an ging´s bergab, allerdings nur in quantitativer Hinsicht, denn in einigen Gegenden des Weltalls waren Bedingungen entstanden, die die Bildung von Strukturen mit völlig neuen Eigenschaften ermöglichten. Zu diesen Gegenden zählt unser Sonnensystem und hier speziell die Erde.

Für die Entwicklung auf Erden erlangten einige große Moleküle besondere Bedeutung. Ihre Spezifik bestand darin, dass sie nicht nur als Ganzes eine Außenwirkung besaßen, sondern dass auch ihre Teile auf die Außenwelt wirkten, und dies recht unterschiedlich. In einigen Fällen mögen diese unterschiedlichen Wirkungen einander behindert haben, dann war diesen Molekülen wahrscheinlich kein langes Dasein beschieden. Andere zeichneten sich dadurch aus, dass sich die Wirkungen ihrer Teile ergänzten und dem Ganzen auf diese Weise zu größerer Widerstandskraft verhalfen. War das Molekül zum Beispiel in der Lage, Schäden, die aus äußeren Einwirkungen resultierten, zu reparieren, dann besaß es einen existenzsichernden Vorteil. Nukleinsäuren haben diese Fähigkeit. Von den Basen, den Hauptbestandteilen der Nukleinsäuren, gehen Wirkungen aus, die sie immer wieder zueinander hinziehen, die zur Basenpaarung führen. Wird nun eine Base durch äußere Faktoren aus dem Molekülverbund herausgesprengt oder zerstört, dann hilft diese Fähigkeit dem Molekül, sich wieder zu vervollständigen.

Die Wirkungen, die von einzelnen Abschnitten des Moleküls ausgehen, können aber auch Schäden am eigenen Molekülverbund verursachen. Die Ribonukleinsäure (RNA) entfaltet eine derartige selbstzerstörende Wirkung. Was unter anderen Umständen einem Desaster gleichgekommen wäre, entpuppte sich im Zusammenwirken mit der Basenpaarung als furioses Kombinationsspiel. Die durch „interne“ Wirkungen getrennten Teile wurden nämlich mit Hilfe der Basenpaarung wieder komplettiert, so dass zwei baugleiche Moleküle entstanden. Das Molekül hatte sich vermehrt. Die aggressiven Umweltbedingungen ließen jedoch eine dauerhafte Existenz dieser großartigen Moleküle nicht zu. Wollten sie sich behaupten, brauchten sie einen Schutz, eine Hülle, mit der sie sich nach außen abschirmen konnten, die aber trotzdem den Austausch mit der Außenwelt erlaubte. Irgendwann fanden sich Stoffe, die eine solche Hülle hervorbrachten. Zusammen mit dem vermehrungsfähigen Molekül bildete diese Hülle nun ein neuartiges Ganzes, das sich durch den erreichten Grad der Unabhängigkeit von äußeren Zwängen abhob. Wir bezeichnen dieses neuartige Ganze in Form von relativ eigenständigen Zellen als „Leben“.

Die Zellen brachten immer neue Fähigkeiten hervor, so dass mit der Zeit eine Vielfalt einzelliger Lebewesen entstand. Bis sich aus den ersten einzelligen Lebewesen komplexe Organismen entwickelten, war es jedoch noch ein weiter Weg. Erst einmal mussten einige existenzielle Probleme gelöst werden. So hing die Vermehrung der Zellen davon ab, dass sowohl Energie als auch Baustoffe in ausreichender Menge und in der erforderlichen Spezifikation zur Verfügung standen. Letzteres war bei den Eiweißen schon durch die Vielfalt, in der sie vorkamen, eher selten der Fall. Die Bausteine der Eiweiße, die Basen, waren wiederum in großer Zahl in der Umwelt vorhanden. Die Lösung des Problems konnte also nur darin bestehen, dass die Zelle die speziellen, für sie notwendigen Eiweiße, selbst aus den Basen synthetisierte. Es zeigte sich jedoch, dass die RNA mit der Synthese komplexer Eiweiße überfordert war. Sie konnte immerhin die Bildung einfacherer Eiweiße mit spezifischen Außenwirkungen herbeiführen. Diese Eiweiße mussten dann „nur noch“ derart kombiniert werden, dass in der Summe ihrer Wirkungen die erforderlichen komplexen Verbindungen entstanden. Irgendwann war auch dies vollbracht. Wieviel „Zufall“ in diesem Erfolg steckt, lässt sich nur schwer ermessen, jedenfalls verstrichen kaum vorstellbar lange Zeiträume, bis dieser Schritt gelang. Die Besonderheit bestand darin, dass sich mehrere aufeinander aufbauende Prozesse aneinanderreihen mussten, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Die im Zwischenschritt synthetisierten einfacheren Eiweiße wirken dabei wie Werkzeuge, die die abschließende Synthese unerlässlich sind. Sie sind gleichzeitig Boten der RNA, da sie Informationen zum Aufbau der Zelle weitertragen.

Mit dieser grandiosen Innovation hätte einer beschleunigten Vermehrung eigentlich nichts mehr im Wege stehen sollen, wäre da nicht das noch immer nicht ausreichend gelöste Versorgungsproblem gewesen. Die Zelle war ja nach wie vor von den örtlichen Gegebenheiten abhängig, davon, dass dort, wo sie sich gerade befand, die erforderlichen Baustoffe und Energiequellen vorhanden waren. Gingen diese zur Neige, war Schluss mit lustig. Die Zerstörung der bereits existierenden Zellen war dann nur eine Frage der Zeit. Vielleicht half ihr ein Windstoß, eine Welle oder ein anderer Zufall, der sie davontraug, so dass sie an anderer Stelle fündig werden konnte. Diese Abhängigkeit von Zufällen verhinderte jedoch eine dauerhafte Vermehrung. Die Zelle musste irgendwie in die Lage kommen, eigenständig neue Lebensräume zu erreichen, sich aus eigener Kraft fortzubewegen, wollte sie diese Abhängigkeit überwinden. Einige Zellen bildeten Ausstülpungen ihrer Hülle, mit denen sie selbst kleine Wellen erzeugten, auf denen sie davonschwebten. Das konnte die Lösung sein. Für die Erzeugung von derartigen Wellen braucht man jedoch Energie, die im Bedarfsfall sofort verfügbar, das heißt, in der Zelle gespeichert sein musste. Nun kann man Energie nicht speichern, sie ist ein flüchtiges Moment. Genauer gesagt, freie Energie kann nicht gespeichert werden, Energie, die in Strukturen gebunden ist, schon. Die Zelle musste also energieträchtige Strukturen von außen aufnehmen oder solcherart Stoffe selbst produzieren, und sie musste in die Lage kommen, die gespeicherten Energieträger bei Bedarf aufzuspalten, das heißt, die in ihnen gebundene Energie freizusetzen.

Schließlich wurden auch diese Probleme gelöst. Die Zelle verfügte nun über Energie, die sie in Bewegung umsetzen konnte. Es blieb die Frage, wie man den Zeitpunkt bestimmen sollte, an dem der Einsatz dieses raren Gutes sinnvoll wäre? Die Hülle der Einzeller hatte die Fähigkeit entwickelt, nur die Stoffe, die im Innern benötigt wurden, hineinzulassen. Für die Entscheidung, ob Energie für einen Ortswechsel eingesetzt werden sollte, musste dieses Schleusenprinzip mit einem Informationsprozess verbunden werden. Die Zelle musste erkennen, ob in ihrer Umgebung Nahrung vorhanden war oder nicht, und diese Information in ihrem Verhalten umsetzen. Sofern die Zelle feststellte, dass in der unmittelbaren Umgebung Nahrung vorhanden war, konnte sie an Ort und Stelle verharren und diese Nahrung aufnehmen. Besagte die Information jedoch, dass Nahrung knapp würde, dann galt es, Energiereserven zu mobilisieren und sich einen anderen Platz mit neuen Chancen zu suchen. Die daraus hervorgegangene Fähigkeit, Informationen aus der Umwelt aufzunehmen und in alternative Handlungen umzusetzen, erwies sich als bahnbrechend. Sie wurde zum Meilenstein auf dem Weg in eine größer werdende Unabhängigkeit von den Zwängen dieser Welt.

zuletzt geändert: 11.09.2019

 

 

 

 

 

Dialektik und Mathematik

Die Mathematik könnte man als eine übergeordnete Wissenschaft bezeichnen, finden doch ihre Erkenntnisse in beinahe allen Wissensbereichen Anwendung. Vielen gilt es sogar als Ritterschlag, wenn sich Ergebnisse ihrer Forschungen in mathematische Gleichungen oder Modelle fassen lassen. Wieso hat die Mathematik eine derart exponierte Stellung? Gegenstand der Mathematik sind vor allem quantitative Zusammenhänge, die unabhängig von konkreten Bezügen erforscht werden. Zur Darstellung der erkannten Zusammenhänge nutzt die Mathematik ein von ihr geschaffenes System aus Zahlen und Symbolen. Diese hohe Abstraktionsstufe der Untersuchungen ermöglicht es, dass ihre Erkenntnisse in viele praktische und wissenschaftliche Erklärungen einfließen können. Obwohl der große Vorzug der Mathematik ihre hohe Abstraktionsstufe ist, kann man ihre Entwicklung nicht verstehen, wenn man sie nicht als Antwort auf konkrete Erfordernisse des Lebens begreift. Ihre Anfänge reichen in die Frühzeit menschlicher Gesellschaften zurück, als die Augabe stand, die Mengen zählbarer Dinge zu bestimmen und zu vergleichen. Die ersten „Mathematiker“ gaben den Menschen Methoden zur Erfassung entsprechender Zusammenhänge an die Hand. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn wahrscheinlich waren die Finger die ersten von ihnen verwendeten Rechenhilfen.

Ich habe mich oft gefragt, warum unser Zahlensystem auf der Zahl Zehn aufbaut, obwohl es in der uns umgebenden Natur keinen erkennbaren Grund dafür gibt. Das Jahr, das mit dem Wechsel der Jahreszeiten den Lebenszyklus der Menschen maßgeblich bestimmt, gliedert sich in zwölf Monate oder Mondzyklen. Es wäre naheliegend, wenn das System der Zahlen dies wiederspiegeln würde. Ein solches auf der Zwölf basierendes System hat es tatsächlich lange Zeit gegeben. Nicht nur die zwölf Monate, auch die zweimal zwölf Stunden des Tages sowie die Untergliederung der Stunden beziehungsweise Minuten in jeweils 60 kleinere Einheiten sind noch heute Zeugnisse dieses Herangehens. Dieses auf der Zwölf fußende System fand aber nicht nur in Bezug auf Zeitangaben Anwendung, auch beim Zählen im alltäglichen Leben wurde mit Dutzend, Schock, Gros und Maß hantiert. Diese Größen waren fest in der Vorstellungswelt der Menschen verankert. Zum Zählen musste man jedoch die Finger zur Hilfe nehmen, und die sind nur zehn. So gesehen, ist es wiederum nicht verwunderlich, dass sich irgendwann ein Dezimalsystem durchsetzte.

Die Mathematik ist also nicht losgelöst von der Wirklichkeit entstanden. Sie entwickelte sich vielmehr im Kontext mit den Menschen und den Aufgaben, die sie sich stellten. Dabei fand sich nicht für jede Aufgabe gleich eine Lösung, mancher Ansatz mag sich später auch als falsch erwiesen haben, denn die Mathematik ist, wie jede andere Wissenschaft, auf der Suche nach einer adäquaten Widerspiegelung der in der Natur gegebenen Zusammenhänge. Das wird heute zum Beispiel bei mathematischen Modellen deutlich, die komplexe Zusammenhäne in Natur und Gesellschaft erfassen wollen. Sie können sich nur schrittweise der Wirklichkeit annähern, denn genauso, wie man jede Bestimmung konkreter Objekte auf einige Parameter in einem definierten Zeitfenster fokussieren muss, um zu einem Ergebnis zu gelangen, genauso muss jedes mathematische Modell von einem Teil möglicher Wechselwirkungen abstrahieren, um für ein gegebenes Problem eine Lösung präsentieren zu können. Die Komplexität der Welt, in der alles mit allem zusammenhängt und in der sich alle Faktoren ständig verändern, kann auch die Mathematik nur ausschnitthaft erfassen. Das hat immerhin den Vorteil, dass für jede kommende Generation Aufgaben zur Weiterentwicklung der Modelle verbleiben.

Die Mathematik ist also eine Methode, um die Wirklichkeit zu erfassen, ihre Zusammenhänge zu begreifen. Das hat sie sowohl mit der Dialektik als auch mit der Logik gemein. Nur, was ist eine Methode des Denkens eigentlich? Man kann sie vielleicht mit einem Algorithmus vergleichen, anhand dessen ein Computer in der Lage ist, Aufgaben zu lösen. Eine Methode des Denkens wäre demnach ein Algorithmus für das menschliche Gehirn, mit dem es arbeiten kann, mit dem es die Wirklichkeit analysiert und Zusammenhänge herstellt. Das Gehirn arbeitet aber nicht nur den Algorithmus ab, es ist auch lernfähig, das heißt, es ist in der Lage, seine Algorithmen, also seine Methoden selbst fortzuschreiben. Vielleicht trifft das nicht auf jeden Menschen gleichermaßen zu, aber doch im Prinzip. Worin besteht nun der Unterschied zwischen den verschiedenen Methoden des Denkens? Die Mathematik erfasst mit ihren Algorithmen quantitative Zusammenhänge, weitgehend unabhängig von den konkreten Eigenschaften der Dinge und Erscheinungen. Logik und Dialektik begründen dagegen Regeln des Denkens, die unabhängig davon sind, ob es sich um quantitative oder qualitative Aspekte der Wirklichkeit handelt. Die Logik fokussiert sich dabei auf kausale Zusammenhänge nach dem Muster „wenn … dann“, während die Dialektik die Wechselwirkungen der Dinge und Erscheinungen sowie deren Dynamik ergründen will. So gesehen, sind die Logik wie auch die Dialektik „übergeordnete“ Methoden des Denkens, die für alle Wissensgebiete Gültigkeit haben. Auch für die Mathematik? Auch für die Mathematik!

Das heißt, in der Mathematik müssten sich dialektische Ansätze finden, selbst wenn noch kein Mathematiker je etwas von Dialektik gehört haben sollte. In der Tat, es gibt wohl kaum eine andere Wissenschaft, die so viele dialektische Ansätze zu ihrem Basiswissen zählt, wie die Mathematik. Nehmen wir als erstes die Null, deren Einführung als eine der größten Errungenschaften in der Geschichte der Mathematik gilt. Die Null ist ja auch etwas ganz Ungeheuerliches, denn sie bezeichnet etwas, das nicht existiert, mit einem Namen und einem Symbol. Das Nichts wird zu einer definierten Größe. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Etwas, was nicht vorhanden ist, wird zu einer definierten Größe, mit der man rechnen kann. Das Nichts als Rechengröße. Mit Logik hat das wenig zu tun. Da sich dieses Herangehen der Mathematiker bewährt hat, kann es jedoch kein Nonsens sein. Es ist zwar nicht unbedingt logisch, etwas Nichtvorhandenem eine konkrete Größe zuzuordnen, ein dialektischer Ansatz ist es allemal, denn eine der Grundüberzeugungen der Dialektik besagt, dass sich die Dinge und Erscheinungen nicht aus sich selbst heraus erkären lassen, dass sie sich vielmehr durch ihr Gegenteil definieren. Außerdem hat das Nichts als Zeichen des Nichtvorhandenseins selbst auch zwei Seiten. Einerseits kann etwas, das nicht vorhanden ist, keine praktische Relevanz besitzen, andererseits ist das Nichtvorhandensein eine Feststellung, aus der sich vielfältige Schlussfolgerungen ergeben können. Wenn beispielsweise bei einer bestimmten chemischen Reaktion Sauerstoff nachweislich nicht zur Verfügung stand, dann kann er auch keine Rolle gespielt haben. Diese Feststellung ist für die Bewertung einer chemischen Reaktion von erheblicher Bedeutung.

Das Gegenteil des auf diese Weise definierten Nichts ist das letztlich undefinierbare Unendliche. Unendlich kann unendlich groß bedeuten aber auch unendlich klein. Für diese Unendlichkeiten gibt es ein Symbol, mit dem die Mathematiker die tollsten Berechnungen anstellen. Auch das muss man noch einmal langsam wiederholen, weil es so unglaublich unlogisch ist. Unendlich impliziert „nicht erreichbar“. Ganz egal, wie weit man fortschreitet, es verbleibt immer noch ein Stück des Weges, der zu gehen ist. Umgekehrt kann man eine Strecke halbieren und deren eine Hälfte wieder halbieren und so fort. Die zu halbierende Strecke wird immer kleiner und doch gibt es immer wieder die Möglichkeit den verbleibenden Rest weiter zu teilen. Letztlich kann man also weder die eine noch die andere Unendlichkeit erreichen und damit auch nicht definieren – sagt mir die Logik. Mathematiker haben solche logischen Skrupel nicht. Man kann sich einer Unendlichkeit von immer kleineren Strecken mathematisch annähern und einen Grenzwert im Unendlichen berechnen. Auf diese Weise berechnet man auch den Punkt, an dem Achill die Schildkröte überholt. Und er überholt sie ja tatsächlich! Ähnlich „logisch“ ist übrigens die Feststellung der Astrophysiker, dass das Weltall unendlich groß sei und doch gleichzeitig räumlich begrenzt. Diese Beispiele vor Augen muss man wohl akzeptieren, dass sich die Wirklichkeit mit Logik allein nicht ausreichend beschreiben lässt. Wir brauchen die Dialektik, die die Dinge und Erscheinungen durch ihr Gegenteil definiert. Mit ihr lässt sich erklären, dass das eigentlich undefinierbare Unendliche durch sein Gegenteil, einen definierten Grenzwert oder eine räumliche Begrenzung, bestimmt ist.

Noch einmal zurück zur Null. Ihre tatsächliche Bedeutung geht natürlich weit über die Beschreibung des Nichtvorhandenseins hinaus. Um diese zu erfassen, müssen wir noch einmal zum Zählen zurückkehren. Die alten Römer hatten ein Zählsystem erfunden, das auf der Fünf, auf den fünf Fingern einer Hand, basierte. Ein Finger oder ein Zähler konnte durch eine Kerbe im Holz oder durch einen Strich auf dem Pergament festgehalten werden. Zwei Striche bedeuteten zwei gezählte Einheiten, drei Striche drei. Waren fünf zu zählende Dinge beisammen, dann hatte man eine Hand voll. Für die Handvoll wurde ein neues Zeichen benutzt. Zwei Handvoll erhielten wieder ein eigenes Symbol, das man dann, ähnlich den Einer-Symbolen additiv aneinanderreihen konnte. Der Nachteil dieses Systems war, dass man für größere Zahlen immer neue Symbole benötigte. Trotzdem erlangte dieses System durch die mit ihm gegebene Möglichkeit, ermittelte Mengen auf einfache Weise zu dokumentieren, große praktische Bedeutung. Für das eigentliche Rechnen, dem Herausfinden und Anwenden mengenmäßiger Zusammenhänge, war es dagegen wenig geeignet.

Die arabischen Zahlen, die ihren Ursprung wohl in Indien hatten, boten in dieser Hinsicht neue Möglichkeiten. Bei den arabischen Zahlen erhält jede Menge, beginnend mit dem Nichts, ein eigenes Symbol, eine Zahl. Das heißt, Symbole werden nicht additiv aneinandergereiht, sondern jeder Zählschritt bis zur Neun wird spezifisch benannt. Man könnte auch sagen, jeder Finger erhält einen eigenen Namen. Sind die Finger beider Hände abgezählt, dann entsteht etwas qualitativ Neues, denn, um weiterzählen zu können, muss eine zweite Zehnerreihe eröffnet werden. Diese zweite Reihe beginnt wieder bei Null. Die 10 versinnbildlicht also einerseits den Abschluss der ersten Zählreihe (zehn Finger) und gleichzeitig den Start der zweiten, die jedoch noch keine, also null Zähler, auf sich vereint. Wieder hat die Null also eine doppelte Bedeutung. Sie zeigt einerseits den Beginn einer neuen Qualität (zweite Zählreihe) an, die andererseits jedoch noch nicht zählbar (ohne Quantität) begonnen hat.

Ganz nebenbei beinhaltet der Übergang von der 9 zur 10 eine weitere in der Dialektik verankerte Gesetzmäßigkeit – den Übergang von Quantität in Qualität. In der Reihe von 0 bis 9 ruft jedes hinzukommende Zählstück ein neues Symbol, eine andere Zahl auf. Die Zahlen 0 bis 9 bilden damit eine eigene Qualität. Kommt beispielsweise zu 4 Stücken ein Stück hinzu, dann kann diese Menge wieder mit einer Zahl, nämlich der 5, benannt werden. Beim Übergang von der 9 zur 10 passiert jedoch etwas völlig anderes. Durch die Hinzunahme einer einzigen Quantität wird die Gruppe der einstelligen Zahlen verlassen. Es entsteht nun eine Zahl, die aus zwei Symbolen, aus zwei Ziffern zusammengesetzt ist. Das heißt, die Zahlen von 0 bis 9 werden in der zweistelligen Zahl zu Ziffern, zu Bestandteilen eines übergeordneten Größeren. Damit verkörpern die aus zwei Ziffern zusammengesetzten Zahlen eine neue Qualität. Sie öffnen den Horizont über das eigene Ich hinaus. Nicht nur die eigenen zehn Finger, die ganze Welt rückt jetzt in den Fokus des Zählens.

Eine weitere große Erfindung der Mathematiker waren die negativen Zahlen. Die Zahlen waren ursprünglich aus dem Zählen von Personen, Gegenständen oder was sonst noch wichtig ist im Leben entstanden. Negative Zahlen können aber nicht aus dem Zählen wirklicher Dinge hervorgegangen sein, denn sie sind in diesem Sinne nicht real. Niemand hat je minus ein Auto gesehen oder gehört. Und doch haben sich die negativen Zahlen als höchst brauchbar für die Beschreibung von Zusammenhängen erwiesen, da sie einen anderen Aspekt, eine andere Sicht auf die Dinge beschreiben. Positive Zahlen bezeichnen den Fakt des Vorhandenseins, negative Zahlen den Fakt des Fehlens. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Nur wenn etwas vorhanden war oder ist, kann man auch sein Fehlen feststellen und darüber hinaus die Quantität des Fehlenden bestimmen. Ebenso wäre die Feststellung des Vorhandenseins sinnlos, wenn es nicht die Alternative des Fehlens gäbe. Vorhandensein und Fehlen sind Gegensätze, die einander bedingen, wie sich auch hell und dunkel gegenseitig bedingen und letztlich nur zusammen einen Sinn ergeben. Sind eigentlich das Nichtvorhandensein und das Fehlen ein und dasselbe? Das Nichtvorhandensein (0) und das Fehlen (-x) bezeichnen Sachverhalte unterschiedlicher Bezugssysteme. Nehmen wir ein Beispiel. Wir sollen eine Truppe von Kämpfern aufstellen. Es gelingt uns zehn (+10) Männer zu rekrutieren. Die Männer haben aber keine (0) Waffen. Wenn jeder Mann mit einem Schwert ausgerüstet werden soll, dann fehlen zehn Schwerter (-10). Aus (0) vorhandenen Schwertern werden nun (-10) fehlende Schwerter. Wie geht das? Zuerst werden die zehn potentiellen Kämpfer beschrieben, die keine Schwerter tragen. Erst in dem Moment, da die Forderung aufgestellt wird, dass die Kämpfer Schwerter tragen sollen (neues Bezugssystem Kämpfer mit Schwert), wird klar, es fehlen zehn Schwerter. Das heißt, ein und derselbe Sachverhalt (nicht vorhandene Schwerter) erhält je nach dem Bezugssystem, in das er gestellt wird, unterschiedliche Bedeutung oder Relevanz.

In der Schule wurde uns die Systematik der Zahlen mit dem Zahlenstrahl erklärt. An dessen Anfang stand die Null, dann kamen nach rechts fortlaufend die positiven Zahlen, bis sich der Pfeil irgendwo im Unendlichen verlor. Die negativen Zahlen wurden in die andere Richtung, also nach links laufend, und ebenfalls einer Unendlichkeit zustrebend, dargestellt. Mit Hilfe dieses Modells konnte das Addieren und Subtrahieren von positiven und negativen Zahlen gut veranschaulicht werden. Allerdings hinterließ es bei mir auch Unbehagen, nämlich dann, wenn ich mir vorstellen wollte, wieso bei der Multiplikation einer beliebig großen positiven Zahl mit minus eins, das Ergebnis mit einem Mal am anderen Ende der Welt, respektive des Zahlenstrahls zu suchen sein sollte. Ich weiß nicht, ob mittlerweile ein andere Darstellung des Zahlenstrahls gibt, erforderlich wäre sie, denn +1 und -1 sind eben nicht nur entgegengesetzte Größen, sie bezeichnen auch zwei Seiten der selben Medaille. Wenn ein Koffer vorhanden ist oder ein Koffer fehlt, dann sind das zwei entgegengesetzte Sachverhalte. Trotzdem geht es jeweils um einen Koffer. Wenn es sich bei den positiven und negativen Zahlen also um zwei Seiten ein und derselben Medaille handelt, dann sollte dies auch durch den Zahlenstrahl widergespiegelt werden. Die Null wäre dann der Beginn des Zählens, sowohl der positiven Zahlen (zum Beispiel auf der Oberseite des Strahls dargestellt) als auch der negativen Zahlen (auf der Unterseite des selben Strahls). Beim Addieren und Subtrahieren würde sich das fortlaufende Zählen immer über die Null als Wendepunkt vollziehen. Die Multiplikation mit einer negativen Zahl bedeutet dann, dass man die Seite der Medaille, das heißt das Bezugssystem, wechselt. Das heißt, bei einer Multiplikation mit -1 verändert sich nicht die Position der Zahl auf dem Zahlenstrahl sondern lediglich die Seite des Strahls, auf der sie zu finden ist. Aus dem Vorhandensein wurde das Fehlen einer bestimmten Quantität.

Bisher haben wir nur die ganzen Zahlen, resultierend aus dem Zählen von Personen, Dingen und Prozessen betrachtet. Natürlich wurde auch mit halben Einheiten, zum Beispiel einem halben Laib Brot, oder anderen Bruchteilen eines Ganzen gearbeitet. Zunehmend entstand jedoch das Bedürfnis, die Dinge und Prozesse genauer zu beschreiben. Mit Hilfe von Messwerkzeugen ermittelten die Menschen ihre Abmaße und andere quantitativ bestimmbare Eigenschaften. Für das Festhalten der Messergebnisse reichten ganze Zahlen oder auch deren Bruchteile bald nicht mehr aus. Dieses Manko war im 10. Jahrhundert in den hoch entwickelten arabischen Ländern besonders spürbar, jedenfalls begann man dort, das bestehende Dezimalsystem um die Dezimalbrüche zu erweitern. Mit den Dezimalbrüchen ließen sich die immer genauer werdenden Messergebnisse hervorragend dokumentieren. In der Folgezeit entstand jedoch ein neues Problem, denn die Messergebnisse wiesen nicht immer das gleiche Maß an Genauigkeit auf. Wenn man diese unterschiedlichen Genauigkeiten bedenkenlos miteinander kombinierte, dann konnte das Ergebnis eine Genauigkeit vorgaukeln, die es in Wirklichkeit gar nicht besaß. Es galt also, das erreichte Maß an Genauigkeit, genauso wie den möglichen Fehler, sorgfältig zu bestimmen. War der ausgewiesene Fehler geringer als die sich aus dem praktischen Zweck der Messung abgeleitete mögliche Toleranz, dann galt die Ungenauigkeit als unproblematisch.

Wir hatten einen Lehrer, der uns den Unterschied von Genauigkeit und Scheingenauigkeit näherbringen wollte. Das Thema hat bei mir innere Gegenwehr erzeugt und mich wahrscheinlich deshalb bis heute beschäftigt. Nehmen wir als Beispiel folgende Aufgabe: 127 x 13,5. Man nimmt schnell einen Taschenrechner und erhält 1.714,5. Aber ist das richtig? Das Ergebnis wäre richtig, wenn die Aufgabe gewesen wäre 127,0 x 13,5. War sie aber nicht. Die Zahl 127 deckt nämlich die Spanne von 126,5 bis 127,4 ab. Das Ergebnis der Multiplikation könnte also einen Wert von 1.707,8 bis 1.719,9 haben. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, entweder man gibt einen mittleren Wert wie 1.714,5 als Ergebnis an und benennt gleichzeitig den Fehler, den dieses Ergebnis beinhalten kann, oder man bereinigt die Aufgabe dahingehend, dass ein gleiches, für beide Faktoren erreichbares Maß an Genauigkeit genutzt wird. Im zweiten Fall würde die Aufgabe dann 127 x 14 und das Ergebnis 1.778 lauten. Beide Wege haben offensichtlich Vor- und Nachteile. Das Beste ist, man erhöht, so es denn möglich ist, die Genauigkeit der Faktoren bis ein gemeinsames Niveau, zum Beispiel auf 127,1 x 13,5 = 1.715,85, erreicht ist. Aber halt, das Produkt kann nicht genauer sein als die Faktoren, aus denen es resultiert. Also muss das Ergebnis 1.715,9 lauten. Das Runden des Ergebnisses weist uns jedoch wieder auf einen möglichen Fehler hin. Außerdem ist der Faktor 127,1 ebenfalls bereits gerundet. Er könnte von 127,05 bis 127,14 alles beinhalten. Das gilt für den anderen Faktor in gleicher Weise. Was sollen wir tun? Wir erhöhen die Genauigkeit weiter! Das Dilemma verlässt uns jedoch nicht. Es bleibt uns, wenn auch auf immer höherer Ebene, erhalten. Ganz egal, was wir anstellen, wie genau wir unsere Messung auch durchführen, es bleibt immer ein bestimmtes Maß an Ungenauigkeit. Auf der einen Seite ist also die mögliche Anzahl der Ziffern hinter dem Komma unendlich, was die Darstellung einer unendlichen Genauigkeit ermöglichen würde, auf der anderen Seite ist eine absolute Genauigkeit nicht erreichbar und damit keine Option für die Praxis des Messens. In dieser Praxis muss man sich mit relativen Genauigkeiten begnügen, weshalb zu jedem Ergebnis eigentlich der Hinweis auf den möglichen Fehler gehört.

Dass beim Messen keine absolute Genauigkeit erreicht wird, heißt jedoch nicht, dass diese nicht existieren würde. Die absolute Größe tritt in der Praxis des Messens jedoch nur als relativ genaues Messergebnis in Erscheinung. Gäbe es keine absolute Genauigkeit, könnte es aber auch keine relativen Genauigkeiten geben. Beide Aspekte sind wiederum zwei Seiten der selben Medaille. Sie bilden einen dialektischen Zusammenhang, der, genauso wie positive und negative Zahlen, wie hell und dunkel, wie absolute und relative Geschwindigkeiten, nur in ihrer wechselseitigen Bedingtheit begriffen werden kann.

Welche Bedeutung haben die Grenzen in der Genauigkeit des Messens für unsere alltägliche Praxis? In erster Linie ist es erforderlich, sie zu beachten. In der Praxis hat sich gezeigt, dass für jeden Zweck ein bestimmtes Maß an Genauigkeit erforderlich und ausreichend ist. Für unsere Vorfahren bestand die Schwierigkeit meist darin, dass ihre Messverfahren die eigentlich notwendige Genauigkeit nicht liefern konnten. Heute verzeichnet man eher den Umstand, dass Genauigkeiten erzielt werden können, die weit über das notwendige Maß hinausgehen. Das kann durchaus zum Problem werden, weil bei einer Messung, die nicht von der praktischen Notwendigkeit sondern vom Drang nach Perfektion geleitet wird, mögliche Effektivitätspotentiale unausgeschöpft bleiben. Die Zahl Pi eignet sich hervorragend, diesen Zusammenhang deutlich werden zu lassen. Pi drückt das Verhältnis vom Umfang eines Kreises zu seinem Radius aus. Das spannende an Pi ist, dass man die Größe dieser Zahl nicht genau kennt, denn setzt man den Umfang eines Kreises zu seinem Radius ins Verhältnis, dann ergibt diese Rechnung kein endliches Ergebnis. Das ist theoretisch bewiesen. Ungläubige Praktiker haben Rechner losgejagt und Billionen Stellen nach dem Komma berechnen lassen, ohne zu einem Ende zu gelangen. Für die Zahl Pi gilt offensichtlich all das, was wir bisher schon über die Genauigkeit von Messergenissen gesagt haben. Pi ist einerseits eine relle Zahl, das heißt, sie ist in der Wirklichkeit existent. Gleichzeitig kann man sie nicht mit absoluter Genauigkeit bestimmen. Da man für jede praktische Anwendung ohnehin nur ein begrenztes Maß an Genauigkeit benötigt, ist dies jedoch nicht weiter von Belang. Es würde keinen Sinn machen, den Faktor Pi mit einer erheblich größeren Genauigkeit einzusetzen, als es die Genauigkeit der anderen zur Verfügung stehenden Messergebnisse hergibt.

 zuletzt geändert: 17.06.2019

Raum und Zeit

In einer astronomischen Beobachtungsstation hoch oben in den Anden sucht man das Universum systematisch nach auffälligen Ereignissen ab. Nehmen wir an, dabei werden eines Tages zwei Sternenexplosionen in unterschiedlichen Gegenden des Weltraumes registriert. Die Frage ist, ob man aus der gleichzeitigen Beobachtung der Ereignisse schließen kann, dass sie auch gleichzeitig stattgefunden haben? Die eine Explosion ereignete sich in einer Entfernung von einhunderttausend Lichtjahren, die andere von fünfzigtausend Lichtjahren. Das heißt, in dem einen Fall brauchten die Strahlen, die uns von der Sternenexplosion berichten, einhunderttausend Jahre bis sie unser Teleskop erreichten, in dem anderen Fall waren es fünfzigtausend Jahre. Anders gesagt, die beiden Explosionen fanden mit einem riesigen zeitlichen Abstand statt, obwohl sie auf der Erde zur gleichen Zeit beobachtet wurden.

Man stelle sich nun vor, es gab da noch jemanden, der Sternenexplosionen beobachtete. Er befand sich allerdings auf einem anderen Planeten, irgendwo in den Tiefen des Universums. Von dessen Standpunkt aus war die Entfernung zur Explosion A zwar mit der Entfernung der Erde zu dieser Explosion vergleichbar, aber seine Entfernung zur Explosion B war um zwanzigtausend Lichtjahre größer. Er konnte daher nur die Explosion A registrieren, und dies ungefähr zur gleichen Zeit wie auf der Erde. Die Strahlung von Explosion B wird irgendwann auf seinem Planeten eintreffen, wenn er und seine Nachfahren vermutlich längst nicht mehr existieren. Falls er eine Nachricht zur Erde gesandt hat, um seine Beobachtung zur Explosion A mitzuteilen, dann wird das beschriebene Ereignis für die bei der Ankunft der Nachricht lebenden Erdenbewohner in einer kaum mehr nachvollziehbaren Vorzeit gewesen sein. Die großen räumlichen Entfernungen des Alls führen alle irdischen Vorstellungen von zeitlichen Abfolgen ad absurdum.

In welchem Verhältnis stehen also Raum und Zeit zueinander?

Wir gehen in unseren Überlegungen davon aus, dass die Welt aus Strukturen und deren Bewegungen besteht, aus nichts sonst. Was sind dann aber Raum und Zeit? Die Strukturen brauchen für ihre Existenz Raum. So gesehen, ist Raum eine Existenzvoraussetzung der Strukturen. Damit impliziert Raum etwas, das vorhanden ist. Genauso, wie jede Struktur Bestandteil einer übergeordneten Struktur ist, so ist auch ihr Raum Bestandteil eines übergeordneten Raumes. Der Raum, den eine Pflanze einnimmt, ist Bestandteil des Raumes der Wiese, auf der sie wächst. Der Raum der Wiese ist Bestandteil des Raumes der Stadt, in dem die Wiese liegt. Der Raum der Stadt ist wiederum Bestandteil eines größeren Raumes und so weiter. Letztlich gehören alle irdischen Strukturen zum Erdenraum oder, wenn man den Bogen weiter spannen will, zu dem einen universellen Raum, dem Universum.

Auf der anderen Seite existieren Strukturen nur in Bewegung. Bewegungen sind räumliche Veränderungen in der Zeit. Man kann also sagen, Zeit ist die Existenzweise der Bewegungen. Sie bezieht ihren Sinn daraus, dass sich in ihrem Verlauf eine Bewegung, eine Veränderung vollzieht. Jede Bewegung hat ihre Zeit, die wiederum Bestandteil der Zeit einer übergeordneten Struktur respektive Bewegung ist. Die Zeit, in der unsere Pflanze existiert, ist Bestandteil der Zeit, in der die Wiese besteht. Verschwindet die Wiese, weil eine Siedlung gebaut werden soll, dann ist auch die Zeit der Pflanze abrupt beendet. Sollte die Erde von einem großen Asteroiden getroffen werden, dann wäre wohl nicht nur die Zeit der Pflanze und der Wiese vorüber. Ein derartiges Ereignis könnte das Ende von Raum und Zeit unseres Planeten mit allem, was darauf ist, bedeuten.

Der Gedanke an solch ein Ende ist unerfreulich, schauen wir lieber auf den Anfang. Wie entstehen Raum und Zeit? Raum und Zeit entstehen mit den Strukturen. Aus einem Keim wächst eine Pflanze. Dazu sind Wasser, Luft, Mineralien und vor allem Energie erforderlich. Mit ihrem Wachstum dehnt sich die Struktur „Pflanze“ aus, sie erobert Raum. Sie schafft sich Raum. Dann wird es Herbst, die Energie der Sonne sprudelt nicht mehr im Überfluss. Der Pflanze gehen die Lebensgrundlagen aus, sie verwelkt. Ihre Zeit neigt sich dem Ende entgegen. Sie stirbt ab. Der Raum, den sie einnahm, existiert zwar noch in Form der Wiese, als Raum der Pflanze ist er jedoch mit der Pflanze vergangen. Anders gesagt, die Pflanze schafft sich in der Zeit des Werdens ihren Raum, der mit ihrem Vergehen wieder verschwindet. Was für unsere Pflanze gilt, gilt auch für alle anderen Strukturen.

Wenn sich eine Struktur durch ihre Bewegung Raum schafft, dann muss auch die Umkehrung gelten, das heißt, dort, wo sie sich nicht bewegt, dort ist für sie kein Raum. Führt man einem Gas Energie zu, dann intensiviert sich die Bewegung seiner Moleküle. Das Gas dehnt sich aus, es schafft sich Raum. Man könnte einwenden, dass dieser Raum auch vorher vorhanden war, nur nicht mit dem Gas befüllt. Aber, genau das ist der Punkt. Für das Gas gibt es nur den Raum, in dem es sich gerade bewegt, was man auch daran erkennt, dass es nur mit Stoffen, die in diesem Raum vorhanden sind, reagieren kann. Alle Stoffe, die außerhalb seines Raumes sind, tangieren unser Gas nicht, führen zu keinerlei Reaktion. Was für unser Gas gilt, gilt auch für alle anderen Strukturen.

Genauso, wie es keine Strukturen ohne Bewegung gibt und wie keine Bewegung ohne eine Struktur, die sich bewegt, existieren kann, genauso gibt es keinen Raum ohne Strukturen, die sich bewegen und keine Zeit ohne Veränderungen. Schon aus diesem Grund sind weder ein absolutes Vakuum (Strukturlosigkeit) noch der absolute Nullpunkt (Bewegungslosigkeit) herstellbar beziehungsweise erreichbar.

Das Universum ist, soweit wir wissen, nicht Bestandteil einer noch größeren Struktur. Es selbst besteht aus Galaxen, Sonnensystemen und vielen anderen Teilen, die ihrerseits strukturiert, das heißt, aus kleineren Teilen aufgebaut sind. Letztlich besteht alles aus Energie, die zwar eine Partikelform annimmt, welche selbst aber nicht aus noch kleineren Bestandteilen aufgebaut ist. Doch wie ist das Universum entstanden? Nach einer weithin akzeptierten Theorie ist es Resultat eines Urknalls, durch den ein unglaublich komprimierter Masseklumpen in ein Meer sich chaotisch bewegender Energiepartikel verwandelt wurde. Der Raum, den der Masseklumpen eingenommen hatte, war vergleichsweise winzig. Mit dem Urknall dehnte er sich schlagartig aus. Außerdem setzte ein Expansionsprozess ein, der zur permanenten Vergrößerung des Raums, in dem sich die Energiepartikel bewegten, führte. Mit der Vergrößerung des Raums verringerte sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie miteinander kollidierten. Größere Strukturen konnten entstehen und sich behaupten. Ein Universum entstand, das aus verschiedenartigen Teilen aufgebaut war. Alle diese Strukturen, genauso wie ihre Teile, bewegen sich und generieren dabei Kräfte. Diese Kräfte begründen ein Wirkungsgefüge, das sich mit der Struktur, in der es entstand, verändert, ausbreitet und gegebenenfalls auch untergeht. Das heißt, nicht Kräfte breiten sich aus, sondern es sind die Strukturen, die samt den ihnen immanenten Bewegungen und Kräften entstehen, sich ausbreiten, verändern oder auch untergehen.

Die Veränderung eines Bestandteils im Wirkungsgefüge der Struktur hat Auswirkungen auf alle anderen Bestandteile wie auch für die Struktur als Ganzes. Da dieses Ganze Teil einer größeren Struktur ist, ist auch diese samt ihrer Bestandteile betroffen. Resultat ist eine Kaskade von Anpassungsprozessen, die, da sie Veränderungen beinhalten, jeweils weitere Anpassungen nachsichziehen. Wenn wir eine Veränderung registrieren, beobachten wir also nicht die Veränderung von Kräften, sondern die Reaktion respektive Anpassung der Betroffenen auf ein sich veränderndes Wirkungsgefüge. Nehmen wir ein Beispiel. Wenn wir Massen wiegen, dann bestimmen wir mit dem Gewicht nicht die Wirkungskraft der Gravitation, sondern wir vergleichen die unterschiedliche Reaktion der Massen auf die als gleichbleibend angenommene Kraft. Wenn wir das Gewicht von ein und derselben Masse am Äquator und am Pol messen, dann sind die ermittelten Unterschiede im Gewicht zwar auf Unterschiede in der Wirkungskraft der Gravitation zurückzuführen, mit unserer Messung bestimmen wir jedoch wiederum nicht die jeweilige Größe der Gravitation, sondern wir vergleichen die Reaktion unserer Masse hinsichtlich der Unterschiede der am Pol beziehungsweise am Äquator wirkenden Kraft. Führt man diesen Gedanken fort, dann gilt auch für  „Gravitationswellen“, dass man mit ihnen nicht die Veränderung einer Kraft registriert, sondern die Auswirkungen, die eine bestimmte Veränderung im Wirkungsgefüge des Universums, auf die Erde oder ein anderes Objekt im Universum hat. Aus dieser Veränderung lässt sich schlussforlgern, dass es eine Ursache, das heißt, eine gravierende Veränderung im Wirkungsgefüge des Universums gab, die zu zeitlich und räumlich differenzierten Anpassungsprozessen seiner Teile führte.

Sind unsere Überlegungen zum Verhältnis von Raum und Zeit auch für irdische Ereignisse von Bedeutung? Wenn man Blitze beobachtet, die zwei Kilometer entfernt niedergehen, dann hört man den dazugehörenden Donner mit einer zeitlichen Verzögerung, denn der Schall des Donners braucht einige Zeit, bis er den Beobachter erreicht. Aus der zeitlichen Differenz beider Beobachtungen kann man die Entfernung des Gewitters abschätzen. Dabei sollte man nicht übersehen, dass auch das Licht des Blitzes eine gewisse Zeit benötigt, um zum Beobachter zu gelangen. Selbst ein Beobachter vor Ort ist nicht Teil des Geschehens, das heißt, genau genommen, muss auch er die räumliche Distanz und damit eine zeitliche Abweichung zwischen Ereignis und Beobachtung berücksichtigen. Auf der Erde gilt demnach, genauso wie im Universum, dass die Ereignisse und deren Beobachtung nicht nur räumlich sondern auch zeitlich auseinanderfallen. Im Alltag kann man diesen Aspekt meist vernachlässigen, zumindest, wenn das äußerst schnelle Licht als Träger der Nachricht dient. Im Makrokosmos sieht das anders aus. Dort sind durch die großen räumlichen Distanzen das Ereignis und seine Beobachtung klar unterschiedene Dimensionen, die zwar einander bedingen, die aber keinesfalls gleichzusetzen sind.

Im Mikrokosmos tun sich ebenfalls Probleme auf, denn die Strukturen sind außerordentlich klein und in kaum vorstellbaren Geschwindigkeiten unterwegs. Das hat zur Folge, dass sich die Position und die Geschwindigkeit eines Elektrons nicht gleichzeitig exakt bestimmen lassen. Ebenso lässt sich der Abstand zweier Teilchen zueinander nicht ermitteln, da durch deren Dynamik jede Messung bereits im selben Augenblick hinfällig wäre. Halten wir also fest, weder im Mikrokosmos noch im Makrokosmos kann man die Lage von Strukturen im Raum oder ihre Geschwindigkeit, dass heißt ihre Bewegung in der Zeit, zweifelsfrei ermitteln. Jede Beobachtung eines Außenstehenden ist durch seine räumliche und damit zeitliche Distanz zum Ereignis beeinflusst. Unsere Alltagserfahrungen auf Erden sind demnach als Sonderfall zu verstehen, der nicht verallgemeinerungsfähig ist.

zuletzt geändert: 21.10.2019